Dran bleiben – nicht zurückziehen!
Hans Weber ist 58 Jahre alt, lebt in Berlin und ist von der Alzheimer-Krankheit betroffen.
Herr Weber, Sie sind jetzt im Ruhestand. Was haben Sie davor beruflich gemacht?
Hans Weber: Ich war über 30 Jahre Lehrer und in den letzten Jahren Rektor einer Gesamtschule. Ich war Lehrer mit Leib und Seele und habe mit den Schülerinnen und Schülern gerne Klassenfahrten gemacht, auch ins Ausland, z. B. in die Türkei.
Freter: Wie hat es mit Ihrer Erkrankung angefangen?
Hans Weber: 2004 war ich mit einer Klasse zu einem mehrtägigen Aufenthalt im Norden Berlins. Obwohl es nur wenige Tage waren, war es für mich ungewohnt anstrengend. Einige Zeit später wollte ich im Leistungskurs Mathematik etwas an der Tafel entwickeln und bin dabei gescheitert. Ich habe dann auf dem Flur gesessen und geheult und mir gesagt: „Du kriegst das nicht mehr hin.” Ich bin zum Hausarzt gegangen, der mich mehrmals krankgeschrieben hat. Dann musste ich zum Amtsarzt und wurde mit 54 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.
Freter: Mit der Diagnose Alzheimer?
Hans Weber: Nein, es gab keine klare Diagnose. Im Ruhestand ging es mir zunächst recht gut, da es die schulischen Belastungen nicht mehr gab. Als ich einige Zeit später mehrmals einen starken Druck im Kopf hatte, bin ich im März 2006 zu einem Neurologen gegangen. Dort wurden Gedächtnistests und weitere Untersuchungen gemacht. Schließlich sagte mir der Arzt: „Ihr Gehirn ist geschrumpft. Sie haben Alzheimer und Medikamente gibt es nicht”.
Freter: Keine weitere Aufklärung und Beratung?
Hans Weber: Nein, nichts, auch keine Hinweise auf die weitere Lebensweise und positive Aktivitäten. Natürlich gab es damals auch Medikamente.
Freter: Was haben Sie dann gemacht?
Hans Weber: Ich habe mich noch mal in der Gedächtnissprechstunde einer Universitätsklinik untersuchen lassen. Das Ergebnis war: „Alzheimer 100 Prozent.” Dort wurde ich beraten und mir wurde ein Antidementivum verschrieben, das ich bis heute nehme. Seit zwei Jahren lebe ich also mit der Diagnose Alzheimer.
Freter: Wie macht sich Ihre Krankheit im Alltag bemerkbar?
Hans Weber: Also, ich krieg noch alles auf die Reihe. Nur manchmal bin ich etwas nervös, etwa beim Bezahlen an der Ladenkasse. Oder neulich beim Check-in auf dem Flughafen. Autofahren auf vertrauten Strecken ist noch kein Problem, aber seit einiger Zeit mag ich nicht mehr auf die Autobahn fahren. Manchmal suche ich nach dem richtigen Wort.
Freter: Wie sieht Ihr Alltag aus?
Hans Weber: Ich gehe jeden zweiten Tag in einen Fitnessclub, schwimme dort und trainiere an Geräten. Bei mir um die Ecke ist ein Park, wo ich viel Spazieren gehe. Bewegung und frische Luft tun mir gut. Auch geistig versuche ich fit zu bleiben. Ich lese jeden Tag Zeitung, lese Bücher, nutze das Internet, auch um mich über Neuigkeiten zum Thema Alzheimer zu informieren.
Freter: Wie ist es mit Ihren sozialen Kontakten?
Hans Weber: Ich lebe alleine, habe aber einen großen Freundeskreis,
kenne viele in der Nachbarschaft. Zu meinem letzten Geburtstag waren 17 Leute hier. Seit vielen Jahren mache ich mit Lehrerkollegen größere Reisen in den Sommerferien. Auch dieses Jahr haben wir uns etwas vorgenommen.
Freter: Haben Sie mal an die Zukunft gedacht, wenn es Ihnen nicht mehr so gut geht?
Hans Weber: Ich habe mir für alle Fälle mal ein Heim angesehen. Aber das ist nicht aktuell. Und ein Testament, eine Betreuungsverfügung usw. will ich demnächst endlich machen.
Freter: Haben Sie Kontakt zu einer Alzheimer Gesellschaft?
Hans Weber: Ja, von der Gedächtnissprechstunde habe ich eine Adresse bekommen. Ich habe mich beraten lassen und mehrere Broschüren gelesen.
Freter: Interessiert Sie der Kontakt zu einer Gruppe von Menschen in einer ähnlichen Situation?
Hans Weber: Fände ich sehr interessant, wenn Sie da eine Adresse haben.
Freter: Welche Tipps haben Sie für andere, die relativ jung an einer Demenz erkranken?
Hans Weber: Nicht zurückziehen, sondern dran bleiben! Versuchen, weiterhin alles hinzukriegen. Bleiben Sie körperlich und geistig in Bewegung.
Freter: Herr Weber, ich wünsche Ihnen, dass Sie alles weiterhin so gut hinkriegen. Herzlichen Dank für das Gespräch!
Die Fragen stellte Hans-Jürgen Freter.

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