Teil 1: Einzug im “Sanatorium”
Ich werfe einfach mal ein herzliches “Hallo” in die Runde!
Heute war es soweit: Ich habe “Vati” ins “Sanatorium” gebracht. Meine Güte, war ich aufgeregt. Und dann lief alles viel besser als ich vorher befürchtet hatte.
Aber ich fange besser von vorn an.
Die Diagnose “Alzheimer-Demenz” wurde bei meinem Vater, früher ein belesener, red- und leutseliger und unternehmungslustiger Mann, 2008 gestellt – im Alter von damals 62 Jahren. Die ersten Symptome hatten sich allerdings schon einige Jahre früher gezeigt; er wurde damals auf Depressionen und, wegen seiner dauernden Rückenschmerzen, auf psychosomatische “Wehwehchen” hin behandelt. Dass es nicht nur das sein konnte, wollten wir, seine Angehörigen, und vor allem er selbst nicht wahrhaben.
Seine Standard-Frage: “Wann wird denn das nun endlich besser?!” Wir wussten darauf keine Antwort, gaben Durchhalteparolen aus. Dann kam die Vergesslichkeit. Die allein wäre noch gut zu verkraften gewesen. Leider hatte sie ihre Freundin dabei – die Aggressivität. Wenn er seine “Ausraster” hatte, bekamen wir es durchaus auch mal mit der Angst zu tun, wir konnten einfach nicht mehr abschätzen, ob er nur verbal aggressiv bleiben oder irgendwann um sich schlagen würde. Er war aggressiv gegen meine Mutter, wenn sie nicht machte was er wollte, wenn sie ihn scheinbar nicht verstand, wenn sie ihm widersprach, wenn sie ihn maßregelte. Er war aggressiv gegen uns, seine Kinder, wenn wir statt “Guten Tag” einfach “Hallo” sagten und regte sich schier pausenlos über das “neuanglodeutsche Gequarke” auf – Feindbild seiner späten Jahre: Anglizismen. Pfui! Wehe es begegnete ihm jemand mit einem freundlichen “Hallo!” – er pflegte dann zu antworten: “Na entschuldigen Sie nur, dass ich ‘Guten Tag’ sage!” Die Leute begannen teilweise ihn zu meiden. Man hörte auf zu grüßen. Man drückte sich förmlich im Haus an ihm vorbei. Einige Leute fragten bei meiner Mutter nach, die sie schämte und mit ihm schimpfte. Es interessierte ihn nicht, er rüffelte die Leute mit dem “Hallo”-Gruß weiterhin.Inzwischen ist es ihm völlig egal, wie jemand grüßt. Sogar ob jemand grüßt. “Warum hat der denn gegrüßt? Kenn ich den?” Er schaut verwundert. Zurück grüßt er nicht, warum auch, er kennt den Grüßer ja nicht.
Nachdem die Diagnose gestellt war, zog sich meine Mutter zunächst vor den meisten Freunden zurück. Aus mir unerfindlichen Gründen schämte sie sich auch jetzt noch – auch jetzt noch wo feststand, dass es eine Krankheit war, die meinen Vater sich so verändern ließ, und nicht “Altersstoffeligkeit” oder “böser Wille”. Immer wieder war mein Vater in den zwei, drei Jahren vor der Diagnose auch mit Freunden aneinander geraten – diese reagierten nur in wenigen Fällen mit unerschütterlicher Geduld. Die meisten meldeten sich seltener, irgendwann gar nicht mehr. (Weiterlesen )










