Bunt und unkelunk

Mittwoch, 24. November 2010 von Martina Rühl

In der Kommunikation mit Demenzkranken sind neben dem Einfühlungsvermögen Humor und ein ehrliches Lächeln dankbare Begleiter.

Frau Wieland lag im Bett, ich faltete die Hände, um mit ihr zu beten. Sie machte es ebenso und begann: „Vater im Himmel, gereinigt werde dein Haus! Amen!“

Stolz lächelnd fragte sie mich, ob es so richtig sei. Ich konnte nicht anders, als sie in den Arm zu nehmen und ihr zu versichern, dass dieses Gebet einfach wunderbar war.

Im fortgeschrittenen Stadium der Demenz kommt es häufig vor, dass die Betroffenen unermüdlich vor sich hin reden. Manche wiederholen sich ständig, bei anderen kann man nur einzelne Wörter verstehen. Der Tonfall kann von gleichmäßig ruhig über bestimmt bis hin zu wütend und laut variieren. Manchmal hört es sich an, als würde jemand telefonieren, einen Vortrag halten oder ein Gedicht aufsagen. Auch tauchen oft einzelne Begriffe aus dem Berufsleben auf. Ist die Biografie des Betroffenen bekannt, kann man oft über diese berufliche Schiene an ihn heran kommen. (Weiterlesen…)

6 Personen gefällt dieser Artikel.

Stichwörter: ,


Fokus-Thema: Kommunikation

Mittwoch, 24. November 2010 von DAlzG

Häufig entstehen im Alltag auch Missverständnisse zwischen Menschen, die nicht demenzkrank sind. Das was der eine sagt, versteht der andere vielleicht ganz anders, als es gemeint war. Wir haben zwar zwei Ohren, doch wirklich ganz genau zuzuhören und zu verstehen, worum es dem Gegenüber geht, ist eine der schwersten Aufgaben in der Kommunikation. Umso schwieriger wird es, wenn uns die Geduld zu Ende geht. Wenn wir überlastet sind, müde oder erschöpft. Dann werden wir emotional und die Worte sprudeln nur so hervor. Das sorgt meist eher nur dafür, dass das Missverständnis sich zu einem Streit entwickelt, der noch schwerer zu lösen ist.

Doch auch nichts sagen hilft nicht weiter. Wie der Kommunikationsforscher Paul Watzlawick schon sagte: Man kann nicht nicht-kommunizieren. Egal, wie wir uns verhalten, was wir sagen, wir drücken damit etwas aus. Und wenn es die Aussage ist: Das interessiert mich nicht.

Doch wenn es unter „gesunden“ Menschen schon so schwierig ist, wie kann dann Kommunikation mit demenzkranken Menschen gelingen? Mit Menschen, die nicht mehr wissen, wer sie sind? Oderwo sie sich gerade befinden oder mit wem sie sprechen? Wie soll man diesen Menschen klarmachen, dass sie zu Hause sind und sich nicht fürchten müssen?

Und das vielleicht nicht nur einmal am Tag, sondern immer wieder?

Wie finde ich heraus, was der demenzkranke Mensch sagen will, wenn er Worte verwendet, die ich noch nie gehört habe? Oder wenn sich mir kein logischer Zusammenhang zwischen den Worten und der Situation erschließt?

Auch wenn wir schon als kleine Kinder das Sprechen gelernt haben, so haben wir doch nur selten gelernt, wie man richtig miteinander kommuniziert. In unserem Fokusthema möchten wir uns damit beschäftigen, welche Wege Sie begehen, um demenzkranke Menschen besser zu verstehen.

Welche Erfahrungen haben Sie gemacht? Welche „Tricks“ helfen Ihnen in schwierigen Situationen?

Schreiben Sie uns an redaktion@alzheimerblog.de. Wir veröffentlichen gerne Ihren Text hier in unserem Blog.

1 Person gefällt dieser Artikel.

Stichwörter: ,


Bezauberndes Kinderbuch “Vom Fuchs, der den Verstand verlor”

Dienstag, 23. November 2010 von Alzheimer-Telefon

Baltscheit: Vom Fuchs, der den Verstand verlor

Martin Baltscheit erzählt in seinem Buch von einem Fuchs, der langsam seinen Verstand verliert. Zuerst wird der Fuchs vergesslich: er bringt die Wochentage durcheinander, vergisst Geburtstage. Dann weiß er nicht mehr wo er wohnt und er vergisst das Essen. Zum Schluss weiß der Fuchs nicht mehr, dass er ein Fuchs ist.

Martin Baltscheit beschreibt mit undramatischen und unverschnörkelten Worten die Erlebnisse des Fuchses. Durch die einfache Beschreibung der jeweiligen Situationen gelingt ihm ein Hinführen auf das Wesentliche. Am Ende des Buches weiß der Fuchs zwar nicht mehr wer ist, er kann sich aber dennoch sicher und geborgen fühlen, denn die jungen Füchse sind jetzt immer bei ihm und erzählen ihm ihre Geschichten. Dazu ein kleiner Ausschnitt: „Er wusste nichts und fühlte nur. Er fühlte, wenn jemand seine Wunden leckte. Er fühlte, wie es ist, keinen Hunger zu haben. Er liebte es, wenn die jungen Füchse von der Jagd erzählten. Er mochte ihre Ticks, vor allem den mit dem Strohhalm.“

Die Erzählung wirkt nahezu unkompliziert und doch muss man manche Bilder erst entdecken, wie zum Beispiel die Darstellung und Anordnung der Seitenzahlen.

Und dann bleibt noch die Frage, was eigentlich mit der Amsel passiert ist.

„Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor“ ist ein wunderbares Kinderbuch, das auch für Erwachsene lesenswert ist. Warum es für Erwachsene lesenswert ist? Kinderbücher, so wie dieses drücken manchmal mehr aus als Bücher für Erwachsene, denn man findet den Inhalt in den Zeilen und muss ihn nicht erst zwischen den Zeilen suchen.

Christa Waschke

Martin Baltscheit: Die Geschichte vom Fuchs, der den Verstand verlor, Verlag Bloomsbury 2010, 32 Seiten, 13,90 €

6 Personen gefällt dieser Artikel.

Stichwörter:


Demenzkranke im Chor?

Mittwoch, 17. November 2010 von DAlzG

Die Stadt Arnsberg wurde kürzlich als „seniorenfreundlichste Stadt“ ausgezeichnet, weil sie vielfältige Aktionen für Senioren und Seniorinnen anbietet bzw. unterstützt. Eines ihrer ungewöhnlichen Projekte ist ein Gospelchor, geleitet von Ute Balkenohl, bei dem ausdrücklich auch demenzkranke Menschen willkommen sind.

Frau Ute Balkenohl arbeitet als Sozialpädagogin im Jugendbegegnungs-zentrum Arnsberg und absolviert derzeit eine Weiterbildung zur Musikgeragogin, die von dem „Projekt Demenz Arnsberg“ finanziert wird.

DAlzG: Frau Balkenohl, worum geht es in der Weiterbildung zur Musikgeragogin?
Ute Balkenohl: In dieser einjährigen Weiterbildung, die in Wochenendblöcken an der FH Münster stattfindet, geht es darum, wie man älteren Menschen Musik  bzw. eigenes Musizieren nahe bringen kann, damit sie weiterhin Musik erleben können. Es ist eine Mischung aus Musikpädagogik und Geragogik. Bezogen auf das Singen kann man sagen: Viele ältere Menschen haben stimmliche Beeinträchtigungen. Die Stimme wird oft leiser, die Töne werden nicht mehr so genau getroffen, der Tonumfang wird geringer oder es liegt generell eine Sprachbeeinträchtigung vor. Als Musikgeragogin weiß ich von diesen Veränderungen und kann so meine Angebote planen, dass Musik zur Freude wird – und nicht zum Erleben von Schwächen.

DAlzG: Und wie kamen Sie nun auf die Idee, einen Gospelchor für Senioren und Seniorinnen anzubieten?
Ute Balkenohl: Ich leite privat einen Gospelchor, was mir sehr viel Spaß bereitet. Im Rahmen meiner Fortbildung ist es vorgesehen, ein Projekt durchzuführen. Da lag es für mich natürlich nah, speziell für ältere und demenzkranke Menschen einen Chor anzubieten.
(Weiterlesen…)

17 Personen gefällt dieser Artikel.


Schau doch mal her!

Montag, 15. November 2010 von Heidi

Der gute, alte Anschauungsunterricht mit Vormachen, Kapieren, Nachmachen, Weitergeben hat ausgedient. Heute spielt sich der Umgang mit unseren Mitmenschen im korrekten Gebrauch von Spiegelneuronen ab. Die Bedienungsanleitung liefert die Neurodidaktik, die neue Studienwelten im Lehramt, in den Kindergärten und für die Rehabilitation bei Schlaganfall-patienten (Videotherapie) eröffnet und auch das Neuromarketing beflügelt.

Schon seit den 1920-er Jahren forschen Wissenschaftler nach Funktion und Lageplan einer Abguckstelle im Gehirn. Das Nicht-Funktionieren hatte bereits einen Namen: Apraxie. 1966 endlich wurde das Nachahmen- und Mitfühlen-Können (u. A.) lokalisiert und mit einem Begriff versehen: Spiegelneuronen. Diese kleinen Kerle sind jetzt offiziell dafür zuständig, dass unser Gegenüber etwas Vorgemachtes imitiert (z. B. gähnt) oder bereits den Ansatz einer Bewegung erkennt (z.B. beim Essen den Arm zum Mund führen helfen). Damit kann ein Reflex ausgelöst werden und entweder ein wirkliches Erkennen der Handlung stattfinden (ein Gedankenblitz sozusagen) oder ganz einfach durch automatisches Nachahmen das vorgegebene Ziel erreicht werden.

Ein Demenzkranker kann sich nicht durch bewusstes Nachdenken korrigieren. Spiegelneuronen, so heißt es, können ein Leben lang aktiviert werden. Das Dumme daran ist nur, sie funktionieren genau wie andere Gedankengänge und basieren auf der Übertragung von Nervenimpulsen. Genau diese sind bei Demenzkranken unterbrochen. Weil es aber bereits einige Medikamente gibt, die diese Verbindung der Nervenimpulse bis zu einem gewissen Punkt wieder aufnehmen bzw. eine Weile erhalten können, dürfen wir vielleicht in naher Zukunft hoffen, auf die Spiegelneuronen Einfluss zu nehmen.

Bis dahin behelfen wir uns mit Vormachen und gehen, im wahrsten Sinne des Wortes, mit gutem Beispiel voran. Denn das Vormachen/Nachmachen ist bei den meisten Lebenswesen eine der ältesten Kommunikationsformen. Die Schwierigkeit bei uns betreuenden Angehörigen, aber auch für die Demenzpatienten selber ist, dass wir in der Regel Niemanden zum Abgucken haben, wenn wir nicht gemeinsam an Betreuungsgruppen teilnehmen. Hier stören Angehörige zwar eigentlich, vergleichbar mit Eltern die sich in eine Schulklasse setzen, aber nur so können wir auch andere Demenzkranke und den Umgang mit ihnen beobachten, um von diesen auf das Verhalten unserer eigenen Lieben zu schließen.

Hierbei sind die betreuenden Pflegekräfte unsere größte Unterstützung. Im Laufe der Jahre sehen sie sich wiederholende Abläufe und können sich dem jeweiligen Patienten in seiner augenblicklichen Ausdrucksform erfahrungsgemäß leichter anpassen. Ihre Spiegelneuronen haben es ja gelernt und ihre Ratschläge und Hinweise sind für uns und unsere Angehörigen wegweisend.

Ob wir uns teilweise in unseren Kranken hineinversetzen können um ihn wirklich zu verstehen, ist ein weiter Weg, zu dem uns aber sein Lebenslauf, seine Gewohnheiten und er selbst uns helfen können. Wie es innendrin wirklich aussieht, was genau im Augenblick abläuft, werde ich als betreuende Tochter meiner Mutter wohl nie nachvollziehen können. Als Ersatz versuche ich es mit Liebe und viel Geduld. Vielleicht wissen wir eines Tages auch, wo diese im Gehirn angesiedelt sind und wie sie wissenschaftlich heißen.

1 Person gefällt dieser Artikel.

Stichwörter: ,


Kein Anrecht auf Information?

Montag, 15. November 2010 von Heidi

Beim Schwerpunkt Kommunikation in diesem Blog geht es nicht nur um den Austausch zwischen Demenzkranken und ihren Betreuern. Auch einige Marketingleute in der Pharmaindustrie sollten zur Schule gehen.

Wer zur Zeit das Medikament AXURA der Firma MERZ einnimmt, darf sich auf einen Schock vorbereiten. Gestern war ich wieder in der Apotheke wegen Nachschub. Erstaunt über eine wesentlich dickere Verpackung las ich, dass jetzt nur 98 Tabletten drin sind, vorher 100 Stück.

Beim Öffnen finde ich statt der jeweils 20 weißen länglich ovalen Tabletten auf fünf Silberfolien, 14 spitzovale gelbliche, kleinere Tabletten mit viel Leerraum auf jetzt sieben Streifen. Ohne die praktische Perforationslinie. Immerhin steht noch AXURA auf der Rückseite.

Ich als Verbraucher muss nicht wissen, warum weniger und kleinere Tabletten deutlich mehr Verpackungsmaterial brauchen. Wenn die Pille selbst jedoch komplett von der bisherigen abweicht und auch ganz ähnlich wie andere Tabletten aussieht, die zum selben Zeitpunkt eingenommen werden müssen, bin ich erschrocken.

Ein Nachlesen der Packungsbeschriftung und Durchforsten des Beipackzettels machen die Verwirrung komplett: die Zusammensetzung ist anders. Jeglicher Hinweis auf die Veränderung fehlt!

Ich flitze zur Apotheke. Die Fachfrau dort kann mich vorerst beruhigen. Keine Panik, der Wirkstoff selbst ist identisch, der Tablettenfilm hat sich geändert. Gibt es Allergien zu beachten? Ein AXURA Informationsblatt für Apotheken haben wir nicht erhalten. Ein Anruf bei MERZ ergab, dass man bereits mehrere Beschwerdeanrufe hatte, aber nichts dazu sagen könne. Ja, seit September sei umgestellt worden. Nein, an einen informierenden Aufkleber auf der Packung sei nicht gedacht worden und sei auch nicht geplant. Der Verbraucher wird auch in naher Zukunft nicht informiert.

Hier wünsche ich mir einen Verbraucherschutz. Reicht es nicht, dass Demenzkranke und Pflegebetreuer fast tagtäglich kräftezehrenden Überraschungen ausgesetzt sind – muss gedankenlose Schlamperei für weitere Angstmomente sorgen? Wenn ich es riskieren könnte, würde ich ab sofort die Firma MERZ aus unserem Medikamentenschrank streichen, billig ist AXURA nicht. Leider dürfen sie vorerst weiter mit unserem Bedarf rechnen, nach dem Motto „friss und zahl Vogel, oder ….“

6 Personen gefällt dieser Artikel.

Stichwörter:


Offener Leserbrief

Freitag, 5. November 2010 von DAlzG

Die Eifelzeitung brachte in einem Artikel folgendes Zitat:

„Eine eigene Toilette in jedem Zimmer braucht es hingegen nicht. Schmitt: „Damit können demente Menschen meist nichts mehr anfangen.“ Die nutzten eher einen Aufzug oder suchten sich andere „ruhige Plätzchen“ für ihr Geschäft – Erfahrungswerte aus anderen Heimen. Man merkt, dass Männer aus der Praxis am Werk sind.“

Dazu erreichte uns folgender Leserbrief, den wir hier gerne veröffentlich. Was halten Sie davon?

Als Fachkraft, seit über 10 Jahren betraut mit der psychosozialen Einzel- und Gruppenbetreuung auch demenzkranker Bewohner einer großen Seniorenresidenz, bin ich entsetzt über diese Aussage!

Laut Transparenzbericht wurde die betreffende Seniorenresidenz vom Medizinischen Dienst der Krankenversicherung mit 1,5 bewertet – ein Ergebnis über dem Landesdurchschnitt (2,3). Schaut man sich den Bericht näher an, wird deutlich, dass das Kriterium Nr. 23: „Werden bei Bewohnern mit Inkontinenz geeignete Maßnahmen durchgeführt“ mit 4,6 bewertet ist.
Kriterium Nr. 44: „Werden dem (demenzkranken) Bewohner geeignete Angebote gemacht, z. B. … zur Wahrnehmung)“ mit 5,0.

Hat man daraus nicht gelernt?
Wirbt nicht die Einrichtung in ihrer hauseigenen Präsentation mit individuellem, wertschätzendem Umgang mit Ihren Gästen?
Arbeiten sie nicht nach dem „Pflegekonzept Monika Krohwinkel“, wo der Umgang mit „Ausscheiden“  im AEDL 6 klar geregelt ist?
Sind nicht Betreuungskräfte speziell für dementiell Erkrankte integriert?
Die „Begleitung zur Toilette und die Wahrnehmung der Notdurft“, selbst wenn verbale Verständigung nicht mehr möglich ist, gehört zur Basisqualifikation! Findet nicht „Bezugspflege“ statt?

Kann es dann sein, dass Patienten nicht zum Toilettengang begleitet werden, dass sie in „Aufzügen oder an anderen ruhigen Plätzchen ihr Geschäft verrichten“. Kann es dann sein, dass niemand ihre Bedürfnisse wahrnimmt, die sich z. B. durch motorische Unruhe nach den Mahlzeiten zeigt?

Ist die logische Konsequenz dann nicht eher eine Schulung der Mitarbeiter in Bedürfniswahrnehmung, Orientierungshilfen in den Zimmern, regelmäßiges Toilettentraining statt diese abzuschaffen?

Führt das Fehlen eines WCs (z. B. nachts) nicht dazu, dass Bewohner auf der Suche nach dem „Örtchen“ herumirren und – in der Konsequenz daraus – womöglich zu Beruhigungsmitteln und fixierenden Maßnahmen?

Man fragt sich, wie demzufolge mit Bewohnern verfahren wird, die aufgrund ihrer Demenz „essen vergessen“? Werden die Mahlzeiten auch abgeschafft? Und brauchen Bewohner mit Weglauftendenz überhaupt ein Bett?

Welches Bild wirft der Artikel:

·         Auf Menschen mit dem Krankheitsbild „Demenz“?
·         Auf die Unterbringung in vollstationären Einrichtungen?
·         Auf die Glaubwürdigkeit von (Internet)Präsentationen?

Ich kann Herrn Schmitt nur ein würdevolles, selbstbestimmtes Altern wünschen.

Persönlich möchte ich mich, als Mitarbeiterin einer Seniorenresidenz, von diesem Artikel distanzieren!
Mit freundlichen Grüßen
Monika Paillon

47 Personen gefällt dieser Artikel.


Mein Poesiealbum für Greta.

Donnerstag, 4. November 2010 von Marita Gerwin

Ein regnerischer Sonntag. Ich stehe vor meinem Bücherregal im Wohnzimmer. Ein ledergebundenes, kleines Buch fällt mir in den Blick. Herauspurzeln drei längst vergessene Glanzbilder. Gedankenverloren schlage ich es auf und entdecke eine wunderschöne, bunt bemalte Seite in schönster Kinder-Schrift. Schmunzelnd tauche ich ein in eine längst vergangene Welt und lese: “Wenn du einst nach vielen Jahren,  dieses Büchlein nimmst zur Hand, denk daran, wie froh wir waren, auf der kleinen Schülerbank!” Deine Freundin Ingrid – 1961!

Daneben gibt mir Annette, meine hochbetagte Nachbarin mit auf den Lebensweg: “Wenn Du einst als Großmama im Lehnstuhl sitzt bei Großpapa, dann nimm Dir dieses  Buch zur Hand, und denk: Die hab ich auch gekannt!”

Oh, nein! Wie schön! Mein Poesiealbum ist wieder aufgetaucht. Ich bin wie elektrisiert.

Meine Erinnerungen erwachen. Längst vergessenen Erinnerungen aus meiner Kinderzeit  tauchen vor meinem geistigen Auge wieder auf, obwohl Jahrzehnte dazwischen liegen. Meine Grundschulklasse wird lebendig:  Gisela, Friedel, Mechthild, Ewald und auch Edeltraud  haben mir ihre heiteren, besinnlichen und witzigen Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben.

Wie ein Blitz schießt  mir in diesem Moment eine Idee durch den Kopf, die ich gleich in die Tat umsetzte: Spontan klemme ich mir mein Poesiealbum unter den Arm und besuche meine hochbetagte, demenzerkrankte Nachbarin Greta. Sie freut sich jedes Mal, wenn ich komme. Sie redet nicht viel. Doch ihre Mimik und ihre leuchtenden Augen signalisieren mir, dass ich immer willkommen bin.

Ich werde Greta mein Poesiealbum zeigen, ihr die Sprüche und Lebensweisheiten vorlesen. Mal schauen was passiert und wie sie reagiert. Ich habe die Hoffnung, dass mein Poesiealbum  für einen Moment, für einen Augenblick  ihren Schleier des Vergessens lüftet. Gespannt und voll freudiger Erwartung klingele ich an ihrer Haustür. Ihr Ehemann Otto öffnet. Er ist begeistert, dass ich ein wenig Zeit mitbringe, heute am hochheiligen Sonntag. (Weiterlesen…)

8 Personen gefällt dieser Artikel.

Stichwörter: ,



Unsere Seite bei Facebook