Entmündigt – Entwillt?

Mittwoch, 17. Juni 2009 von

Im Augenblick sind Themen wie Patientenverfügung und Lebender Wille, Palliativversorgung, wieder ein Thema in der Öffentlichkeit. Menschenrechte und Würde sollen definiert werden bei medizinischen Behandlungen.Wie sieht es aber im Alltag aus, bei der Hygiene, beim nächtlichen Umlagern, usw. – wieweit wird da der persönliche Wille erkannt bzw. respektiert?

Seit zwei Wochen stelle ich fest, dass meine Mutter sich im Bett nachts nicht mehr umdreht. Sie liegt stundenlang in derselben Position, manchmal verschwitzt und öfter auf den dicken Falten ihres Nachthemds. Morgens finde ich rote Striemen bzw. Stellen, die erst beim Waschen röten. Oder einen roten Kreis wo beide Knie aufeinander lagen..

Also habe ich, um einem Wundliegen zuvorzukommen begonnen, sie nachts 2-3 Mal umzudrehen, obgleich sie schläft und dabei wach wird. Auf die Seite für drei Stunden, dann auf den Rücken. Auch mal frisch gemacht, zur Toilette gebracht, einen Schluck gierig akzeptierten Tee gegeben.

Heute Nacht jedoch fand meine Mutter das Umdrehen überhaupt nicht gut. Sie hat sich erstaunlich kräftig gewehrt um wieder in die ursprüngliche Liegeposition zurückzukommen. Trotzdem brachte sie wieder in die neue Lage, stabilisiert vom Kissen. Drei solcher Touren haben wir auf diese Weise hinter uns gebracht, Mutter ist danach wieder eingeschlafen und ich habe mir überlegt, wie es weitergehen soll.

Mutter ist bereits durch die Inkontinenz, durch Kleide- und Gehhilfe, durchs Essenreichen, Tagesaktivitäten, usw. darauf reduziert, das zu tun, was andere ihr anschaffen. Soll sie jetzt auch in ihrem eigenen Bett nicht mehr bestimmen dürfen, wenn sie doch gerade so warm und bequem da liegt und schläft? Dürfen wir, um sie und uns selbst zu schützen, Hand anlegen, obwohl sie das nicht möchte? Wenn der Patient nicht mehr sprechen kann, aber abwehrt – wieweit darf er noch mitbestimmen? Demenzpatienten können vielleicht nicht sprechen, aber sie fühlen sehr wohl, wenn sie „überstimmt“ werden. Ist das Lebensqualität?

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2 Kommentare zu “Entmündigt – Entwillt?”

  1. Volker schreibt:

    Ein wirklich oft diskutiertes Thema, auch in unseren Fallbeschprechungen. Nicht nur emotional gesehen bedeutet jedes entgegenwirken einer ablehnenden Haltung gegenüber einen Eingriff in den freien Willen. Nur ist leider die Grenze zwischen Respekt vor dem Anderen und unbewusste Selbstschädigung des Anderen meiner Meinung nach fließend. Ich denke das viele pflegerischen Maßnahmen aufgrund standartisierter Vorgaben so manifestiert sind das der Zweck nicht mehr Sinn ist, einmaliges umlagern zur Nacht reicht wahrscheinlich aus wenn das Ausgeruhtsein tagsüber berücksichtigt würde im Verhalten eines Menschen! Lebensquallität ist gerade bei psyschich Veränderten Menschen individuell anzuerkennen und nicht von meiner Position aus zu betrachten.

  2. Wiebke schreibt:

    Ich habe erst heute diese Seite gefunden, obwohl meine Mutter schon seit Jahren an Alzheimer erkrankt ist. Und Sie sprechen mir mit Ihren Beiträgen so aus der Seele! Heute ist meine Mutter im Endstadium angekommen – ich weiß nicht, ob sie mich noch erkennt – , aber in den letzten 4 Jahren war meine Hauptkommunikationsmöglichkeit mit ihr das Singen von Liedern. Da reagierte sie, sang manchmal plötzlich mit oder sprach auf einmal wieder, was sie eigentlich schon verlernt hat. Ich singe immer noch, aber nun schaut sie mich nur noch an…..

    Aber zu Ihrem Problem in diesem Beitrag:
    Wäre es nicht möglich, über die Krankenkasse eine Dekubitusmatratze zu beantragen?
    Ich pflege meine Mutter nicht zuhause, da ich in einer anderen Stadt lebe. Meine Mutter lebt in einem Pflegeheim, das sie sich noch im gesunden Zustand selbst ausgesucht hatte und das in ihrer unmittelbaren vertrauten Umgebung liegt.
    Ich bin mit meiner damaligen Forderung nach einer Dekubitusmatratze erst auf Widerstand im Heim gestoßen, der aber durch Hartnäckigkeit schnell gebrochen wurde. Man braucht nur ein Rezept vom Hausarzt!

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