Vernachlässigung Dementer im Krankenhaus
Folgenden Bericht erhalten wir per Mail und veröffentlichen ihn hiermit mit der Erlaubnis des Autors:
Ich bin Mitglied der Alzheimer Gesellschaft in Bonn und betreute zuerst mit meiner Mutter meinen Stiefvater, Prof. Dr. Wilhelm Lauer, der kurz nach der Übersiedlung von Bonn nach Wuppertal im Juli 2007 starb; jetzt betreue ich meine Mutter, die in die mittlere Demenzphase übergeht.
Die Vernachlässigung insbesondere Dementer im Krankenhaus ist – wie es der Hausarzt meiner Mutter ausdrückte – eine Katastrophe und eine weitere Versorgung zuhause wurde bis auf weiteres durch das Verhalten von Krankenhaus und Arzt blockiert.
Meine Mutter erkrankte an Trigeminus-Neuralgie und wurde ab Dezember 2008 mit starken Beruhigungsmitteln und Opiaten betäubt, um die Schmerzen zu verringern; trotzdem konnte sie zuletzt kaum mehr essen und ein befreundeter Arzt vermittelte die Trigeminus-Operation im Bethestha – Krankenhaus der Diakonie in Wuppertal.
Prof. Karten ist ein guter Operateur und die Operation gelang mit gutem Erfolg. Im Anschluss daran begann jedoch eine “Nachsorge”, die ihren Namen zu Unrecht führt:
1. Krankenhaus:
Innerhalb der ersten Woche nach der OP wurde meine Mutter auf der neurochirurgischen Abteilung dreimal verlegt, weil “man das Zimmer für andere Kranke benötigte”; angesichts der Demenz eine Belastung, die die Erholung verlangsamte. War es aufgrund der langen OP zuerst nachvollziehbar, das durch eine Tag-Nacht-Umkehr eine Verlegung in eine Einzel-Zimmer vorgenommen wurde (Begründung: Die Mitpatientin hatte sich über Lärm in der Nacht beschwert), so wurden die folgenden zwei Verlegungen erst gar nicht mehr begründet. Der Katheder wurde bis 1 1/2 Wochen nach der OP nicht abgenommen, weil die Stationsärztin dies ablehnte – auch ein Blasentraining wurde aus Zeitmangel abgelehnt – meine Mutter kann infolge dessen bis heute ( vier Wochen nach der OP ) nicht genau sagen, wann sie zur Toilette muss und die Gefahr der Inkontinenz besteht.
Zur Überwachung wurde sie tagsüber in einen Rollstuhl vor das Schwesternzimmer gesetzt, in dem ihre Beine nicht bis zum Boden reichten, sondern in der Luft baumelten; die Folge waren dicke Beine, Muskelschmerzen und trotz inzwischen einsetzendem Training die Unfähigkeit zum Laufen, was sie vor der OP allein ohne Stock konnte. Die mitgelieferten Schuhe wurde ihr an die Füße geschoben, was angesichts der geschwollenen Beine zum Blutstau in den Füßen führte. Erst auf mein Drängen wurde ihr ein umgedrehter Waschkorb unter die Füße gestellt, damit die Füße ein wenig Halt hatten.
Vor dem ersten Training mit einem Ergotherapeuten wurde ich aufgefordert, ihr Schuhe in Übergröße zu kaufen, da ja die Beine angeschwollen waren und eine Hilfe, wieder auf die Beine zu kommen, ansonsten abgelehnt wurde. Von der Essensversorgung will ich nicht reden, da trotz Beschwerden viermal wöchentlich ein Weissbrot mit Leberwurst und ein Schälchen Apfelmus als Abendessen gereicht wurden – für das
Füttern bzw. die Hilfe beim Essen war kaum Zeit.
Da ich selbst tagsüber weiter weg im Ruhrgebiet arbeite, organisierte ich die weitere Pflege auch im Krankenhaus, wo am Nachmittag jeweils eine Kraft des “Generationen-Netzwerkes” für zwei bis drei Stunden mit meiner Mutter verbrachte, was die eingespielte Routine von zuhause wieder aufnahm.
Nach dem Fädenziehen von der OP sagte man mir eine Rehabilitation zu, wählte jedoch ohne meine Zustimmung eine Institution aus, die für Besuche der Altenpflegerinnen des Generationen-Netzwerkes nicht erreichbar war; auf meine Beschwerde lenkten die Stationsärztin und der Sozialdienst ein und wählten ein geographisch nahe gelegenen Krankenhaus aus, wo Reha möglich sein sollte. Das Hörgerät der Fa. AUtec im Wert von 5.900,00 € ging in diesem Krankenhaus ebenfalls teilweise verloren; das Gerät am
linken Ohr ist nicht mehr auffindbar, so dass uns zusätzlich zur gesundheitlichen Verschlechterung auch ein Schaden von über 2.500,00 € entstanden ist, für den keiner aufkommen will.
2. Krankenhaus:
Am Abend nach der Verlegung erfuhr ich, dass das Elisabeth-Krankenhaus in Velbert-Neviges keine Reha war, sondern eine Akut-Geriatrie; das dieses Krankenhaus als Teil der St. Antonius – Gesellschaft Wuppertal im September 2009 geschlossen werden sollte und die Motivation der Pflegekräfte ein wenig beeinträchtigt war d.h. die Begrüßung lautete: “Eine Stationsärztin haben wir nicht, eine Pflegeleitung auch nicht und ich als stellvertretende Pflegeleitung bleibe auch nur bis zum 1. April 2009″. Meine Mutter war vom “Regen in die Traufe” gekommen. Von Beantragung einer Reha war nicht mehr die Rede; im Gegenteil teilte der Arzt dort im Gespräch mit meiner Schwester und mir mit, dass er für eine Reha eine Begutachtung erstellen muss über die Fähigkeit, die Anweisungen der Reha umzusetzen und er sehe aufgrund der Demenz meiner Mutter dazu keine Chance d.h. es bestehe eine Chance von 90 zu 10 %, dass die Krankenkasse den von ihm gestellten Antrag annehme. Der Antrag sollte heute gestellt werden und wurde erst gar nicht vom Krankenhaus gestellt! Ich drängte auf eine Absprache mit dem Hausarzt, was dazu führte, dass in der Besprechung im Krankenhaus uns mitgeteilt wurde, dass der Arzt bis Mittwoch in Urlaub sei – tatsächlich erfuhr ich nachträglich vom Hausarzt, dass er versucht habe, den Krankenhausarzt zur angegebenen Zeit zu erreichen und nicht durchgestellt wurde, weil der Arzt angeblich nicht im Haus war!
Auf meine Frage, wie denn mit meiner Mutter weiter verfahren werden sollte, erfuhren wir
lediglich, dass die Elisabeth-Klinik als Akut-Geriatrie meine Mutter nur bis Ende der Woche – höchstens Anfang nächster Woche behalten könne. Wenn wir danach für sie keine Versorgung hätten, müsste sie in ein Altenheim. Mein Einwand, dass vor Ostern als höchstem katholischen Feiertag die aus Polen stammenden, meine Mutter bisher versorgenden Altenpflegerinnen, nicht kommen können, wurde damit begegnet, dass wir als Angehörige entweder einen Platz finden oder sie als Krankenhaus meine Mutter in
ein geeignetes Heim verlegen.
Da meine Mutter bisher nur Pflegestufe I hat, bedeutet die Kurzzeitpflege bis nach Ostern einen privat aufzubringenden Betrag von über 1.000,00 € für ca. 2 Wochen, von der weiteren Verschlechterung der Demenz durch eine erneute Verlegung in eine unbekannte Umgebung mit unbekannten Menschen nicht zu sprechen.
Dieser rabiate Umgang mit dementen Menschen und das Ablehnen der Zusammenarbeit mit dem den Krankheitshergang kennenden Hausarzt spricht eine deutliche Sprache – mir scheint es zu sein, dass hier demente Menschen in voller Absicht in Altenheime abgeschoben werden und den Angehörigen keine Möglichkeit gegeben wird, eine Pflege zu Hause weiter zu führen bzw. keine Zeit gelassen wird, sie zu organisieren.
Die Arztnamen und den genauen zeitlichen Hergang gebe ich auf Anfrage gern bekannt; der jetzt ausgelöste, starke Schub der Demenz ist nicht in erster Linie auf die OP, sondern auf die Behandlung durch Pflegepersonal und Ärzte nach der OP zurückzuführen.
Mit freundlichen Grüßen
Elmar Fr. Strüder
Nachtrag dazu:
Inzwischen geht aus der Diagnose der Ärzte des ElisabethKrankenhaus in Velbert-Neviges ( Teil der St. Antonius Klinik für Geriatrie in Wuppertal ) – die sie bei dem Antrag auf Reha stellten und der mir in Kopie vorliegt – hervor, dass sie meine Mutter für irreparabel inkontinent halten. Dies war sie vor der OP nicht.
Dies ist das Ergebnis der fehlerhaften Betreuung und nachlässigen Versorgung nach der Operation. Durch Erkundigung von Krankenpflegern und der ehemaligen Leiterin der Krankenpflegeschule Köln weiss ich, dass spätestens fünf Tage nach einer OP mit dem Training der Blase begonnen werden muss. Hier wurde
im Bethesta-Krankenhaus ( Liegezeit 1,5 Wochen nach der OP ) überhaupt nicht damit begonnen, sondern auf ärztliche Anweisung der Katheder liegen gelassen.
Nach der Überstellung in das Elisabeth-Krankenhaus ist es seither dafür zu spät; trotzdem werden aufgrund Kräftemangels lieber Erwachsenenpampers gelegt statt meine Mutter mehr zu betreuen. Inzwischen ist durch die Billigversion dieser Pampers aus Plastik(!) der Hintern wund und sie hat ständig dort Schmerzen, die die Klinik wiederum wie bei dem Trigeminus mit Schmerzmitteln bekämpft!
Der Hausarzt wurde von mir ständig informiert und bemängelt vor allem, dass angeblich im Elisabeth-Krankenhaus eine Frühreha stattfinden soll; 1/2 Stunde Übung Gehen täglich mit einem Krankengymnasten ist dafür unzureichend – aber dies soll lt. Krankenhaus ausreichend sein dafür, dass sie wieder Gehen lernt. Auf diese Weise wird meine Mutter nicht nur inkontinent, sondern dauerhaft an den Rollstuhl gebunden durch Pflegemangel.
Ein Hoch auf das deutsche Gesundheits- und Krankenhauswesen, das den älteren und dementen Patienten soweit nicht pflegt, bis er nur noch in ein Altenheim kann und die individuelle Pflege zu Hause durch seine sogenannte Betreuung unmöglich macht!


Sonntag, 29. März 2009 um 09:36
sehr geehrter herr strüder – wie gut ich Ihren bericht nachvollziehen kann!
für meine mutter war der (zum glück nur kurze…!) aufenthalt im krankenhaus ebenfalls eine tortur durch ignorantes, schlecht ausgebildetetes (?) und über zu wenig zeit verfügendes personal.
zu unserem glück lebt sie bereits länger in einem guten altersheim, das sich, nachdem ich meine mutter überstürzt aus dem krankenhaus “gerettet” hatte, sofort rührend kümmerte und sich erfolgreich bemüht, sie wieder auf die beine zu stellen. einen alzheimer-schub hatte sie aber trotzdem bereits erlitten…
mein fazit: es mangelt in krankenhäusern an ganzheitlichen konzepten für alle (!) patienten. dazu gehören selbstverständlich auch demente.
mfg