Im Fokus: Wie gehen Kinder mit Demenz um?
Bei unserer Arbeit haben wir festgestellt, dass es bestimmte Themen gibt, die zwar eigentlich wichtig sind, aber im Alltag untergehen, weil man einfach nicht daran denkt.
So wie im Beitrag von Susanna S., die erst beim Tod ihrer Großmutter festgestellt hat, dass ihr Sohn mit der Krankheit seiner Uroma große Probleme hatte.
Wir werden hier zukünftig alle 2-3 Monate ein Fokusthema veröffentlichen, um genau diese besonderen Aspekte im Blog verstärkt zu diskutieren. Beiträge zu anderen Themenbereichen sind natürlich auch immer gewünscht.
Wir hoffen damit beitragen zu können, bislang zu wenig beachtete Schwerpunkte den Betroffenen, Angehörigen und Fachleuten näher bringen zu können. Wir freuen uns über zahlreiche Beiträge und Kommentare!
Meine Oma hat Alzheimer
Ich wohne in Berlin und meine Großeltern in Süddeutschland. Wenn wir sie besucht haben, hat meine Oma mich immer wieder mitgenommen, und wir sind Schuhe kaufen gegangen. Im Winter waren es Winterstiefel, im Sommer Sandalen. Später hat sie meiner Mutter Geld gegeben, damit ich mit ihr Schuhe kaufen gehen kann. Heute hat sie es ganz vergessen und meist weiß sie auch nicht mehr, wer ich bin. Ich glaube schon, dass mich meine Oma mag. Sie war ganz lieb zu mir und hat sich gefreut, wenn ich kam. Wir haben auch viel miteinander gespielt. „Mensch ärgere dich nicht“ mochte sie besonders gern. Doch dann hat es mir keinen Spaß mehr gemacht, weil sie ihre eigenen Regeln erfunden hat. Sie setzte ihre Kegel auf das Feld und wanderte schnurstracks rückwärts ins Ziel. Das hat mich dann geärgert, und wir haben nicht weiter gespielt. Was meine Oma nicht mochte war, wenn mein Cousin kam und wir das Sofa als Turngerät nutzten. Das Laute war ihr häufig zu viel und sie schimpfte mit uns.
Meine Mutter hat Oma oft gebadet oder ihr beim Waschen geholfen. Manchmal hat sie mich gebeten, bei ihr zu bleiben, weil sie noch etwas holen musste. Oma wollte dann oft hinterher. Manchmal hörte sie nicht auf mich. Dann habe ich sie an der Hand genommen, und ihr gesagt, sie soll doch bei mir bleiben. Das hat geholfen.
Bei schönem Wetter saß Oma ganz oft draußen in ihrem Stuhl. Sie war ganz braun im Gesicht und auf den Armen. Manchmal kam es dann vor, dass sie einfach weggegangen ist. Wir sind dann die ganzen Straßen abgelaufen und haben nach ihr gesucht. Das war schlimm – ich habe mir richtig Sorgen um sie gemacht. Ich war sehr froh, als wir sie wieder gefunden hatten.
Heute bin ich 11 Jahre und meine Oma lebt im Altenheim. Sie mag es sehr gerne, wenn wir singen. Meine Mutter kennt sie nicht mehr, meinen Vater auch nicht, doch von manchen Liedern kennt sie noch alle Strophen, z.B. von „Auf der schwäbischa Eisenbahna.“ Mein Opa ist jetzt ganz allein in dem großen Haus und manchmal fühlt er sich sehr einsam. Er ist auch traurig, dass Oma im Heim ist.
Ich weiß schon seit langem, dass meine Oma krank ist. Man muss sich damit zurechtfinden, dann wird es leichter. Ich kenne sie ja fast nur krank und kann mich kaum noch daran erinnern, wie sie vor ihrer Krankheit war. Nur manchmal, wenn meine Freundinnen von ihren Großeltern erzählen, was sie alles mit ihnen machen, dann stimmt es mich traurig. Dann denke ich daran, dass ich zwar zwei lebendige Omas habe, aber nur noch mit einer etwas machen kann.
Wenn wir wieder zurück nach Berlin fahren, dann drücken wir die Oma ganz fest. Und wenn wir in die Kirche gehen, zünden wir eine Kerze für sie an und denken an sie und wünschen ihr, dass es ihr gut geht.
Jana






Freitag, 19. Dezember 2008 um 14:05
Liebe Jana,
toll, was du mit 11 Jahren für einen super ausformulierten langen Beitrag schreibst. Wenn die das leicht fällt, hilft dir vielleicht mit anderen Kindern und Jugendlichen in ähnlichen Situationen eine Art Brieffreundschaft zu pflegen. Katje Ziems hilft dabei, das zu organisieren. Mehr dazu unter http://www.alzheimerforum.de/shg/selbsthilfegruppen.html#kids
Liebe Grüße
Jochen Wagner
Alzheimer Angehörigen-Initiative e.V.
Reinickendorfer Str. 61, 13347 Berlin
Sonntag, 1. Februar 2009 um 20:06
zum focus “kinder” hier noch ein tipp: sehr gute kinderbücher zum thema demenz ( und anderes) sind auf der seite: kinderbuch-couch.de zu finden.
das thema ist total spannend…!
Sonntag, 15. Februar 2009 um 18:29
noch was zum focus “kinder”:
ich habe leider die für mich erschreckende erfahrung gemacht, dass gerade kleinen kindern der kontakt zu dementen großeltern, urgroßmutter in meinem fall, verweigert wird mit der für mich unverständlichen begründung, sie “sollen die oma so in erinnerung behalten, wie sie einmal war…”. ich frage mich, wie diese eltern päter einmal mit der frage nach dem tod der oma umgehen – wenn es denn so weit ist – nach der frage: wie alt war ich da, wo war oma da, vielleicht auch: warum war ich nicht bei der oma in der zeit? und das, obwohl gerade kleine kinder völlig unbekümmert mit der demenz umgehen können…man muss sie nur selbstverständlich tun lassen.
Sonntag, 22. Februar 2009 um 19:50
Hallo Jana, ich finde das toll, wieviele Gedanken du dir trotzdem um deine Oma machst und dich mit ihrem Schicksal auseinandersetzt. Ich denke, oft hilft es, wenn sie jemand besucht und sehr hilfreich sind alte Fotos und Bilder von deiner Oma früher und wenn man dazu viele Begebenheiten von früher erzählt, vielleicht kann sie sich ja an manche Dinge erinnern.
Nur nicht die Hoffnung verlieren!
Liebe Grüße,
die Ergobloggerin
http://www.ergotipps.de
Montag, 27. Juli 2009 um 23:01
Liebe Jana,
wenn Menschen alt werden, sind sie ganz verschieden. Mit der einen Oma kann man noch etwas machen, mit der anderen nicht so richtig. Das ist schade, aber so ist es. Man hat sie doch lieb und freut sich, dass es sie noch gibt. Dass deine Oma beim Spielen schummeln wollte, ist sicher nicht böse gemeint. Sondern sie wollte dastehen wie früher, als sie noch alles konnte. Jetzt kann sie nur noch wenig – singen, z.B.. Genieße es, mit ihr zu singen. Und alte Fotos ansehen ist auch sehr schön. Eine ganz andere Welt, von der du noch ein wenig erfahren kannst. Von einer Frau, die selbst dabei war, und die deine Vorfahrin ist. Das können nicht alle Menschen von sich behaupten.
Dass dein Opa leidet, ist schlimm. Kümmere dich auch um ihn, wenn du kannst. Denn wenn beide nicht mehr da sind, ist dieser Teil auch deines Lebens vorbei. Ich finde es klasse, dass deine Mutter dich daran teilhaben lässt, wie die letzte Zeit deiner Oma verläuft. Vielleicht könnte es ihr ja einmal ebenso ergehen, und auch du weißt ja noch nicht, wie du sein wirst, wenn du alt bist.
Genieße die Zeit mit deinen Großeltern, auch wenn sie nicht so sind, wie man es sich vielleicht wünscht. Denn du hast sie noch! Liebe Grüße
Ida