Heute schon gelächelt?
Meine demenzkranke Mutter zeigt fast ununterbrochen ein breites Grinsen. Sie ist deshalb in ihren Betreuungsgruppen ungemein beliebt. Viele kommen ihr besonders nett entgegen.
Mittlerweile habe ich herausgefunden, ob sie wirklich strahlt oder nur die Zähne bleckt. Letzteres kombiniert mit Stirnrunzeln bei Konzentration. Es gibt das verzweifelte Lächeln und die Hilflos-Version. Egal welche Variante im Einsatz ist, sie führt dazu, in der Straßenbahn, dass Wildfremde uns spontan freundlich zunicken, zurücklächeln, während sie den Rest der Fahrt ernst dreinschauen, deutlich bemüht, jeden Blickkontakt zu vermeiden. Mutter’s Lächeln dagegen löst sehr leicht ein nettes Schwätzchen aus.
Auch ich lächle meine Mutter oft an. Ein Freund hat mir dazu ein Patentrezept verraten. Nämlich, so ZU TUN, als lächelte ich wirklich. Es geht ganz einfach, wenn Sie wollen, probieren Sie es gleich mal aus. Jetzt beim Lesen, später vor dem Spiegel.
Sprechen Sie den Buchstaben E (wie Emil) leise und langgezogen aus. EEE! Was passiert? Die Mundwinkel, auf die Sie gerade beinahe drauftreten, wandern nach oben. Die Lippen öffnen sich, die Zähne blitzen. Ähnlich wie beim Fotografieren, wenn alle „sexy“ sagen sollen. Wir grinsen dann. Beim EEE gibt es aber keine Assoziation die uns ablenkt. Ich kann das EEE-Lächeln auch zum Strahlen bringen. Je höher die Tonlage beim Aussprechen, desto näher bin ich am wirklichen Lächeln. Mittlerweile klappt es, einfach nur EEE zu denken. Recht schnell entsteht daraus echt gute Laune.
Wir spielen jetzt immer öfter das EEE-Spiel: ich schaue meine Mutter an und sage EEE. Ab der vierten, fünften Wiederholung antwortet sie mit EEE. Und fast automatisch sagt unser Sitz-Gegenüber „Süüüß!“ Die Demenz ist für einen Augenblick vergessen. Probieren Sie es aus!

Gefällt mir!