Zeigen Sie Zähne?

Mittwoch, 10. Dezember 2008 von Heidi

Die alten Zähne waren schlecht und man begann sie auszureißen. Die neuen kamen gerade recht, um damit in das Gras zu beißen – so eines der vielen Gedichte von Heinz Erhardt.

Aber wie sich der Patient in der Zwischenzeit ernährt hat, das schreibt er nicht.

Vorgeschichte: Zu Mutter’s Lieblingsbeschäftigungen beim Essen gehörte immer das Abknabbern von Knochen.. Dieses Vergnügen war eingeschränkt, seit sie Ihre Vollprothese vor acht Jahren bekam. Ab dann war Abbeißen, auch eine Brotkruste, schwer. Monatelang hat sie darüber geklagt, dass es drücke. Damals war Demenz noch ein Fremdwort.

Vor drei Monaten mussten die letzten beiden Zähne im Unterkiefer entfernt werden. Seither liegt die tolle Prothese nur locker auf. Beim Zähneziehen waren wir zu dritt. Zwei Personen zum Festhalten, die Dentistin brauchte eine Viertelstunde, denn Mutter kniff den Mund zu, in Panik. Die Idee der Vollkarkose kam auf.

Bevor wir jetzt mit der Anpassung der Unterprothese beginnen, frage ich mich, wann die beiden Haltezähne der oberen Prothese rausmüssen, und dann das Ganze von vorn?

Seit etwa sechs Wochen versteht meine Mutter nicht mehr, dass sie die obere Prothese einklicken muss, wie in einen Druckknopf. Und es geschieht nun regelmäßig, dass sie von ihrer Betreuungsgruppe kommt – zahnlos lächelnd. Die beiden Teile in Küchenpapier gewickelt finde ich in der Handtasche. Heute, beim Abschied, sagte ich „gib mir einen Kuss“ : sie lächelte und nahm die oberen Zähne heraus, hielt sie mir hin.

In anderen Kulturen gibt es keine Zahnprothesen – wir jedoch können uns im Moment einen Mund mit einem zahnlosen Lächeln schwer vorstellen. Wir sind es gewohnt, dass alles perfekt fürs Auge ist. Wenn ich jetzt meine Mutter mit viel Mühe, vielen Schmerzen und auch energischem Zupacken seitens des Dentisten zwei neue Prothesen verpassen lassen möchte, so haben wir keine Möglichkeit festzustellen, ob sie jemals damit zurecht kommt. Außer Lächeln oder Mund zukneifen ist keine Kommunikation möglich. Um in den Mund zu schauen, und wäre es nur alle paar Tage zur Kontrolle, müsste ich einen halben Tag frei nehmen und zum Zahnarzt gehen. Was ist, wenn sich die Kiefer verändern und das Dings dann sowieso nicht mehr passt?

Soll ich sie den Qualen aussetzen? Den körperlichen wegen Abdruck, Anpassung, Druckstellen, etc. sowie psychischen Qualen ihrer Panik? Und das Wochen vielleicht Monatelang? Wenn ihr die neue Prothese vielleicht in ein, zwei Jahren nicht mehr passt – was dann? Meine Mutter ist 87 Jahre alt. Soll sie die letzten Jahre ihres Lebens mit der Anpassung an ein Gerät verbringen?

Was sagt der Palliativmediziner dazu? Braucht Mutter Zähne zum Zerkleinern der Nahrung? Kann ich die Nahrung so zubereiten, dass sie auch ohne auskommt? Dass ihr das Essen trotzdem schmeckt? Am Wochenende habe ich es ausprobiert – anscheinend kam sie zurecht.

Ich brauche eine Hilfe zur Entscheidungsfindung.

3 Personen gefällt dieser Artikel.

3 Kommentare zu “Zeigen Sie Zähne?”

  1. dolofana schreibt:

    Liebe Heidi,

    in unserer Selbsthilfegruppe war mal ein Vortrag u.a. auch über dieses Problem. Das Problem haben wir bzw. Außenstehende damit, nicht die Kranken. Mein Mann lächelt jetzt mit Zahnlücken, sieht nicht schön aus, aber ihn stört es nicht. Solange er keine Schmerzen hat, werde ich ihn nicht zum Zahnarzt schleppen. Das ginge dann sowieso nur bei einem Kieferchirurgen, der auch eine Vollnarkose setzen darf, anders ginge es nämlich nicht, siehe Deine Mutter: Mund zu, keine Chance für den Zahnarzt. Mein Mann isst alles mit viel Appetit, was er nicht kauen kann (bzw. was er nicht für essbar hält), spuckt er wieder aus, deshalb achte ich schon darauf, dass es einfach zu kauen isst.z.B. bei gefüllter Paprika ziehe ich die Haut ab, Brotkruste schneide ich ab, wenn sie sehr hart ist, Siedewurst “enthäute” ich auch. Aber er hat m.E. wirklich keinerlei Probleme damit. Da er aber nicht mehr spricht, kann ich das allerdings nur durch eigene Beobachtung beurteilen.

  2. Heidi schreibt:

    Liebe Dolofana,
    ganz herzlichen Dank für den Kommentar! Ich habe die letzten Tage mal probiert. Mutter scheint keinen großen Unterschied zu merken. Für den Anfang habe ich die Speisen sehr klein geschnitten, Hackfleisch oder Hühnerfleisch genommen und erstmal Kartoffelpüree. Auch das Müsli scheint zu gehen. Mir fällt ein Stein vom Herzen, denn Mutter nimmt die obere Prothese jetzt fast jedesmal beim Essen raus. Restaurantbesuche bzw. die Kaffeecke beim Bäcker schienen gezählt. Wenn es mit der zahnlos-Version funktioniert, dann kann Mutter weiterhin ihren Latte und Kuchen auswärts genießen und wir brauchen die Öffentlichkeit nicht zu scheuen.

  3. Wiebke schreibt:

    Liebe Heidi,

    auch hier wieder sprechen Sie ein Thema an, daß mich vor Monaten beschäftigte. Meiner Mutter wurde auch der letzte Zahn gezogen. Die Zahnarztbesuche waren eine einzige Tortur, da meine Mutter den Mund nicht öffnete (ich stand mit geöffnetem Mund vor meiner Mutter, die Zahnarzthelferin fragte “wie macht der Löwe?”, und der Zahnarzt versuchte es mechanisch). Ihre Prothese wurde angepaßt, und meine Mutter sah wieder gut aus. Aber – sie öffnete nun mit der Prothese zum Essen nicht mehr den Mund. Also beschlossen wir, es ohne Prothese zu versuchen. Und siehe da, sie öffnete wieder problemlos den Mund. Es ist für uns “Gesunde” vielleicht kein schöner oder eben ein ungewohnter Anblick, aber für die Betroffene ist es überhaupt kein Problem, ohne Zähne zu leben.

Kommentar schreiben

Sie müssen eingeloggt sein um einen Kommentar zu schreiben.


Unsere Seite bei Facebook