nach dem sturz

Montag, 26. Januar 2009 von helgajuttapetrauwe

scharf durchbricht blauer schmerz die grauen wolken, die um ihr bewußtsein schweben. nein! denkt/ruft? sie, ballt ihre ganze kraft, versucht, sich zu halten. sie reissenkratzenzerren – bis sie nachgibt – aufgibt. ein kleiner weicher laut.

sacht gleiten ihre hände, unsicher, tastend, über die bettdecke. da ist sie, die kante des tuches; die wird geglättet, gefaltet, bei gelegt. das bringt die bläue zum rückzug; aber die kann warten, ist geduldig.
falten, glätten, legen. ein tiefer aber zittriger atemzug füllt ihre lunge, verlässt sie wieder. ihre runden braunen augen, mit kleinen pupillen, leer, saugen sich am gesicht der tochter fest, halten sie fest. die ergreift ihre glättende, faltende hand, warm, beschützend, bald gebettet in das tuch – gefaltet, geglättet, bei gelegt. die tochter lacht leise, es gefällt ihr, eingewickelt zu werden. und wie eine antwort formt sich ein lächeln, ein strahlen fast auf den erschöpften zügen der mutter.

zurück im heim
müdemüdemüde. aber erleichtert. ein erleichtertes weinen. später dann fast alltag: am tisch sitzen mit den ganzen anderen, zuhören, ohne etwas zu hören, lächeln, ohne erwartungen.
auch die tochter ist erleichtert, geht ohne schlechtes gewissen nach hause zum ausruhen. die schwester, eine der anderen töchter kommt ja auch – vier schultern zum tragen.

zu müde zum faltenglättenbeilegen – die augen rollen weg, der kopf kippt, der mund öffnet sich langsam; sie beginnt leise zu schnarchen.
am nächsten tag ein kurzer schock: sie sitzt nicht im tagesraum.
das morphium hilft, aber stört; es verunsichert, stumpft ab. so friedlich liegt sie da in ihrem zimmer, ihrem bett mit dem hohen gitter, klein, dünn, die beine leicht angezogen, gestützt durch ein kissen. vorsichtig schiebt die tochter ihre hand in die der mutter; betrachtet die haut mit ihren braunen flecken, einige erhaben, aufgewölbt, karzinogen? der gedanke wird ungerührt beiseite geschoben. das gitter drückt, die haltung ist unbequem; wird sie wach werden, wenn sie sich jetzt zurückzieht? sie schläft weiter, auch ungerührt, träumend von früher, von zu hause, von ihrer mutter? die bläue ist verdrängt von der stumpfheit des morphiums.

so will es keiner haben; gefragt wird sie nicht. elementare beürfnisse: essentrinkenguckendabeisein. so wollen wir es.

weniger morphium, etwas wacher aber müde, zu müde zum essen, zum trinken. sie sitzt, leicht schräg, im rollstuhl am tisch. die nachbarin streichelt geduldig ihre hand. sie schaut kurz auf, als die tochter sich in ihr enges blickfeld schiebt, lächelt. wie die tochter sich freut über dieses kleine kurze lächeln! immer wieder hebt sich die rechte, ungestreichelte hand und sucht das tuch zum glätten, aber die kraft reicht nicht aus, bis zum tisch zu gelangen. leise, ganz leise murmelt sie ein paar wörter vor sich hin. die stimme der pflegerin ist laut und schrill, zum glück hört sie jetzt auf kreuzwortzurätseln und es gibt mittagessen.

drum herum unbekümmerte, gut gelaunte stimmen, zuwendend, freundlich, locker. normal. alles ist normal, gewohnt, gut, nicht beängstigend.

ein löffel nach dem anderen erscheint vor ihrem mund, schiebt sich zwischen ihre lippen, sollen ab gegessen werden. die tochter sucht nach tricks, bemüht sich, ist geduldig – sie, die immer die ungeduldige war. es dauert, wenig essen ist vom teller verschwunden, aber mehr geht nicht.
heute flieht die tochter, muss raus, laufen, rennen, verdrängen.

sonntag, fast eine woche später
sie freut sich, als die tochter kommt, aber weint: langsam, einzeln, rollen tränen, die nase tropft. die bläue?! ja, auch. und: was ist nur mit mir los? wer hat mir das angetan? warum? ihre leisen worte, fragen lauten anders, sind der tochter unverständlich, in einer fremden sprache, ungeordnet.
ein arm zieht mit seinem gewicht den körper nach links.
die tochter stützt – vorsichtigvorsichtig – den arm, hebt ihn leicht an, zieht ihr knie hoch, um ihn abzustützen. spitz der ellenbogen, schwer der arm. BLAU! aber nur kurz, dann lächelt sie wieder zwischen den tränen.
ihre hand greift zum tisch, scheinbar zielgerichtet, suchend. sie findet nichts und kehrt zum schoß zurück, wo sie auf das tuch trifft: eine andeutung vom faltenglättenbeilegen – schön! die positive wirkung vom zulassen der bläue.

essen, passiert: hellgrün, beige, braun und kotzfarben. zuvor brühe, mühsam zu füttern. doppelt so viel wie gestern schaffen sie zusammen, beide geduldig, die mutter manchmal verschmitzt den zugriff verweigernd.

pause für beide. nachmittags blitzbesuch des enkels: tränen, aber nur rührung, erkennen und freude. die nachbarinnen strahlen mit ihr um die wette, zustimmung zur rührung und tiefes verständnis.

nach weihnachten
28.12. – weihnachten floss vorüber. selbst der baum, leuchtend, strahlend fängt ihren blick nicht ein. der enkel sitzt bei ihr, als gesungen und geredet wurde am heiligabend – ihr klatschen kommt jeweils zu spät.
sie hat ihren ihrwerdetschonsehenwasdabeiherauskommt-blick aufgesetzt, leicht beleidigt, erbost? aber schnurgerade sitzt sie in ihrem rollstuhl, aufrecht, eben leicht erbost. sie ist vier schritte gelaufen – ein großer erfolg, teuer erkauft.

entweder sind ihre augen schlechter, die hand-auge-koordination: sie trifft den stollen nicht, bröckelt, krümelt, findet auch ihren mund nicht immer. die tasse, trotzdem sie von ihren beiden händen gehalten wird, kippt.
ihr mund bleibt geschlossen, wenn sie nicht will, dass die tochter, die pflegerin sie füttern. das geb ich euch nicht! die pflegerinnen lachen, freuen sich über ihre standhaftigkeit.
die hand schiebt sich auf dem tisch vorwärts: immer in richtung der dinge, die da liegen. die werden berührt, geschoben, am liebsten eingewickelt in das tuch wie die halbgefüllte kaffeetasse, gerade noch vorm verschütten gerettet. in dem maße, wie die tochter von ihr nicht beachtet wird, befasst sich diese mit den anderen damen oder ist es umgekehrt?
die anderen verwandten, die andere tochter, enkel, schwiegersohn erregen ihre aufmerksamkeit, sie weint, freut sich – bei der tochter ein kurzes aufblitzen, das wars. ist es dadurch leichter, dann zu verschwinden, wenn die halbe, die ganze stunde rum ist?

achdabistduja. der kopf der mutter dreht sich kurz zur tochter, um sich dann wieder zu senken und fortzufahren: sie holt sich mit langem arm den blauen becher, wischt, kratzt mit ihrem namensschildchen, schabt unsichtbares ab – ein schleier vor den augen? sie reagiert mucksch, wenn ihr was zu trinken angeboten wird und sie nicht trinken mag, ihr mund spitzt sich und sie hat kleine spitzbübische falten um die augen: mucksch.

eine bewohnerin hat ein quiz von der stadt: die tochter liest vor, fragt, kommentiert. es wird mehr ein austausch von namen, orten, straßen als ein echtes quiz mit regeln – was sind regeln an diesem ort? freude bei der tochter, als die rede auf wallis, den milchladen um die ecke, kommt, gerüche, gefühle, klowesabende werden wach. aber die mutter lächelt nur mild, kein aufleuchten zeugt von wiedererkennen.

in der nacht träumt die tochter vom bruder, der sich nicht meldet, keine anteilnahme zeigt.

die pflegerin berichtet: der mitgebrachte schal – der 2.bereits, der erste ließ sich nicht – wurde ein stückchen aufgeribbelt. tränen wären dabei geflossen, erinnerung an lange nicht getanes? wehmut?
silvester-nachmittag, luftschlangen liegen auf dem tisch, es riecht nach kreppeln. heute abend gibt es heringssalat – ein lebhafter austausch von traditionen der familien, an dem sich die tochter beteiligt.
sie wird jetzt zu ihrer freude „frau jutta“ genannt.

neujahr. die tochter küsst die überraschte, erfreute mutter – achdabistduja – , hinterlässt einen roten kußmund auf ihrer weichen wange. heute wird wieder gefaltet: die mutter baut die verpackung von einem neujahrs-schokolädchen ein, es passt aber nicht so recht, macht sie unwirsch. die tochter bietet ihren arm zum rubbeln an: die mutter guckt kurz hoch, beginnt dann den arm zu reiben, als sei er ein ding, ein wäschestück? aber die wärme gefällt ihr, erinnert sie? sie spitzt ihren mund zu einem kuss-angebot an die tochter, schenkt ihn ihr und strahlt dabei. schon hat sich der tag gelohnt.

alles ist wie vor dem sturz. und alles ist anders.

der virus geht um…bettruhe, tropf, elend, so elend…

ihre fingerspitzen berühren den stoffesel: das ist meine mutter – die geb ich nicht her! die tochter lacht: ich geb meine auch nicht her!

heute keine richtigen kontakt bekommen: sie guckt nicht an-schaut überhin, während sie im bett liegt, eine spielkarte, quartett? mit einer kirsche in den kühlen händen. kühle füße hat sie auch. die tochter wärmt beide. ein sanftes massieren, und ein lächeln blitzt über das gesicht der mutter, von dem fehlenden gebiß im unterkiefer verformt. gleich kommt der tropf.

1 woche später

alles wieder gut: rollstuhl am tisch, alle damen da: wohnzimmer-atmosphäre. wie die tochter dieses heim mag: so vertraut, so beruhigend, so langweilig…aber gemütlich – grad richtig für die mutter, die nach den drei besuchslosen tagen wieder erst einmal sich abwendet von der tochter, beleidigt? spürte sie die nicht-anwesenheit doch?  wie war noch das motto des vergangenen jahres: das herz wird nicht dement…!

nach 14 tagen – juchhu: die mutter läuft mit rollator vom zimmer zum tagesraum – stolz berichtet das die pflegerin, sie hat das recht sich mitzufreuen, es ist auch ihre leistung; ohne die psychische und physische unterstützung durch das personal liefe – im wahrsten sinn des wortes – gar nichts. die tochter hat so wenig anteil an diesem erfolg, aber auch sie freut sich, schmiedet pläne mit dem personal für die bewohnerinnen. sie ist so ansteckend, diese anteilnahme.

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