Fokus-Artikel: Meine Frau ist immer gerne eigene Wege gegangen

Montag, 23. März 2009 von Alzheimer Gesellschaft e.V.

Es ist für mich nicht leicht, über das Unglück zu sprechen, das meine Frau und mich und die ganze Familie betroffen hat.
Meine Frau war seit mehreren Jahren demenzkrank, war in ärztlicher Behandlung und Beobachtung, Ich habe sie hier in unserem Einfamilienhaus mit Garten betreut.
Eine erfahrene und liebevolle Krankenschwester stand zur Verfügung, von einem ambulanten Pflegedienst wurde die morgendliche Pflege durchgeführt. Man kann vielleicht sagen, zum Leben und zur Pflege waren optimale Bedingungen gegeben.
Die Demenzerkrankung schritt aber immer weiter fort. Auch die Hilfe einer Sprachtherapeutin brachte keinen Erfolg. Schreiben und Sprechen waren immer mehr eingeschränkt.

Besonders schwierig war, dass meine Frau sich manchmal selbständig machte, dabei aber die Situationen nicht mehr richtig einschätzen konnte:
Weihnachten 2007, fuhren wir z.B. zur Kirche, um gemeinsam in die Christmette zu gehen. Ich verschloss das Auto, doch als ich damit fertig war, fand ich meine Frau nicht wieder.
Sie war eigenmächtig ausgestiegen und wartete wohl in der Nähe auf mich – aber da hatte ich mich getäuscht. Sie war in der beginnenden Dunkelheit “verschwunden”.
Ich habe die Christmette dann draußen verbracht, um sie zu suchen. In die Kirche hätte ich  ja nicht gehen können; da hätte meine Suche gestört. – Zum Ende der Mette stellte ich mich an die Tür, um sie vielleicht dort zu finden. – Leider wieder vergeblich.
Als die Kirche dann leer war, ging ich hinein, und da saß sie ganz vorn, mutterseelenallein, unmittelbar vor der Kanzel. Sie war nicht erregt, fand das auch nicht merkwürdig. – Aber für mich war das schon ein Suchen und Warten gewesen, das mich nervlich enorm belastete.

Ein anderes Mal gingen wir in die Oper und wieder war es in dem Moment, als ich das Auto verschloss, dass sie in der Dunkelheit verschwunden war, ehe ich mich versah.
Als ich sie allein nicht wiederfand, rief ich bei der Polizei an und konnte eine genaue Beschreibung ihrer Bekleidung geben. Nach einiger Zeit meldete die Polizei, dass sie sie vor einem Hotel gefunden hätten.

Danach gewöhnte ich mir an, die Beifahrertür zu verschließen und meine Frau erst dann aussteigen zu lassen, wenn ich meine Fahrertür abgeschlossen hatte. Sie werden vielleicht fragen, warum ich überhaupt noch mit meiner Frau zusammen solche Unternehmungen gewagt habe?
Uns hatte schon immer die Liebe zur Musik, der Glaube und die Zugehörigkeit zur Kirchengemeinde verbunden. Und es war mir immer wichtig gewesen, ihr – trotz dieser Erkrankung – die Teilhabe am Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen. Das ist schließlich ein menschliches Grundrecht.
Hätte ich sie eingeschlossen, und wäre ich selbst nicht mehr aus dem Haus gegangen, dann wären wir beide sicher in die völlige soziale Isolation geraten. So aber haben wir uns – trotz dieser Erkrankung – eine gewisse Lebensqualität und auch einige Freundschaften erhalten. Es ist gerade dieses soziale Umfeld, das mir jetzt geholfen hat, die Geschehnisse der letzten Monate überhaupt selbst zu überleben und irgendwie zu ertragen. Obwohl es immer noch schwer genug ist.
Was ich gebraucht hätte, wäre eine Anlaufstelle, wo man in Not-Situationen Rat und handfeste, praktische Hilfe bekommt. Vielleicht wäre uns manches erspart geblieben, wenn ich früher etwas gewusst hätte von der Möglichkeit, einen Menschen über Satelliten-Technik zu suchen

Der Tag, an dem meine Frau verschwand

Der 11. September 2001 ist ein Datum, mit dem die ganze Welt eine Katastrophe verbindet. Am Donnerstag, den 11. September 2008, kurz nach 17 Uhr, bahnte sich meine, unsere eigene, ganz persönliche Katastrophe an:

Bei herrlichem Sonnenschein verließ meine Frau in einem kurzen unbewachten Augenblick das Grundstück. Alle Bemühungen, sie in dem vertrauten Wohnviertel zu finden, waren zwecklos. Ich fuhr dann mit dem Auto umher, suchte und suchte; es war vergeblich. Gegen 18 Uhr rief ich die Polizei. Sie kam auch recht bald mit zwei Dienstwagen; da begann es schon langsam zu dämmern.

Ich musste furchtbare Stunden erleben, habe mich hilflos und verlassen gefühlt ….. Die eigenen Überlegungen reichten nicht aus, um hier noch konstruktiv zu handeln. Es war ein seelenloser Zustand, in dem ich mich befand. In solch schwierigen Situation, wo man nicht ein, noch aus weiß, dürfen die Angehörigen nicht allein gelassen werden. Man braucht neben der Polizei auch jemanden, der sich auskennt mit dem Verhalten von Demenzkranken und mit den Angehörigen die Überlegungen und Gedanken teilt.

Die polizeiliche Suche begann noch am gleichen Abend; auch Taxifahrer und Busunternehmen  wurden informiert. Die Familie suchte bis tief in die Nacht hinein. Am nächsten Morgen, Freitag,  startete dann eine ganz groß angelegte Suche der Polizei; es kamen – soweit ich weiß – zwei Hubschrauber mit Wärmebild-Kamera zum Einsatz – und eine Hundestaffel. Das ganze Wochenende und am Montag wurde intensiv gesucht.
Ein Freund und ich hatten Suchplakate mit Fotos auf dem PC erstellt und überall aufgehängt bzw. darum gebeten, dies zu tun.
Wir zwei suchten auch auf eigene Faust nach Zeugen und fanden bereits einen Tag nach dem Verschwinden meiner Frau sechs Personen, die sie am Abend zuvor gesehen hatten.

Wir versuchten auch Verbindung zur Presse herzustellen und baten um die Veröffentlichung einer Suchmeldung, hörten aber: “Die Polizei muss erst die Genehmigung dazu geben”. Das war für uns eine sehr harte Geduldsprobe. Am Samstag, den 13.09. erschien die Suchmeldung mit Bild in der Zeitung. – leider recht unauffällig und weiter hinten.
Im Internet fanden wir den Hinweis, dass es besonders hoch spezialisierte Suchhunde gibt: Personen-Such-Hunde oder Man-Trailer. Diese Hunde haben die Fähigkeit, die Spur einer ganz bestimmten Person zu verfolgen und das auch auf befestigten Wegen leisten zu können. Die normalen Flächen-Such-Hunde, die im Einsatz waren, können das nicht – oder nur sehr eingeschränkt. Aufgrund der Informationen, die wir erhielten, waren wir überzeugt, dass allein solche speziellen Personen-Such-Hunde in der Lage wären, meine Frau noch rechtzeitig zu finden. Aber sie hätten SOFORT zum Einsatz kommen müssen. Gefahr war im Verzug. Es ging ja ums Überleben.
Das Land Niedersachsen hat jedoch keine eigenen Personen-Such-Hunde. In meiner Not schrieb ich mit Hilfe meines Freundes eine e-Mail an den Ministerpräsidenten von Niedersachsen und auch an Politiker der Stadt. Dabei musste ich erfahren, dass von Seiten der Politiker keine wirkliche Hilfe zu erwarten ist. Aus Hannover gab es zu Anfang gar keine Reaktion. Der Computer sei ausgefallen, hieß es – zwei Monate später bei einer erneuten Anfrage per e-Mail.

Die Personen-Suchhunde kamen dann am 17.09., 6 Tage nach dem Verschwinden, zum Einsatz. Sie wurden auf unser Drängen hin aus Nordrhein-Westfalen angefordert. Aber zu diesem Zeitpunkt war meine Frau wahrscheinlich schon nicht mehr am Leben.
Weil wir wenig Informationen über den Stand der polizeilichen Ermittlungen erhielten,  hatten wir das Gefühl, dass wir uns selbst systematisch auf die Suche machen mussten.

Um klar zu stellen: Der Polizei ist Dank zu sagen für ihre Hilfe und ihren Einsatz. Ich glaube, dass man tat, was man eben tun konnte. Ich möchte auch meiner Familie, den Freunden und Nachbarn und der Bornhorster Bevölkerung für ihren Einsatz danken. Aus meiner Sicht ist aber die Gesellschaft und auch die Polizei nicht gut genug gerüstet für Probleme dieser Art. Es wird ja in Zukunft mit Sicherheit noch mehr in dieser Richtung auf uns zukommen.
Ich weiß nicht, ob es  feste Einsatzpläne für solche Fälle gibt; dann sollten auch Suchplakate dazu gehören, damit die Bevölkerung schnellstmöglich in die Suche eingebunden werden kann. Die Presse und am besten auch das Fernsehen müssten dafür sorgen, dass solche Meldungen, die Leben retten können, erste Priorität bekommen – sie gehören auf die Titelseite.

Vor allem hätte ich mir gewünscht, dass diese Spezial-Hunde schneller zu Einsatz gekommen wären.

Ich möchte noch einmal klarstellen, dass ich niemandem einen Vorwurf machen möchte. Aber das schreckliche Geschehen ist für mich nur erträglich, wenn es wenigstens dazu führen würde, dass sich alle Beteiligten, auch die Öffentlichkeit für weitere Fälle dieser Art besser rüsten würden. Und wenn das, was wir erlitten haben, anderen in der Zukunft erspart bliebe; durch einen besseren Umgang mit dem Problem.

Am 1. Februar 2009 wurde der Leichnam meiner Frau gefunden. – Obwohl unmittelbar im Suchgebiet, lag sie an einem sehr schwer zugänglichen Ort, wo sie niemand vermuten konnte.
Nach unserer Meinung haben die Personen-Such-Hunde richtig angezeigt und meine Frau ist wahrscheinlich bis zur Dunkelheit im Kreis geirrt.  – Ich stelle mir vor, dass sie nur ein sehr kurzes Leiden hatte, so dass die eingesetzte Wärmebildkamera am nächsten Tag keinen lebenden Menschen mehr entdecken konnte.

Meine Frau war eine sehr engagierte Lehrerin. Sie hätte sicher gewollt, dass wir alle aus unseren Erfahrungen lernen.

Hans B., Oldenburg

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