Der Bruch

Dienstag, 9. März 2010 von Dagmar

Sie stürzte. Gesehen hatte ich es nicht. Sie kam aus dem Garten und hielt sich die linke Hand. “Tut die Hand weh?”, fragte ich. “Ja” gab sie mir zur Antwort. “Wie ist es passiert?”, wollte ich wissen. “Mit einmal tat die Hand weh”, sagte sie. Ich bat sie sich in den Sessel zu setzten, damit ich mir die Hand anschauen kann. Vorsichtig tastete ich ihre Hand und den Unterarm ab. “Mir wird schlecht, ich kann meine Hand nicht bewegen”: meinte sie. Ihr Handgelenk schwoll langsam an, ihre Schmerzen nahmen sichtlich zu. Ich holte ihr einen Kühlakku, den ich in ein Handtuch wickelte. Außerdem gab ich ihr etwas zu trinken. Dann wollte sie nicht mehr sitzen bleiben, so dass ich einen Strumpf über die Hand zog, damit der Kühlakku das Handgelenk kühlen kann. Prima, dachte ich. Heute ist Samstag Nachmittag, da kann ich mit ihr zur Unfallaufnahme in`s Krankenhaus fahren.

Vor dem stundenlangen Sitzen graute es mir. Es ist für Mutti und für mich eine Tortur. Sie kann nicht stillsitzen. Es ist langweilig und sie möchte ständig nach Hause. Eine Ablenkung ist nicht möglich. Etwas zu Essen und zu Trinken packte ich in meinen Rucksack. Seit ich Mutti zur Pflege habe, trage ich einen Rucksack. Die notwendigen Papiere und andere Kleinigkeiten passen in den Rucksack. Ich habe dadurch meine beiden Hände für Mutti frei. Bequeme Schuhe und Hosen sind nun meine wichtigsten Kleidungsstücke. Mein Leben habe ich auf Mutti`s Leben abgestimmt.

Ihre Kleidung mußte ich von Blättern und Gras sowie Unkraut säubern, ehe wir in`s Krankenhaus fuhren. Sie is,t nach ihrem Aussehen zu urteilen, auf dem Komposthaufen hingefallen, weil sie versuchte darüber den Garten zu verlassen. Sie versuchte schon oft aus dem Garten zu gelangen. Was natürlich nicht funktionierte. Eine Lampe hatte ich mir gekauft. Diese war aus einem ca 1 Meter geschwungenen Metallgestell an der die Fassungen angebracht waren. Sicherheitshalber habe ich diese nicht in`s Haus gebracht sondern in den Schuppen abgelegt. Die Lampe hatte keinen  Tag überstanden. Sie nahm diese als Hebel, um das Zweiflügelige Tor aufzuhebeln. Die Lampe war als Hebel und als Lampe danach nicht zu gebrauchen. Ihr Erfinderungsgeist verblüffte mich immer wieder.

Bei einem kurzen Einkauf musste ich sie allein lassen. Das Haus lasse ich immer offen, so dass sie in den Garten gehen kann. Die Wege nimmt sie dabei nicht zur Kenntnis. Über Beete, durch Sträucher wird gelaufen. Alles wird niedergemacht. Was meine Hunde nicht schaffen, schafft Mutti. Traurig bin ich dann, aber es hilft nichts, sie kann nicht dafür. Meine Hunde muntern mich auch sofort auf. Als ich nach meinem Einkauf nach Hause kam erzählte sie mir: ” ich wollte mit meinem Hund gehen. Wir sind beide aus dem Haus gegangen und am Gartentor ist mein Hund wieder in`s Haus gerannt. Ich bin meinen Hund holen gegangen und am Gartentor rannte er wieder in`s Haus. Er wollte den Garten nicht verlassen. Ohne Hund konnte ich nicht gehen. Innerlich mußte ich schmunzeln.

Mutti brachte ich in`s Krankenhaus. Ich informierte das Personal, dass sie unter Alzheimer leidet. Es interessierte jedoch nicht. Gut vier Stunden waren wir dort. Ich war geschafft, Mutti auch. Sie ließ sich nicht beschäftigen. Mutti sollte ohne mich behandelt werden. Mutti ging jedoch nicht in das Behandlungszimmer. Sie weigerte sich. Letzlich gingen wir beide in das Behandlungszimmer. Ihre Vorsorgevollmacht hatte ich nicht mit. Vielmehr hatte ich den Eindruck, dass sie dachten, ohne mich zurechtzukommen. Das Röntgenbild bestätigte einen Bruch. Ihre Hand wurde in eine Schiene gelegt und mit einem Verband versehen. Wir bekamen die Order, einen Chirugen am Montag aufzusuchen. Nur gut dachte ich bei mir, dass wir in Behandlung beim Chirugen sind.

Der Bruch war für den Chirugen und für mich eine Herausforderung. Kompliziert war der Bruch nicht, nur Mutti konnte für die Behandlung kein Verständnis aufbringen. Am Sonntag hatte Mutti den Verband abgemacht und die Schiene im Kopfkissen versteckt. Nein, zum Krankenhaus fahre ich nicht. Wieder diese Tortur. Die Schiene und den Verband legte ich ihr an. Am Montag mußte ich ein Holzstück fertigen um diese als Schiene zu nutzen. Nach meinem Anruf beim Chirugen konnten wir  auch am gleichen Tag, ohne Wartezeit, die Sprechstunde aufsuchen. Sie bekam ihren Gipsverband. Nichts ahnend, dass wir am nächsten Tag nochmals den Chirugen aufsuchen müssen. Sie hatte mittels Schere gen Gips abgebröckelt und die Hand fast herausgezogen. Also wieder zum Arzt, der größes Verständnis aufbrachte. Sie bekam einen Gips bis zum Ellenbogen, den sie nicht mehr abmachen kann. Diesen Gips hat sie auch geschafft. Sie muß die ganze Nacht daran “gearbeitet” haben. Die Hand war im Gips  verdreht. Wir sind wieder zum Chirugen. Er meinte: “der ganze Arm wird eingegipst, dass schafft sie nie.” Sie hat es geschafft. Sie versuchte mit heißem Wasser den Gips aufzulösen. Die Küchenspüle wurde mit heißen Wasser gefüllt und sie hielt den Arm in die Spüle. Vorher hat sie mit den Finger mullartiges Gewebe herausgepult. Die Fusseln lagen überall herum. Also nochmals zum Arzt. Er meinte nur: “Das gibt es doch nicht. Jetzt bekommt sie einen Fixateur, den schafft sie nicht, dazu muß sie in`s Krankenhaus.”

Mutti kam am Donnerstag in`s Krankenhaus, d.h. sie bekam ihr Bett und ich sollte sie Freitag nüchtern zur OP bringen. Montag sollte sie entlassen werden, wenn alles gut geht. Prima dachte ich, dann habe ich ein ganzes freies Wochende. Mutti brachte ich nüchtern in das Krankenhaus und blieb solange bis die Narkose wirkte. An den Kühlschrank und an den Gefrierschrank kam sie schon lange nicht mehr. Diese habe ich abgeschlossen, nachdem ich das Essen im Hundenapf oder im Geschirrspüler fand. Essen konnte sie bei mir nicht heimlich.

Mein Wochenende hatte ich verplant. Freitag Abend bekam ich einen Anruf vom Krankenhaus. Mein Herz stand still. Ich wurde sofort beruhigt. “Ihrer Mutter geht es gut, zu gut. Sie müssen sie abholen,sofort. Jeder andere Patient ist nach der Narkose geschafft, ihre Mutter steigt über das Geländer aus dem Bett und will nach Hause.” Gut sagte ich und holte sie nach Hause.”Es kommt immer alles anders als man denkt”!

Dagmar

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