Donnerstag, 18. Dezember 2008 von Heidi
Meine demenzkranke Mutter zeigt fast ununterbrochen ein breites Grinsen. Sie ist deshalb in ihren Betreuungsgruppen ungemein beliebt. Viele kommen ihr besonders nett entgegen.
Mittlerweile habe ich herausgefunden, ob sie wirklich strahlt oder nur die Zähne bleckt. Letzteres kombiniert mit Stirnrunzeln bei Konzentration. Es gibt das verzweifelte Lächeln und die Hilflos-Version. Egal welche Variante im Einsatz ist, sie führt dazu, in der Straßenbahn, dass Wildfremde uns spontan freundlich zunicken, zurücklächeln, während sie den Rest der Fahrt ernst dreinschauen, deutlich bemüht, jeden Blickkontakt zu vermeiden. Mutter’s Lächeln dagegen löst sehr leicht ein nettes Schwätzchen aus.
Auch ich lächle meine Mutter oft an. Ein Freund hat mir dazu ein Patentrezept verraten. Nämlich, so ZU TUN, als lächelte ich wirklich. Es geht ganz einfach, wenn Sie wollen, probieren Sie es gleich mal aus. Jetzt beim Lesen, später vor dem Spiegel.
Sprechen Sie den Buchstaben E (wie Emil) leise und langgezogen aus. EEE! Was passiert? Die Mundwinkel, auf die Sie gerade beinahe drauftreten, wandern nach oben. Die Lippen öffnen sich, die Zähne blitzen. Ähnlich wie beim Fotografieren, wenn alle „sexy“ sagen sollen. Wir grinsen dann. Beim EEE gibt es aber keine Assoziation die uns ablenkt. Ich kann das EEE-Lächeln auch zum Strahlen bringen. Je höher die Tonlage beim Aussprechen, desto näher bin ich am wirklichen Lächeln. Mittlerweile klappt es, einfach nur EEE zu denken. Recht schnell entsteht daraus echt gute Laune.
Wir spielen jetzt immer öfter das EEE-Spiel: ich schaue meine Mutter an und sage EEE. Ab der vierten, fünften Wiederholung antwortet sie mit EEE. Und fast automatisch sagt unser Sitz-Gegenüber „Süüüß!“ Die Demenz ist für einen Augenblick vergessen. Probieren Sie es aus!
Stichwörter: Stressbewältigung
Donnerstag, 11. Dezember 2008 von Susanna S.
Am 1. Advent ist meine Großmutter gestorben. Wir haben an diesem Tag ihren 97. Geburtstag mit ihr gefeiert. Vor mehr als 11 Jahren ist bei ihr eine Demenz – “Alzheimer mit untypischen Verlauf” – diagnostiziert worden und seit 5 1/2 Jahren hat sie in einem Heim gelebt.
Lange Zeit ging es meiner Großmutter im Heim relativ gut. Sie fühlte sich wohl und gut versorgt und die Demenz schritt so langsam voran, dass wir manchmal an der Dignose zweifelten. Erst in den letzten Monaten baute sie auch körperlich sehr ab und verbrachte die letzte Woche vor ihrem Geburtstag im Krankenhaus. Wir haben sie als ganze Familie dort besucht. Wie eine Antwort auf ihre ständig wiederkehrende Frage “Wen hab ich denn noch? Wer gehört denn noch zu mir?” haben sich an diesem Tag alle, die noch zu ihr gehörten, bei ihr versammelt. An ihrem letzten Tag war sie schon nicht mehr ganz in unserer Welt. Sie öffnete die Augen nicht mehr und konnte auch nicht mehr mit Worten auf unsere Zuwendung reagieren. Trotzdem merkten wir immer wieder, dass sie uns, die Gebete, die wir sprachen, und die Lieder, die wir sangen, wahrnahm. Der Anblick meiner Großmutter, die so dünn und schwach geworden war, rührte mich zu Tränen. Die heftige Reaktion meines 18jährigen Sohnes hat mich dennoch überrascht. Er brach in Tränen aus und war untröstlich. (Weiterlesen
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Stichwörter: fokus, Kinder, Krankenhaus, Tod
Mittwoch, 10. Dezember 2008 von DAlzG
Bei unserer Arbeit haben wir festgestellt, dass es bestimmte Themen gibt, die zwar eigentlich wichtig sind, aber im Alltag untergehen, weil man einfach nicht daran denkt.
So wie im Beitrag von Susanna S., die erst beim Tod ihrer Großmutter festgestellt hat, dass ihr Sohn mit der Krankheit seiner Uroma große Probleme hatte.
Wir werden hier zukünftig alle 2-3 Monate ein Fokusthema veröffentlichen, um genau diese besonderen Aspekte im Blog verstärkt zu diskutieren. Beiträge zu anderen Themenbereichen sind natürlich auch immer gewünscht.
Wir hoffen damit beitragen zu können, bislang zu wenig beachtete Schwerpunkte den Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten näher bringen zu können. Wir freuen uns über zahlreiche Beiträge und Kommentare!
Meine Oma hat Alzheimer
Ich wohne in Berlin und meine Großeltern in Süddeutschland. Wenn wir sie besucht haben, hat meine Oma mich immer wieder mitgenommen, und wir sind Schuhe kaufen gegangen. Im Winter waren es Winterstiefel, im Sommer Sandalen. Später hat sie meiner Mutter Geld gegeben, damit ich mit ihr Schuhe kaufen gehen kann. Heute hat sie es ganz vergessen und meist weiß sie auch nicht mehr, wer ich bin. Ich glaube schon, dass mich meine Oma mag. Sie war ganz lieb zu mir und hat sich gefreut, wenn ich kam. Wir haben auch viel miteinander gespielt. „Mensch ärgere dich nicht“ mochte sie besonders gern. Doch dann hat es mir keinen Spaß mehr gemacht, weil sie ihre eigenen Regeln erfunden hat. Sie setzte ihre Kegel auf das Feld und wanderte schnurstracks rückwärts ins Ziel. Das hat mich dann geärgert, und wir haben nicht weiter gespielt. Was meine Oma nicht mochte war, wenn mein Cousin kam und wir das Sofa als Turngerät nutzten. Das Laute war ihr häufig zu viel und sie schimpfte mit uns.
Meine Mutter hat Oma oft gebadet oder ihr beim Waschen geholfen. Manchmal hat sie mich gebeten, bei ihr zu bleiben, weil sie noch etwas holen musste. Oma wollte dann oft hinterher. Manchmal hörte sie nicht auf mich. Dann habe ich sie an der Hand genommen, und ihr gesagt, sie soll doch bei mir bleiben. Das hat geholfen. (Weiterlesen
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Stichwörter: demenz, fokus, Kinder
Mittwoch, 10. Dezember 2008 von Heidi
Die alten Zähne waren schlecht und man begann sie auszureißen. Die neuen kamen gerade recht, um damit in das Gras zu beißen – so eines der vielen Gedichte von Heinz Erhardt.
Aber wie sich der Patient in der Zwischenzeit ernährt hat, das schreibt er nicht.
Vorgeschichte: Zu Mutter’s Lieblingsbeschäftigungen beim Essen gehörte immer das Abknabbern von Knochen.. Dieses Vergnügen war eingeschränkt, seit sie Ihre Vollprothese vor acht Jahren bekam. Ab dann war Abbeißen, auch eine Brotkruste, schwer. Monatelang hat sie darüber geklagt, dass es drücke. Damals war Demenz noch ein Fremdwort.
Vor drei Monaten mussten die letzten beiden Zähne im Unterkiefer entfernt werden. Seither liegt die tolle Prothese nur locker auf. Beim Zähneziehen waren wir zu dritt. Zwei Personen zum Festhalten, die Dentistin brauchte eine Viertelstunde, denn Mutter kniff den Mund zu, in Panik. Die Idee der Vollkarkose kam auf.
Bevor wir jetzt mit der Anpassung der Unterprothese beginnen, frage ich mich, wann die beiden Haltezähne der oberen Prothese rausmüssen, und dann das Ganze von vorn?
Seit etwa sechs Wochen versteht meine Mutter nicht mehr, dass sie die obere Prothese einklicken muss, wie in einen Druckknopf. Und es geschieht nun regelmäßig, dass sie von ihrer Betreuungsgruppe kommt – zahnlos lächelnd. Die beiden Teile in Küchenpapier gewickelt finde ich in der Handtasche. Heute, beim Abschied, sagte ich „gib mir einen Kuss“ : sie lächelte und nahm die oberen Zähne heraus, hielt sie mir hin. (Weiterlesen
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