Zehn Minuten

Freitag, 31. Oktober 2008 von Heidi

Gestern Abend in der U-Bahn tönte eine Kinderstimme hinter mir: Pappa, wie lange dauern zehn Minuten?“ – Ich lächelte in mich hinein, wusste die Antwort: „solange, sie eben dauern. Wenn du auf etwas wartest, dauern sie ganz lang. Wenn etwas Aufregendes passiert, sind sie in Ruckzuck vorbei.“ Der Vater antwortete völlig anders „600 Sekunden“. – Verblüffend!

Diese Frage ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wielange dauern zehn Minuten? Wieviel Zeit verbringe ich mit meiner demenzkranken Mutter wirklich? Bisher dachte ich, zwei lange Stunden jeden Morgen und abends zwei bis drei Stunden, das reicht doch. Jeden Tag. Vom Aufstehen bis zu dem Moment, wenn sie am Frühstückstisch sitzt und ich zur Arbeit muss. Wenn ich aus dem Haus gehe weiß ich, Mutter ist gut versorgt.

Wirklich? Wie lange sind wir in diesen zwei Stunden morgens WIRKLICH miteinander zusammen? Die Zeit geht drauf mit solch wichtigen Aktivitäten wie Toilettengang, Zähneputzen, Kämmen, Ankleideversuchen. Dazwischen schnell das Bett machen. Damit es ordentlich aussieht. Dazwischen aufpassen, dass Mutter sich nicht wieder das Nachthemd über das Kleid zieht. Dazwischen schnell die Blumen im Nachbarraum gießen. Viele Dazwischens. Wenn Mutter endlich am Frühstückstisch sitzt, bin ich geschafft. Dann ist es höchste Zeit, zur Arbeit zu gehen und ich habe selber noch keinen Schluck Kaffee gehabt, den Anweisungszettel für Mutters Mittags-Besucherdienst noch nicht geschrieben. Wieder ein Tag, an dem ich zu spät ins Büro kommen werde.

Wieviele Minuten sind wir in diesen zwei Stunden wirklich zusammen gewesen? Vielleicht zehn. Nämlich dann, wenn ich mich neben sie auf die Bettkante setze, den Arm um sie lege und Guten Morgen wünsche. Frage, ob sie sich wohl fühlt. Ihr von meinem Traum erzähle und sie mir aufmerksam zuhört. Dann – und nur in diesem Moment sind wir wirklich zusammen. Danach beginnt der Alltag. Während Mutter mühsam meinen Anleitungen zu Morgenhygiene und Ankleiden nachhinkt, tickt für mich die Uhr, bin ich innerlich gar nicht mehr da. Der Zeitdruck stresst uns beide bis zum Anschlag.

Zwei lange Stunden jeden Morgen bei Mutter sind keine zwei vollen Stunden. Sind keine hundertzwanzig Minuten sondern maximal zehn Minuten. Wielange dauern echte zehn Minuten? Reichen sie aus, damit Mutter sich einen ganzen Tag lang geborgen fühlt?

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Darf ich für dich denken?

Donnerstag, 30. Oktober 2008 von Wilfried Georgi

In der Küche arbeitend höre ich meine Waltraud im Wohnzimmer herzzerreißend weinen und schluchzen. Ich lasse die Arbeit ruhen, gehe zu ihr und frage: “Was hast du mein Schatz?”. Nach ein paar Atemzügen mit weinerlicher Stimme: “Ich weiß nicht wer ich bin – wer bist du? – wo sind wir hier? -  nach einer größeren Pause, in der ich ratlos daneben stehe die schrecklich Feststellung: “Ich kann gar nicht mehr richtig denken!”. -

Da kniee ich vor ihr, meinen Kopf in ihrem Schoß und weine bitterlich – solch schreckliche Feststellung!

“Du kannst nicht den Schwächling machen” schießt es mir durch den Kopf und schon sitze ich neben ihr, halte sie ganz fest, ziehe sie noch enger, ganz eng an mich und frage sie: “Kannst nicht mehr richtig denken?” – “Nein” kommt es mit weinerlicher Stimme von ihr zurück.

Da muss eine Hilfe her! – Ich: “Darf ICH dann für dich denken?” – “Ach bist du ein guter Mann, du bist der beste Mann der Welt!” kommt ihre Antwort mit großer Freude, unterstrichen wieder mit Tränen.

“Das stimmt, aber du brauchst einen guten Mann, du bist nämlich die beste Frau der Welt” – und schon liegen wir uns in den Armen und besiegeln diese schreckliche und doch wunderbare Zweisamkeit mit unendlich vielen Küssen und weinen vor Glück um die Wette.

Noch heute bin ich tief betroffen und lasse den Tränen feien Lauf. Welch wunderbare Erkenntnis! Ein guter Mann und die beste Frau der Welt! Ich musste nun nicht nur, ich konnte auch für sie denken, mich in sie hineinversetzen, ihre Gefühle selbst spüren – wir waren nach 48 Jahren völlig EINS geworden. Nach weiteren 4,5 Jahren, 2,5 Jahre nach der Goldenen Hochzeit, bei deren Fotos nur der geschulte Blick eine Alzheimerdemenz erkennt, durfte sie nach nur 2 Stunden Bettlägerigkeit im häuslichen Frieden ans andere Ufer wandern.

“Herr wie sind doch deine Werke so groß!” war mein erstes Dankgebet -ER hatte uns vor den gefürchteten schwierigsten Phasen dieser Scheißkrankheit bewahrt, von einer 7,5 Jahre langen Abschiedsreise erlöst, uns beide.

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