Zahnschmerzen
Mit ihren 89 Jahren hat Mutti noch einige eigene Zähne im Mund. Sie gaben der Teilprothese im Ober- und Unterkiefer den nötigen Halt. Seit einigen Wochen konnte ich ihr nicht mehr die Prothese einsetzen. Gelang mir dies, so hat sie diese sofort wieder entfernt. Sie hat den Mund zugekniffen, als sie die Prothese sah, so dass ich aufgab. Von Mundpflege konnte keine “Rede” mehr sein. Ihre Mundspülung sah ungewöhnlich aus. Sie nahm Wasser in den Mund. Es war kein Gurgeln, sie wiegte ihren Kopf von rechts nach links und wieder nach rechts bis ich ihr sagte, dass sie bitte ausspucken soll. Sie verstand es nicht und ich machte es ihr vor. Diese Art von Mundpflege blieb eines Tages aus.
Mutti hielt ihre Hand im Gesicht. Da dies auf Schmerzen deutet, fragte ich: “Margot hast du Schmerzen?” Ja; kam es von ihr. “Wo tut es dir weh?” Ihre Antwort “ja”. Zeige mir bitte wo es dir weh tut. Wieder kam ein”ja”. Gezeigt hatte sie mir nicht, wo es schmerzt. So komme ich nicht weiter dachte ich bei mir. Vorsichtig drückte ich ihren Hals und tastete mit leichten Druck ihr Gesicht ab. Keine Reaktion von ihr. Kein Zucken, kein Aua. Ist ja prima dachte ich und sagte zu ihr: ” Margot mach mal deinen Mund auf”. Ja, sagte sie und schon war er wieder geschlossen. Ich konnte nichts sehen. Sage mal “A” bat ich. Der Mund war wieder sehr schnell zu. Margot wir werden jetzt um die Wette “A” sagen. Wer länger “A” sagt, bekommt ein Stück Schokolade. Mutti war damit einverstanden. Wir übten beide das “A”, wobei ich versuchte ihr in den Mund zu schauen. Dabei nahm ich einen abgebrochenen Zahn wahr. Muß das auch noch sein, war mein Gedanke. Einen Termin beim Zahnarzt erhielten wir sehr schnell. Mit Ruhe und Geduld konnte der Zahnarzt den abgebrochenen Zahn bestätigen. “ Ohne Betäubung ist es nicht möglich ihr den Zahn zu ziehen. Dabei sollen ihr gleich alle Zähne gezogen werden” sagte ich. Der Zahnarzt sagte:” Sie muß zum Kiefernchirugen. Also ich hin, ohne Mutti. Der Kiefernchirugin gab ich die Überweisung und notwendige Informationen zu ihrer Demenz. Sie schickte mich zum Anästhesisten. Die gleiche Info habe ich nochmals gegeben. Weil sie Alzheimer hat, wurde sich geweigert, sie zu behandeln. Das kann nur im Krankenhaus gemacht werden,sagte man mir. Ich war stinksauer und machte meinen Ärger auch “Luft”. Es half nichts. Kranknhaus bedeutet für Mutti eine sehr große Belastung. Und in`s Krankenhaus wollte ich sie nicht mehr geben. Im Umkreis telefonierte ich die Kieferchirugen ab. Die Fahrzeit wollte ich so kurz als möglich halten. In Tegel wurde ich fündig. Ich fragte auch nach, ob ein Fahrstuhl existiert, da sie im Rollstuhl sitzt. Dies wurde bestätigt.
Es war Februar, kalt, glatt, die Gewege nicht geräumt, der Wind peitschte den Regen in`s Gesicht. Einen Parkplatz fand ich. Etwa 10 Minuten mußte ich Mutti zum Zahnarzt schieben. Es war anstrengend und Mutti wollte nach Hause. Wir waren im Hof der Zahnarztpraxis angelangt und ich fand den Fahrstuhl nicht. Ich schob Mutti an die Hauswand, so dass sie nicht aufstenen konnte und rannte die Treppen nach oben. Immer die Angst im Nacken, dass ihr was passiert. Der Fahrstuhl war eine halbe Treppe hoch. Ich bat um Hilfe. Das hätte ich mir sparen können. Eine Sprechstundenhilfe, stabil gebaut, kam mit in den Hof. Sie machte jedoch keine “anstalten” mit anzufassen. Bleib ruhig, bleib ruhig sagte ich mir. Wir wurden zum Alex, einer Zweigstelle, geschickt, weil der Fahrstuhl dort bis in`s Ergeschoß reicht.
Es war bereits 16.00 Uhr. Zum Alex, Parkplatzsuche, sie wieder bei dem Wetter vielleicht 1/2 Stunde schieben. Nein, sagte ich mir. Es wird für Mutti und mich zu anstrengend. Wir fuhren wieder nach Hause. Es war bereits 17.00 Uhr. Den Rollstuhl holte ich aus den Auto und wollte Mutti beim Aussteigen behilflich sein. Sie wollte nicht aussteigen. Es gelang mir sie zu überzeugen. Ehe ich sie in den Rollstuhl setzen konnte, liess sie sich fallen. Ich konnte sie nicht im Stand halten. Sicherte sie nur ab, damit sie nicht stürzt. Nun saß sie auf der Erde und legte sich lang. Es war für sie eine Strapaze. Ich habe sie nicht wieder hoch bekommen. Pflegedienst oder meine Schwester anrufen hilft mir nicht, da sie frühestens in einer Viertelstunde bei mir sein konnten. Bei dem Wetter unmöglich. Auf eine Decke wollte ich sie setzen um sie damit in´s Haus zu ziehen. Sie machte sich steif, so dass ich sie kurzerhand von hinten unter die Achsel packte und zog oder auch schleifte sie bis in den Wintergarten. Er ist “Gott sei Dank” zu ebener Erde. Blaue Flecken hatte sie hinterher nicht, da der Po mit einer Vorlage und zwei Windelhosen gut gepolstert war. Dieser Gewaltakt hinterließ bei ihr keinen Schaden. Im Wintergarten habe ich sie liegengelassen und ihr ein Kissen für den Kopf gegeben . Ich bin erschöpft in den Sessel gesunken. Nachdem wir uns beide erholt hatten, konnte ich ihr helfen aufzustehen. Noch so einen “Kraftakt” wollte ich uns beiden nicht mehr zumuten. Ich entschloß mich sie nun in das Krankenhaus zu geben.
Die Charite` bzw. das Krankenhaus Neuruppin waren möglich. Für Neuruppin entschied ich mich, da ich mit dem Auto vorfahren und auch durch Pfleger Hilfe erwarten kann. Nur die Fahrzeit bereitete mir Sorgen. Einen Krankenwagen wollte ich nicht, da Mutti stark unter Verlustangst leidet. Wie immer verriegelte ich alle Türen, damit sie während der Fahrt diese nicht öffnet. Sie sitzt bei mir auf dem Beifahrersitz, so dass sie besser unter meiner Kontrolle ist. Einmal, als sie von der Tagespflege mit dem Bus nach Hause gebracht wurde, stand sie während der Fahrt hinter dem Fahrer klopfte ihm auf die Schulter und meinte, er möge an der nächten Ecke halten, damit sie aussteigen kann. Den Sicherheitsgurt hatte sie nicht geöffnet. Wie ein Aal schlängelte sie sich aus dem Gurt. Mit dem Krankenwagen wurde sie wieder nach Hause gebracht. Ihre Sachen wurden nicht alle mitgegeben. Ich hatte sie “abgeschrieben”. Bis nach Neuruppin zu fahren war mir der Aufwand zu hoch. Zahnschmerzen waren nun für die Zukunft ausgeschlossen. Zähne werden jahrzehntelang gepflegt, damit im hohem Alter mit eigenen Zähnen die Speise genossen werden kann. Wenn die Gesundheit einem im Stich lässt,gibt es dadurch ein Problem. Für die eigene Zukunft habe ich keine Lösung. Meine Zähne möchte ich mir durch Pflege erhalten.





