Und die Moral von der Geschicht…
Während meiner Arbeit in einem Kurzzeit- und Tagespflegeheim erlebte ich die folgende Geschichte:
Ich war mit zwei Kolleginnen im Spätdienst und wir besprachen, dass zwei von uns die Bewohner im Obergeschoß zur Nacht versorgten, während die dritte im Erdgeschoß blieb, die Küche in Ordnung brachte und nebenbei drei Bewohner im Auge behielt.
Eine der drei Bewohner war Frau Fischer, 80 Jahre alt, sehr klein, mit glatt zurückgekämmten weißen Haaren. Sie hatte nur noch sehr wenige Zähne im Mund, so dass beim Sprechen die unteren zwei Eckzähne sichtbar waren und sich die Unterlippe über die Oberlippe schob. Unermüdlich schlurfte sie mit ihrem Rollator (Gehhilfe mit 4 Rädern) hin und her. Im Abstand von wenigen Minuten blieb sie stehen, faltete die Hände vor der Brust wie zum Gebet und rief, den Blick nach oben gewandt: “So helfen Sie mir doch, ich kann nicht mehr, ich bitte Sie, so helfen Sie mir doch!” Anschließend setzte sie ihre Runde fort, blieb nach kurzer Zeit wieder stehen, faltete die Hände usw.
Die zweite Dame, Frau Degener, war 75 Jahre alt, groß, schlank, noch recht sportlich und wollte sich mehrmals am Tag verabschieden, um zu Hause ihre kleinen Kinder zu versorgen. Da die Eingangstür nicht verschlossen war, mußte man sie ständig im Auge behalten und gegebenenfalls mit einem geschickten Ablenkungsmanöver von ihrem Vorhaben abbringen.
Der dritte im Bunde war Herr Biermann, 82 Jahre alt, für einen Mann recht klein und leicht untersetzt. Er verhielt sich tagsüber meistens unauffällig und lief gegen Abend zu seiner persönlichen Hochform auf, in der er dann oft Chaos verbreitete.
An jenem Abend entschied ich mich für die vermeintlich leichtere Variante im Erdgeschoß und machte mich, nicht ganz frei von Schadenfreude, dass meine Kolleginnen oben in die Vollen gingen, ans Werk.
Schon nach wenigen Minuten nahm das Unheil seinen Lauf!
Beim ersten Kontrollblick entdeckte ich nur Frau Degener, die auf dem Sofa saß und Frau Fischer, die wie üblich durch das Zimmer schlurfte. Doch wo war Herr Biermann geblieben? Ich fand ihn in dem angrenzenden, kleinen Flur. Er saß im Sessel und hatte sich selbst, seine Kleidung und die Sitzgelegenheit mit seinen Ausscheidungen verschmiert. Was für ein Anblick! Vom Geruch mal ganz zu schweigen!
Vorbei war es mit dem angestrebten, ruhigen Abenddienst. Da konnte nur eine warme Dusche Abhilfe schaffen, von deren Notwendigkeit ich Herrn Biermann jedoch erst einmal überzeugen mußte. Während ich ihn abduschte und daran zweifelte, noch vor Feierabend alles wieder sauber zu bekommen, wurde die Tür des Bads geöffnet und Frau Fischer stand mit vor der Brust gefalteten Händen im Türrahmen und flehte mich an: “So helfen Sie mir doch, ich kann nicht mehr, ich bitte Sie, so helfen Sie mir doch!”
Auch das noch! Ich stellte die Dusche aus, hängte Herrn Biermann ein großes Handtuch über, ermahnte ihn eindringlich zum Sitzen bleiben und manövrierte die Dame nach draußen, um sie auf später zu vertrösten.
Tür zu, Handtuch weg, Dusche an, weiter ging es mit der Reinigungsaktion.
Zumindest so lange, bis die Tür wieder geöffnet wurde und Frau Degener mir freundlich zuwinkte und sagte:”So, ich gehe dann mal nach Hause, ich wollte mich nur noch eben von Ihnen verabschieden. Machen Sie’s gut! Vielleicht sieht man sich ja irgendwann einmal wieder.”
Da half nur eins: Dusche aus, Handtuch über Herrn Biermann gelegt, ihn zum Sitzen bleiben ermahnt und so schnell es ging, hinter Frau Degener hergeeilt, um sie noch vor der Eingangstür einzuholen und sie zu überzeugen, noch ein Weilchen zu bleiben. Man könne doch später lieber gemeinsam gehen, schließlich sei es doch schon dunkel! Ich hatte Glück, sie ließ sich auf den Vorschlag ein und setzte sich wieder auf das Sofa.
Frau Fischer schlurfte während dieser Aktion weiterhin durch den Aufenthaltsraum.
Tür zu, Handtuch weg, Dusche an, zwei bis drei Umdrehungen mit dem Waschlappen und schon stand Frau Fischer wieder im Türrahmen und flehte mich händeringend an, ihr doch endlich zu helfen.
Herr Biermann, inzwischen angesichts der ständigen Störungen leicht gereizt und um meine Aufmerksamkeit fürchtend, rutschte im Sitzen mit seinen nackten Füßen auf dem nassen Boden hin und her und schrie: “Ich falle, Hiiiilfe, ich falle!” Ein Auge hatte er dabei krampfhaft zugekniffen, mit dem anderen beobachtete er meine Reaktion.
Ich spürte, wie sich Schweißperlen auf meinem Kopf sammelten und langsam Richtung Stirn krochen. Was tun?
Dusche aus, Handtuch über Herrn Biermann gelegt, ihn zum Sitzen bleiben ermahnt, Frau Fischer nach draußen geschoben und auf später vertröstet.
Diese Szene zog sich etwa zwanzig Minuten hin, in denen Frau Fischer und Frau Degener sich die Türklinke in die Hand gaben, Herr Biermann keifend unter der Dusche saß und alle drei mich fast zur Verzweiflung brachten.
Irgendwann war es geschafft. Herr Biermann nahm frisch duftend auf dem Sofa Platz. Ich ließ mich völlig erschöpft auf das selbige nieder und betete, dass meine Kolleginnen möglichst bald aus dem Obergeschoß kommen mögen, um mir beizustehen.
Und die Moral von der Geschicht: Schieb die schweren Aufgaben auf Deine Kollegen nicht!

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Donnerstag, 3. Dezember 2009 um 19:49
liebe martina, ich bin so froh, dass es Sie und ihre vielen kolleginnen und kollegen gibt! ich konnte ja nur so liebevoll zu meiner mutter sein, weil ich diese schwere arbeit, körperlich+seelisch! nicht machen musste. und wenn Sie das noch mit soviel humor nehmen können – hut ab! und vielen dank, jutta heckmann