Die Sprache verstehen

Dienstag, 23. März 2010 von Martina Rühl

Frau M. fuhr in ihrem Rollstuhl im Wohnbereich herum. Als sie mich aus einem Zimmer kommen sah, winkte sie mich zu sich heran und sagte: “Kommen Sie mal her! Wissen Sie eigentlich, wie ich mich morgens fühle?”

Ich dachte nach, was sie wohl meinen könnte. Abends, wenn wir sie ins Bett legten, bekam sie oft regelrechte Wutanfälle. Sie schlug dann um sich, bedachte uns mit einigen Schimpfwörtern und spuckte gegen die Wand. Meinte sie das vielleicht?

Ich fragte: “Hm, wie Sie sich morgens fühlen? Nicht gut?”

“Nein, nicht gut, ich fühl mich böse!”

“Kann ich Ihnen helfen, damit Sie sich nicht böse fühlen?”

“Ja, das können Sie tun. Sie können zu mir herein kommen und mich gut machen, dann geht es!”

“Wenn ich das kann, dann komme ich morgen zu Ihnen herein! Abgemacht!”

Frau M. gab mir mit einem  “Nu” das Signal, dass wir uns verstanden hatten und fuhr zufrieden weiter über den Flur.

Als sie einmal auf der Toilette saß und sich angestrengt ihren Verrichtungen widmete, sagte sie, nachdem etwas ins Klo geplumpst war: “Weißt du was? Ich verlier gerade meine innere Stärke!” Schöner kann man diese Sache doch nicht umschreiben, oder?

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