Gedanken verloren!

Montag, 23. August 2010 von Marita Gerwin

Was ist nur los in Uromas Kopf?

Marita Gerwin

“Sagen Sie mal, junge Dame, wer sind Sie eigentlich? Irgendwie kommen Sie mir bekannt vor? Haben wir uns schon einmal gesehen?“ fragte Uroma Hedwig ihre Enkelin Laura. Zuerst stutzte Laura ein wenig irritiert. So eine Frage!

Laura und ihre Uroma Hedwig sind Freunde fürs Leben

Uroma Hedwig machte sicher einen Scherz mit ihr. Oder wusste sie es wirklich nicht? Laura zweifelte einen Moment lang. Doch dann lächelte sie ihre Uroma verschmitzt an, blinzelte ihr ein Auge zu, streichelte dabei zärtlich ihre Hand und hüfte auf ihren Schoß, so wie sie es immer getan hat.

„Ich bin Deine kleine Laura und Du bist meine Lieblings-Uroma Hedwig!“ „Das ist ja schön!“ strahlte die 86-jährige Dame erleichtert. Laura hatte das Gefühl, als wenn Uroma Hedwig ein Stein vom Herzen gefallen wäre.

Laura ist gerade 6 Jahre alt geworden. Sie weiß inzwischen, was in Uromas Kopf los ist. Die Mama hat ihr erzählt, dass Uroma Hedwig´s Gehirn nicht mehr so gut funktioniert. Erst war die Uroma nur ein bisschen vergesslich. Dann hat sie Laura dreimal am Vormittag das Gleiche erzählt und gefragt „Sag mal, hab ich das sonst auch immer so gemacht?“ Manchmal flüsterte sie Ida heimlich zu: „Weißt Du noch, wie ich heiße?“

Was war nur los in Uromas Kopf?

“Ist es nebelig in ihrem Kopf?“, fragt Laura interessiert nach. Ihre Mama lächelt „Ja, so kann man es vielleicht erklären. Doch es gibt immer wieder kurze Momente, da ist alles klar in ihrem Kopf. Es gibt tief im Gehirn ein Zentrum, in dem ihre Gefühle und Erinnerungen schlummern und darauf warten, von uns geweckt zu werden. Besondere Erlebnisse ihres Lebens, schöne und auch weniger schöne, hat sie dort abgespeichert. Manche gehen leider für immer verloren, doch ihr Herz wird nicht dement, da bin ich mir ganz sicher“ erklärt ihr die Mama.

„Das Herz wird nicht dement? Was bedeutet denn das Wort dement?“ will Laura wissen. „Kann sich Uroma Hedwig, deshalb auch nichts Neues mehr merken? Hat sie ihre Gedanken verloren? Wann wird sie denn wieder gesund?“

Fragen über Fragen, die Laura auch mit in ihre KITA Kleine Strolche in Arnsberg nimmt. Die Städt. Kindertageseinrichtung in der Bildungsstadt Arnsberg ist sensibilisiert und greift dieses, für ihre Kinder so wichtige Thema auf.

Viele der KITA-Kinder haben gar keine Uroma mehr.

Neugierig und gespannt schauen sie sich zusammen mit ihren Erzieherinnen Margit Albers und Anja Liebig das zauberhafte Bilderbuch „Opa. ist….Opa“ von der Kinderbuchautorin Lilli Messina an. Diese einfühlsame und anrührende Geschichte von Pepe und seinem Opa erklärt Ihnen die wundersame Vergesskrankheit.

Sie sitzen im Kreis und werfen sich kreuz und quer eine Wollknäuel zu. Ganz allmählich entsteht ein Netz mit vielen Verbindungen und Maschen. Genauso ist es im Gehirn eines Menschen. Immer engmaschiger, immer verzweigter wird das Netz aus Wolle, bis alle Kinderhände voll zu tun haben. Anja Liebig, lässt kleine Zettel in das Fadengewirr regnen, das wie ein kunterbuntes Netzwerk aussieht. Einige Zettel, die Uroma Hedwig´s Erinnerungen darstellen sollen, bleiben auf dem Woll-Netz liegen. Anderen fallen durch die Maschen hindurch. Unwiederbringlich purzeln sie auf den Boden, schweben dahin und dorthin. So wie die Erinnerungen von Uroma Hedwig.

Jetzt verstehen die 5 und 6 Jährigen, was im Gehirn passiert, wenn die Vergesskrankheit eingesetzt. Dass sich die Krankheit nicht bessern wird, begreifen sie mit all ihren Sinnen. Aber auch, dass Uroma Hedwig Hilfe braucht. Jemand der sie versteht, dem sie sich anvertrauen kann, der sie liebt, auch wenn sie vergesslich ist. „Die großen Leute nennen das „Demenz“ oder „Alzheimer“, erklärt ihnen Margit Albers, die Leiterin der KITA. „Von Außen sieht Deine Uroma aber ganz normal aus“, stellt Emma fest. „Das liegt daran, dass man die Vergesskrankheit nicht sehen kann, so wie ein Gipsbein bei einem gebrochen Fuß“, weiß Patrick, der pfiffige Blondschopf in der KITA-Gruppe. „Oder wie ein Kopfverband beim Loch im Kopf. Oder wie ein knallroter Kopf, wenn man Fieber hat!“ sprudelt es aus der munteren Kinderschar heraus.

Sie alle hören gebannt und wissbegierig zu, als Anja Liebig ihnen erklärt, dass Menschen, die demenzkrank sind, vielleicht an manchen Tagen vergessen, wann es Morgen, Mittag oder Abend ist. Dass sie vielleicht gar kein Hunger und Durst mehr spüren. An anderen Tagen denken sie vielleicht Mittags daran, dass sie ein leckeres Essen kochen möchten, wissen aber nicht mehr, dass Salz ins Wasser gehört, um die Kartoffeln zu kochen. Oder sie verlaufen sich, weil sie nicht mehr wissen, wo sie wohnen.

Annäherung
„So war es auch bei meiner Uroma Hedwig, die hat sich im Eichholz verirrt, als sie allein spazieren gegangen ist. Sie hatte einen Koffer dabei und wollte zu ihrer Mama verreisen!“, erinnert sich Laura. „Oh, Hilfe…. lebt die Mama von der Uroma denn noch? Die muss ja dann 1000 Jahre alt sein! Wie habt ihr sie denn wieder gefunden? Hatte sie ein Handy dabei, dass sie Euch anrufen konnte?“, fiebern alle Kleinen Strolche besorgt mit. Laura denkt mit Gänsehaut an diesen Schrecken zurück. „Alle Nachbarn und Freunde haben geholfen Uroma Hedwig zu suchen. Kurz bevor es dunkel wurde, haben wir sie endlich am Segelflugplatz im Alten Feld gefunden. Sie hatte so eine Angst! Und ich auch!“ erinnert sich Laura. Anja Liebig streichelt ihr tröstend über den Kopf und greift die Situation auf. „Ja, Menschen mit der Vergesskrankheit brauchen andere Menschen, die an das denken, was sie selbst vergessen. Die für sie da sind, so wie Eure Eltern, Geschwister, Freunde und die Erzieherinnen in der KITA für Euch da sind. Ihr Kinder braucht ja auch gelegentlich Hilfe, bis Ihr erwachsen seid. So ist das auch im Alter.“

Uroma Hedwig ist schon 86 Jahre alt. Die Goldene Hochzeit hat sie mit Uropa Hermann gefeiert, als Laura vier Jahr alt war. Da wohnte sie noch in ihrem eigenen Haus in der Ehmsenstraße, hoch oben am Berg mit einem großen Garten drumherum. Laura kann sich noch gut erinnern, wie sie dort zusammen mit ihren Freunden auf den Kirschbaum geklettert sind und im Baumhaus gespielt haben, das der Uropa Hermann ihnen gebaut hatte. Wie lecker schmeckte der Kuchen, den Uroma Hedwig jeden Samstag gebacken hat. „Deine Uroma wusste immer alles! Weißt Du noch, wie schnell sie die Punkte auf den sechs Würfeln zusammengerechnet hat, wenn wir geknobelt haben? Keiner konnte so schnell rechnen wie sie. Und beim Memory-Spiel hat sie immer gewonnen, weil sie sich einfach jede Karte merken konnte. Und jetzt ist sie soooooo vergesslich.“, bedauert Patrick seine Freundin Laura.
„Uroma Hedwig hat erst immer Angst gehabt, dass ich merke, dass sie alles vergisst. Sie hat dann überall in ihrem Haus „Denkzettel“ hingeklebt.

Seit einem Jahr kann Uroma Hedwig nicht mehr Zuhause wohnen. Sie ist in das Seniorenzentrum Haus Zum Guten Hirten der Diakonie Ruhr–Hellweg in den Ginsterweg gezogen. Gar nicht weit von der KITA Kleine Strolche entfernt.

Heute besucht Laura mit ihren kleinen Freunden aus der KITA die Uroma Hedwig und die anderen Senioren und Seniorinnen regelmäßig. Manchmal kommen die alten Menschen auch zu Besuch in die KITA Kleine Strolche. „Sie staunen darüber, dass wir hier zusammen essen und Mittagsschlaf halten, wenn wir müde sind. Als sie klein waren, gab es noch keine Kindergärten“ weiß die 5-jährige Lydia.

Ein Stichwort genügt, und schon singt eine alte Dame wunderschöne Kinderlieder, die sie nicht vergessen hat: „Kommt ein Vogel geflogen… Der Kuckuck und der Esel….Alle Vögel sind schon da… Zum Geburtstag viel Glück….“ Sie hat eine schöne Stimme und kennt alle Strophen auswendig. Die Kinder klatschen im Takt mit. Die alte Dame strahlt übers ganze Gesicht. Sie ist glücklich, dass sie den Kindern eine Freude mit ihren Liedern machen kann.

Schöne Momente, die das Herz berühren. Einfach unvergesslich.

Sie bepflanzen gemeinsam eine Kräuterschnecke mit duftenden Pflanzen und blühenden Blumen. Spielen, singen, tanzen, turnen, kochen, backen, lachen, klatschen, musizieren, malen. Sie erzählen sich Geschichten vom Verreisen, schreiben sich Postkarten aus den Ferien. Richtig dicke Freunde sind sie inzwischen geworden.
Lauras Uroma Hedwig sitzt gern am Gartenteich vor dem Haus Zum Guten Hirten im Schatten der Bäume und schaut den bunten Kois zu, wie sie ihre Runden schwimmen. Die Kleinen Strolche setzen Ihr einen großen Strohhut auf, damit sie vor der Sonne geschützt ist, reichen ihr ein Glas Saft und blasen bunte Seifenblasen in die Luft. Uroma Hedwig schaut gedankenverloren den dahinschwebenden Seifenblasen hinterher. Sie redet nicht viel. Sie lächelt nur. Sie fühlt sich gut, da ist sich Laura sicher. Frau Helmert, die Leiterin des Seniorenzentrums, Frau Krüger und Schwester Monika kommen mit einer Überraschung aus der Küche: Es gibt für alle, ob Groß oder Klein. ein leckeres, erfrischendes Eis. „Hmm, lecker!“ strahlt Lydia, die bisher keinen Besuch im Seniorenzentrum verpasst hat. Als Uroma Hedwig den Eisbecher ein wenig gedankenverloren ansieht, greift Lydia kurzerhand, ohne große Worte, zum Löffel, füttert sie mit einer Engelsgeduld, putzt ihr noch schnell mit der Servierte die Hände ab und rennt wie ein Wirbelwind winkend los, zu den andern Kindern, die sich langsam auf den Weg zur KITA machen. Für heute sagen sie „Tschüss, bis bald. Wir kommen wieder, ganz bestimmt!“

Zurück bleibt ein gutes Gefühl bei Uroma Hedwig und den anderen Bewohnern des Hauses zum Guten Hirten. Und natürlich auch bei Laura und all ihren Freunden aus der KITA Kleine Strolche. Jedes Mal, wenn sie zurückkommen, steht ihr Mund nicht still. Es gibt viel zu erzählen – in der KITA Kleine Strolche und Zuhause.

Laura und ihre Freunde werden nach den Sommerferien die KITA Kleine Strolche verlassen und in die unterschiedlichsten Grundschulen in Arnsberg wechseln. Sie alle nehmen schöne Erinnerungen und einen selbstgemalten Wunschzettel für die Zukunft mit in ihre Schultüte:

Ein rotes Herz als Zeugnis der Verbundenheit mit den alten Menschen.

Schön wäre es, wenn sie auch als Schulkinder die Freundschaft zu Lauras Uroma Hedwig und den vielen anderen Seniorinnen und Senioren in den unterschiedlichsten Senioreneinrichtungen in Arnsberg pflegen könnten. Es sind Erlebnisse und Erfahrungen, die ihr Leben prägen. Einfach unvergesslich!

Dies ist eine frei erfundene Geschichte über ein beispielhaftes Projekt zum Dialog der Generationen in Arnsberg, der sich so oder so ähnlich überall in der Welt abspielen könnte. Die Namen der Kinder und Senioren stimmen nicht mit den abgebildeten Menschen auf den Fotos überein.

Wir wünschen uns, dass diese Geschichte über die “KITA Kleine Strolche” viele Türen öffnet, Barrieren in den Köpfen abbaut und andere Menschen in der Region ermutigt, ähnliche Wege zu beschreiten, um Feundschaften zwischen den Generationen zu knüpfen.

Unterstützt durch die Robert Bosch Stiftung und die BürgerStiftungArnsberg

Kontakt:

Städt. Kindertagesstätte “Kleine Strolche”
Margit Albers
Auf der Alm 127
59821 Arnsberg
e-mail: kitakleinestrolche.arnsberg@arnsberg

Senioreneinrichtung der Diakonie Ruhr-Hellweg
Haus Zum Guten Hirten
Frau Helmert
Ginsterweg 27
59821 Arnsberg
e-mail: hzgh@diakonie-ruhr-hellweg.de

Kooperationspartner:

Martin Polenz
Diplom-Geograph
Stadt Arnsberg

Projekt Demenz Arnsberg
Zukunftsagentur / Fachstelle Zukunft Alter
Lange Wende 16a
59755 Arnsberg
Tel.: 02932 201-2206
Fax: 02932 529056
e-mail: m.polenz@arnsberg.de

Marita Gerwin
Dipl. Sozialpädagogin
Stadt Arnsberg
Zukunftsagentur / Fachstelle Zukunft Alter
Lange Wende 16a
59755 Arnsberg
Tel: 02932 201-2207
Fax: 02932 529056
e-mail: m.gerwin@arnsberg.de

Quelle: Bilderbuch von Lilli Messina: “Opa ist… Opa”, Kinderbuchverlag Wolff, 2005. –
ISBN: 3-9387-6605-0

Eine Hörprobe zum Bilderbuch “Opa ist … OPA” aus der Sendung Kinderzeit – im Radio Bremen finden Sie unter folgendem Link.

Kontakt zur Bilderbuchautorin Lilli Messina im Internet unter:

http://lillimessina.com/

www.spur-imnetz.de

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