Sonntag, 20. Februar 2011 von Heidi
Seit Jahren sagt man mir, einer der wichtigsten Grundsätze in der Betreuung demenzkranker Angehöriger sei das Haushalten mit den eigenen Kräften. Ich danke Dagmar für ihren Kommentar zu einem meiner letzten Beiträge, dass sie daran erinnert hat. Es stimmt. Sehr oft stelle ich in letzter Zeit fest, wie meine vermeintlich unendlichen Kräfte langsam aber sicher schwinden. Anzeichen dafür sind immer öfter auftretende Mutlosigkeit gegen Windmühlen anzukämpfen, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und die Frage nach dem Sinn. Es fällt mir täglich schwerer, den Interessenskonflikt zwischen Beruf und Pflege zu überbrücken.
Während Mutter nach dem Frühstück ein kleines Nickerchen einlegt, wäre es mir wichtig vor Arbeitsantritt einige Haushaltsaufgaben zu erledigen. Waschmaschine, Vorkochen, Putzen, usw., vom Papierkram ganz zu schweigen. Dazu muss man fit sein. Bis vor einigen Wochen ging das auch. Aber auf einmal kann ich mich nicht ad hoc aufraffen, eine Sache zügig abzuarbeiten. Ich benötige eine ungewohnt lange Anlaufzeit. Ganz besonders für die Bewältigung von Papierkram fehlt die Konzentration. Sogar einfach nur den Staubsauger holen um loszulegen, ist schon zu viel. Nach dem Abendessen, wenn Mutter versorgt ist und zum Abschluss für das Trinken einer halben Tasse Wasser eine geschlagene Stunde benötigt, weil der Schluckreflex nicht mehr so richtig wirkt, schaffe ich es gerade noch so, sie zu Bett zu bringen und falle dann selbst erschöpft zwischen die Laken. Alle Vorhaben, was ich an diesem Tag erledigen wollte, werden klein durch den übermäßigen Wunsch nach nur noch Hinlegen und Augen schließen. In zwei Stunden muss ich Mutter Umlagern, um einen Dekubitus zu vermeiden.
Natürlich könnten wir die eine oder andere Hilfe von auswärts hereinholen, aber bitteschön, das kostet zusätzliches Geld, das bereits für die Finanzierung von Betreuungsgruppen und Fahrten dorthin gebraucht wird.
Wenn ich mich dann endlich zusammenreisse und die Aufgabe erledigt ist, fühle ich mich stolz erleichtert und eigentlich war es doch gar nicht so schlimm, warum habe ich das nicht schon längst erledigt. Jeden Tag ein bisschen, oder wenigstens am Wochenende, dann würde nichts liegen bleiben. Dann kommt das Wochenende und die Sonne scheint. Da werde ich diese schöne Gelegenheit bestimmt nicht mit profanem Abarbeiten einer Checkliste vertun, sondern lieber meine Mutter draußen im Rollstuhl spazieren fahren. Solange keine wichtigen Termine verschwitzt werden oder besonderer Besuch ins Haus kommt, wo mir eine unaufgeräumte Wohnung peinlich wäre, ist Alles eigentlich immer öfter egal. Durch diesen gemeinsamen Spaziergang draußen in der Sonne tanken wir beide, Mutter und ich, unsere Batterien auf, schöpfe ich mehr neue Kraft als in einer Stunde Schlaf. Das bisschen Aufräumen und den Papierkram kann ich doch auch nach der Rückkehr erledigen. Oder?
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Stichwörter: Alltagsstress, Vereinbarkeit Beruf und Pflege