Beinahe eine Büttenrede

Dienstag, 16. Februar 2010 von Heidi

Je länger ich meine Mutter betreue, je mehr Zuwendung und Pflege sie braucht, desto kritischer sehe ich meine Umwelt und mich selbst. Und komme ins Kopfschütteln über unsere sogenannte zivilisierte Industrienation, auf die wir so stolz sind.

Mutter und ich haben am Wochenende eine Freundin besucht. Nach dem Mittagessen gingen wir zur Toilette. Windelwechsel war angesagt. Für mich seit langem ein völlig normaler Vorgang. Für meine Freundin nicht. „Toll, dass du das kannst. Dass du sowas auf dich nimmst. Ich könnte das nicht, ihr den Hintern abputzen und sowas“.

Ich war noch dabei, mich und Mutter wortreich erklärend zu verteidigen, die Sache ins Normale zu reden, als der Säugling schrie.

Meine Freundin eilte ins Kinderzimmer, holte das Baby und es war Windelwechsel angesagt. Ich musste (igitt) dabei zusehen und sie erzählte mir beiläufig, dass ihr Mann sich weigere auch mal Hand anzulegen. Er ekle sich so.

Später, nach einem Tässchen Kaffee schlug Michael, ihr Mann, einen kleinen Spaziergang vor. Der Hund müsse mal raus. Also Alles rein in Mützen, Schals und Mäntel, Baby in den Kinderwagen, langsam rüber in den Park.

Während wir uns angeregt unterhielten, hob der Hund sein Bein hier und dort. Und wir alle warteten geduldig. Dann kam der Moment zum Vollzug des eigentlichen Ausflugs: der Hund erledigte sein Geschäft. Michael griff in seine Manteltasche, zog ein blaues Plastiktütchen heraus, pustete hinein um es zu entfalten und stülpte es über die rechte Hand. Dann bückte er sich, nahm die frische Hinterlassenschaft in die Tüte auf und verschloss sie mit der linken Hand.

IGITT, sagte ich, das könnte ich nicht. Wieso fragte Michael ganz erstaunt. Du kannst das Zeug doch nicht im Park so einfach rumliegen lassen. Da gibt es ganz klare Vorschriften! An den Parkeingängen gibt es ja auch spezielle Abfallkörbe und Behälter mit frischen Tüten.

Ja. aber Windelwechseln bei deinem Baby kannst Du nicht? IGITT, meinte er, das stinkt doch! Sowas überlasse ich meiner Frau!

Wieder zurück vom Spaziergang bin ich wieder mit Mutter aufs Klo. Als ich mit meiner Plastiktüte in der Hand herauskam, meinte Michael „IGITT, das könnte ich nicht“.

Also ehrlich, wohin bewegt sich eine Gesellschaft, in der Hundeabfalltüten einem höheren ethischen Stellenwert zugemessen werden und der menschliche Toilettengang lieber einem ambulanten Pflegedienst „zugemutet“ wird?

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