Abschied von meinem Vater – ein zwiespältiges Buch

Mittwoch, 18. März 2009 von DAlzG

Titelbil "Demenz" von Tilman Jens

Kein Buch eines Angehörigen hat bisher soviel Aufsehen erregt wie das von Tilman Jens. Nach einem Vorabdruck in der „Bild“-Zeitung brachte die überregionale Presse erregte Besprechungen, zahlreiche Interviews und Auftritte in Talkshows folgten.
Der Journalist Tilman Jens (53) schreibt über seinen prominenten Vater Walter Jens (86), emeritierter Professor für Rhetorik in Tübingen, einen der wichtigsten linksliberalen Intellektuellen der Bundesrepublik. Walter Jens ist 2003 demenziell erkrankt (vaskuläre und Alzheimer Demenz). In dem schmalen Band geht es um Vielerlei: die Krankengeschichte, die Vater-Sohn-Beziehung, Sterben und Sterbehilfe sowie die Auseinandersetzung mit der Vergangenheit der Vätergeneration.

Letztere ist Gegenstand des zentralen Kapitels „Die fatale Schweigekrankheit“. Darin bringt Tilman Jens die Demenzerkrankung seines Vaters in Zusammenhang damit, dass 2003 öffentlich wurde, dass Jens seit 1942  als Mitglied der NSDAP geführt wurde. Darüber habe der Vater nie gesprochen. Sein Kommentar war, dass die Aufnahme in die Partei „ohne eigenes Wissen“ geschehen sei, etwa als  kollektive Übernahme. Beweise gibt es nicht. Bemerkenswert ist nun, dass Tilman Jens „politisches Vergessen“ als Ursache der Demenzerkrankung seines Vaters darstellt. Wissenschaftlich gibt es für die Verursachung von Demenzerkrankungen durch lebensgeschichtliche Ereignisse oder psychische Konflikte keinerlei Hinweise. Darüber hätte sich der Autor leicht informieren können. So ist es das Ärgernis dieses Buches, dass Jens seine spekulative Privattheorie im Buch und in den Massenmedien ausbreitet.

Anders als Ronald Reagan weiß Walter Jens nicht von seiner Diagnose und hat sich dazu nie öffentlich geäußert. Ist die Darstellung wie er durch sein Haus irrt, schreit und seine Frau an den Rand ihrer Kräfte gelangt in seinem Sinne, wie der Sohn behauptet? Oder wird damit die Privatheit von jemand beschädigt, der sich nicht mehr wehren kann?

Eindrücklich dargestellt wird, wie die bekannten Probleme von Diagnose, Behandlung, Krankenhausaufenthalten auch dem prominenten Walter Jens und seiner Frau nicht erspart blieben. Seit einiger Zeit wird er überwiegend von einer warmherzigen Nachbarin betreut, die einen Bauernhof hat. Der große Gelehrte füttert Kaninchen, hält eine Puppe im Arm, liest mühsam in einem Kinderbuch. Das ist erschütternd, „er aber fühlt sich wohl“. Ein zwiespältiges Buch, dessen Lektüre nicht gleichgültig lässt.
 
Tilman Jens: Demenz – Abschied von meinem Vater. Gütersloher Verlagshaus, 2009, 142 S.

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