Wie schlimm die Demenz seiner Uroma für meinen Sohn war, habe ich viel zu spät verstanden
Am 1. Advent ist meine Großmutter gestorben. Wir haben an diesem Tag ihren 97. Geburtstag mit ihr gefeiert. Vor mehr als 11 Jahren ist bei ihr eine Demenz – “Alzheimer mit untypischen Verlauf” – diagnostiziert worden und seit 5 1/2 Jahren hat sie in einem Heim gelebt.
Lange Zeit ging es meiner Großmutter im Heim relativ gut. Sie fühlte sich wohl und gut versorgt und die Demenz schritt so langsam voran, dass wir manchmal an der Dignose zweifelten. Erst in den letzten Monaten baute sie auch körperlich sehr ab und verbrachte die letzte Woche vor ihrem Geburtstag im Krankenhaus. Wir haben sie als ganze Familie dort besucht. Wie eine Antwort auf ihre ständig wiederkehrende Frage “Wen hab ich denn noch? Wer gehört denn noch zu mir?” haben sich an diesem Tag alle, die noch zu ihr gehörten, bei ihr versammelt. An ihrem letzten Tag war sie schon nicht mehr ganz in unserer Welt. Sie öffnete die Augen nicht mehr und konnte auch nicht mehr mit Worten auf unsere Zuwendung reagieren. Trotzdem merkten wir immer wieder, dass sie uns, die Gebete, die wir sprachen, und die Lieder, die wir sangen, wahrnahm. Der Anblick meiner Großmutter, die so dünn und schwach geworden war, rührte mich zu Tränen. Die heftige Reaktion meines 18jährigen Sohnes hat mich dennoch überrascht. Er brach in Tränen aus und war untröstlich. Das hatte ich nicht erwartet, weil er seine Uroma in den letzten Jahren nur sehr selten besucht hatte und ich dachte, dass er eine so alte Frau einfach langweilig fände. Als er mir unter Tränen erklärte, dass er sie nur deshalb in den letzten Jahren so selten besucht hat, weil er sich das Bild seiner fröhlichen Urgroßmutter, das er aus frühen Jahren in Erinnerung hatte, bewahren wollte, hat mich das zutiefst erschüttert. Er hat mir das vorher nie erzählt und überhaupt nur wenig über die Uroma gesprochen.
Ich selbst habe mich mit den Veränderungen meiner Großmutter ganz gut abfinden können und wäre gar nicht auf die Idee gekommen, dass es für meine Kinder so schlimm sein könnte. Im Nachhinein sehe ich, dass ich ihnen viel mehr Gespräche und Hilfestellungen hätte anbieten sollen!
Großmutter ist am Nachmittag ihres Geburtstages gestorben. Mein großer Sohn hat ihre Hand gehalten, meine Mutter hat ihren Rücken gestreichelt und ich hielt sie im Arm. Es war ein sanftes Ende und alles rundherum stimmte. Auch das Krankenhaus bot uns eine so ruhige und wohltuende Umgebung, dass dieser Abschied bei aller Trauer auch eine gute Erfahrung war.
Und ich bin froh, dass mein Sohn dabei war und gespürt hat, dass sein Da-Sein am Ende auch sehr wichtig war für seine liebe Uroma.
Susanna S.






Freitag, 30. Januar 2009 um 16:10
ja, die jugendlichen, vor allem während und nach der pubertät haben ohnehin zu “so alten leuten” kaum zeit-intensiven kontakt, es gibt ja so wahnsinnig viel anderes, neues und wichtiges zu erleben und zu entdecken. ich glaube, dass wir eltern da wirklich gefordert sind, durch vorbild, durch auffordern, reden, erzählen diese verbindung zu halten. schafft man das, ist es wunderschön, zu beobachten, wie unbekümmert und vorurteilsfrei kinder, jugendliche und junge erwachsene mit dementen großeltern umgehen können und welch positive erfahrungen für sie beide damit einher gehen können.
wie schön für sie, dass ihr sohn diese intensiven momente dann doch noch erlebt hat!