Buchtipp: Paradies im Niemandsland

Montag, 30. November 2009 von Alzheimer Gesellschaft e.V.
Paradies im Niemandsland

Paradies im Niemandsland

Paradies im Niemandsland
Alzheimer Eine literarische Annäherung

„Als sie wieder sehen konnte, erblickte sie vor sich eine weite Ebene, von der man normalerweise die Alpen sah. Aber heute war da überall Dunst. Ja, das war ja auch ihre Situation. Überall Dunst. Sie konnte Jörg nicht mehr verstehen, sie verstand nicht den Sinn seiner Krankheit und auch nicht, wie das alles weitergehen sollte.“
Diese Situation voller Verzweiflung stellte zugleich den Beginn einer neuen Sichtweise dar: „Der ganze Horizont war Himmel….Sie hatte das Gefühl, in die Unendlichkeit zu schauen.“ In eindrücklichen Bildern gelingt es der Autorin die Gefühlswelt von Barbara einzufangen, die sich entschieden hat, ihren Freund zu begleiten, der an Alzheimer erkrankt ist. Parallel dazu tauchen immer wieder Erinnerungen auf an die Mutter, die ebenfalls an Alzheimer erkrankt ist. Doch bei ihrem Lebenspartner Jörg gelingt es ihr, neue Wege zu beschreiten. Sie findet Möglichkeiten, durch die der Mann, den sie liebt, sich ausdrücken kann. Die kleine Katze „Lea“ – „ein Schlüssel zu einer verborgenen Welt“ und die Kunsttherapeutin Lisa, die ihm „Fenster voll von Ferne“ öffnete.
Ein berührendes Buch, das Angehörige ermutigen kann, den Menschen, den sie lieben und der erkrankt ist, auch in seinen Fähigkeiten zu sehen und die Momente des Glücks wahrzunehmen und auszukosten.

Eleonore von Rotenhan: Paradies im Niemandsland: Alzheimer. Eine literarische Annäherung, Radius-Verlag 2009, ISBN 978-3871733413, 15 €

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Und die Moral von der Geschicht…

Montag, 30. November 2009 von Martina Rühl

Während meiner Arbeit in einem Kurzzeit- und Tagespflegeheim erlebte ich die folgende Geschichte:

Ich war mit zwei Kolleginnen im Spätdienst und wir besprachen, dass zwei von uns die Bewohner im Obergeschoß zur Nacht versorgten, während die dritte im Erdgeschoß blieb, die Küche in Ordnung brachte und nebenbei drei Bewohner im Auge behielt.

Eine der drei Bewohner war Frau Fischer, 80 Jahre alt, sehr klein, mit glatt zurückgekämmten weißen Haaren. Sie hatte nur noch sehr wenige Zähne im Mund, so dass beim Sprechen die unteren zwei Eckzähne sichtbar waren und sich die Unterlippe über die Oberlippe schob. Unermüdlich schlurfte sie mit ihrem Rollator (Gehhilfe mit 4 Rädern) hin und her. Im Abstand von wenigen Minuten blieb sie stehen, faltete die Hände vor der Brust wie zum Gebet und rief, den Blick nach oben gewandt: “So helfen Sie mir doch, ich kann nicht mehr, ich bitte Sie, so helfen Sie mir doch!” Anschließend setzte sie ihre Runde fort, blieb nach kurzer Zeit wieder stehen, faltete die Hände usw.

Die zweite Dame, Frau Degener, war 75 Jahre alt, groß, schlank, noch recht sportlich und wollte sich mehrmals am Tag verabschieden, um zu Hause ihre kleinen Kinder zu versorgen. Da die Eingangstür nicht verschlossen war, mußte man sie ständig im Auge behalten und gegebenenfalls mit einem geschickten Ablenkungsmanöver von ihrem Vorhaben abbringen.

Der dritte im Bunde war Herr Biermann, 82 Jahre alt, für einen Mann recht klein und leicht untersetzt. Er verhielt sich tagsüber meistens unauffällig und lief gegen Abend zu seiner persönlichen Hochform auf, in der er dann oft Chaos verbreitete.

An jenem Abend entschied ich mich für die vermeintlich leichtere Variante im Erdgeschoß und machte mich, nicht ganz frei von Schadenfreude, dass meine Kolleginnen oben in die Vollen gingen, ans Werk.

Schon nach wenigen Minuten nahm das Unheil seinen Lauf! (Weiterlesen…)

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Lesetipp: Das Anti-Alzheimer-Buch

Freitag, 27. November 2009 von DAlzG
Auf unterhaltsame und verständliche Art informieren die Autoren, Hans Förstl als Direktor einer psychiatrischen Universitätsklinik und Carola Kleinschmidt als Fachjournalistin, in diesem Buch über die Alzheimer-Krankheit, die damit verbundenen Veränderungen im Gehirn und heutige und künftige Behandlungsansätze. Dabei lernt man auch die Personen kennen, die an dem Erkenntnisgewinn der letzten Jahrzehnte beteiligt waren, was das Buch sehr menschlich macht und weniger medizinisch.

Im Vordergrund des Buches stehen aber nicht nur die Fakten rund um die Alzheimer-Krankheit und ihre Entdeckung und Beforschung, sondern Hinweise und Tipps zum gesunden Altern und zu den Möglichkeiten der Prävention der Alzheimer-Erkrankung. Dabei ist die Gesundheit nur ein Teil. Die Autoren räumen auch dem Geheimnis der Zufriedenheit im Alter mit all seinen Einschränkungen einen Platz in ihrem Buch ein und wollen explizit nicht dem Jugendwahn anhängen.

Der Titel wirkt zunächst verwirrend und lässt nicht erkennen, was das Buch bietet. Aber er macht neugierig und als Leserin bereut man nicht, das Anti-Alzheimer-Buch in die Hand genommen zu haben. Fazit: Ein sehr lesbares Buch, das nicht nur informiert sondern auch Mut macht, sich dem Thema und dem eigenen Altern offensiv zuzuwenden und seine Lebensweise anders auszurichten.

Sabine Jansen, Berlin

Hans Förstl, Carola Kleinschmidt: Das Anti-Alzheimer-Buch, Kösel-Verlag München 2009, 224 Seiten, ISBN 978-3-466-30814-9, € 17,95

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Was ist mit mir los?

Donnerstag, 26. November 2009 von Martina Rühl

Was ist mit mir los, ich kann nicht mehr denken,

dabei möchte ich noch so viel Liebe verschenken;

doch ich weiß nicht an wen, ich kenne mich selbst kaum,

bin stets auf der Suche nach Vertrautem im Raum.

Wer ist dieser Mann, der sagt, er wäre mein Sohn?

Haltet Ihr mich für blöd, ist es so weit schon?

Ich muss zur Toilette, doch wie stelle ich’s an,

ob mir dabei wohl jemand helfen kann?

Ich weiß nicht, durch welche Tür soll ich gehen,

alles sieht so gleich aus, kann keinen Unterschied sehen.

Wo sind meine Eltern, ich muss für sie sorgen,

wieso sagt diese Frau, darum kümmern wir uns morgen?

Ich muss doch zu ihnen und zwar auf der Stelle,

ich werde gleich sauer und mach hier ne Welle!

Wo bin ich, was mach ich, wo gehör ich bloß hin?

Es macht mich verrückt, dass ich nicht weiß, wer ich bin!

Ich muss jetzt zur Schule, hab gar keine Zeit,

warum hält man mich fest, das geht mir zu weit!

Ich spür keinen Hunger, doch man gibt mir zu essen,

ich hab solche Angst, ich könnte alles vergessen.

In meinem Innern toben tausende von Gefühlen,

ich kann sie nicht deuten, sitze zwischen den Stühlen!

Ich bin so traurig und kann es nicht sagen,

niemand versteht mich, wen kann ich nur fragen?

Ich spüre Schmerzen, doch wo kommen sie her?

All diese Dinge machen das Leben so schwer!

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geschafft…

Montag, 23. November 2009 von helgajuttapetrauwe

mittwoch früh, wieder gegen halb acht. vermutlich der letzte, der entscheidende anruf aus dem altersheim: bitte kommen sie, ihre mutter liegt im sterben.

um neun bin ich bei ihr, habe an der arbeit schnell alles geregelt, meine kollegen informiert, die mich bestärkt haben, hier alles stehen und liegen zu lassen. meine schwester kommt um zehn.

die erfahrenen altenpflegerinnen kennen die symptome – der sauerstoff ist in die ecke gestellt, abgestellt. die beine zeigen bereits verfärbungen, die gliedmaßen sind feucht und kalt, der atem geht schnell und flach, das herz sputet sich…unsere mutter sieht aber heute sehr entspannt, sehr friedlich aus, eine glatte stirn, keine anspannungen mehr, weder im nacken noch in den beinen, die sonst immer angezogen wurden. sie schaut uns nicht an, ihre augen sind geschlossen.

sobald die tür zu ihrem zimmer geschlossen ist, hört für uns die zeit auf, zu existieren. wir sind einfach nur da, ganz für sie da. das personal versorgt uns rührend – physisch mit suppe, kaffee, kuchen. psychisch mit ihrer art, von unserer mutter abschied zu nehmen: alle, die sie kennen, kommen herein, vorsichtig, nehmen ihre hände, streicheln ihr gesicht, flüstern liebevolle worte. tränen werden vergossen – es geht auch hier nicht um uns, wird sind nicht wichtig, unsere mutter wird verabschiedet, sie werden sie vermissen. sicher anders als wir es tun – aber die letzten jahre haben sie diese frau jeden tag erlebt, ihre entwicklung beobachtet, sie begleitet in schlimmen, in schönen, in lustigen momenten, von denen jetzt auch immer wieder erzählt wird: wie sie nackt über den flur lief, nachts; wie sie immer weg wollte, für die kinder sorgen, arbeiten. wie sie immer zu allen freundlich war, ihr fröhliches, zutrauliches lächeln, das sie so freigiebig verschenkte.

die stunden fließen dahin; wir schwestern plaudern, erinnern uns, schauen fotos an. wir lästern über verwandte, loben unsere kinder, die eine mal rechts am bett, mal links, die andere mit dem kopf der mutter auf dem schoß im bett sitzend. mit dem arzt ist verabredet, das wir anrufen können, wenn atemnot oder andere schlimme anzeichen auftauchen, sonst wird nichts getan – essen und trinken will sie nicht mehr. ihre atmung verändert sich manchmal, dann wird sie schneller und wir legen abwechselnd unsere hände auf ihren gewölbten brustkorb und können sie wieder beruhigen. ich flitze zwischendurch eine flasche wein und schokolade holen. dann schweigen wir zusammen, wir wissen nicht weiter. kurz nach mitternacht machen wir blödsinn: wir singen, albern, es grenzt ans hysterische…um halb eins dann, nach wir uns beruhigt haben, öffnen wir das fenster, spontan, um luft zu bekommen. in dem moment öffnet mutti ihre augen, sie sind trüb und wir sind sofort bei ihr, legen die hände auf ihre brust, spüren ihr herz, schnell, leicht. wir reden ihr gut zu, ermuntern sie, loszulassen. bis ihr herz dann tatsächlich aufhört zu schlagen nach kurzer zeit. noch ein paar kurze heftige atemzüge, die für uns schlimm sind und erst dann fangen wir an zu schluchzen.

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ich habe diesen sehr persönlichen bericht geschrieben, um allen mut zu machen, ihre sterbenden angehörigen zu begleiten. so schwer es auch ist, so sicher haben wir gemerkt, dass es gut war, so wie wir es getan haben. auch die beziehung zwischen uns schwestern ist noch einmal enger geworden. wir wurden von unserer empfindung geleitet und das wurde auch vom personal gut geheißen.

wir wünschen uns, dass es uns später auch mal so leicht gemacht wird, aus dem leben zu gehen.

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nichts bleibt, wie es ist…

Montag, 16. November 2009 von helgajuttapetrauwe

wieder ein schub – ohne vorwarnung kommt er und wir kinder müssen uns neu orientieren, unsere rolle, unsere aufgabe darin neu definieren, finden.

im tagesraum, in dem sich all die anderen dementen damen befinden und in dem es wohnzimmermäßig lebhaft ist, ist sie nicht mehr so oft zu finden. wenn ich komme. dann liegt sie in ihrem bett, meistens schläft sie ruhig und friedlich oder sie schaut einfach so vor sich hin. aber sie strahlt jeden an, der herein kommt und sie freundlich anspricht und sie scheint auch uns, ihre angehörigen zu erkennen. das strahlen ist lustig anzuschauen: sie mag ihre zähne morgens nicht mehr “anziehen” und dementsprechend fällt ihr kiefer nach innen und es sieht wirklich sehr, sehr lustig aus, wenn sie “breit grinst”.

wir planen wieder einmal eine umstellung zusammen mit dem personal: ein neuer rollstuhl soll her, mit lehne, damit sie, wenn sie müde wird, auch im tagesraum ein nickerchen machen kann, ohne dass ihr der kopf schmerzhaft in den nacken fällt. dann kann ich wieder mit ihr ausser haus, spazieren gehen und so wird sie den sozialen kontakt nicht verlieren. gute aussichten, scheint mir.

bis zu dem tag, an dem mein mann + ich in frankfurt sind, nur für zwei tage. am samstagmorgen um halb acht klingelt das handy…kein gutes zeichen.

wir fahren sofort zurück. und wieder ist alles anders: ein sauerstoffschlauch in ihrer nase zeugt von dem geschehen – ihr hausarzt war da, jetzt geht es wieder. aber wir finden nicht wirklich kontakt zu ihr, sie schläft vor allem, wirkt angespannt, die stirn gerunzelt, die nackenmuskulatur hart. sie schaut nicht , lächelt kaum, was wir nicht kennen! geschwister-versammlung am bett, verhalten optimistisch trotzdem. nur zögernd verlassen wir sie, man gewährt einander das alleinsein mit der mutter.

sonntagabend. alle fahren wieder zu ihren arbeitsorten zurück, eine unruhe in sich. es ist nicht mehr der alzheimer, der das auslöst.

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