Dienstag, 3. Mai 2011 von Adrienne
Das vergangene Wochenende hat mich sehr ausgelaugt. Eine Familienfeier. Vati habe ich dort nicht mit hingenommen. Er befindet sich in der Eingewöhnungsphase, und die Schwestern sowie enge Vertraute meiner Eltern und ein Bekannter, der sich mit der Materie auskennt, hatten mir abgeraten Vati mitzunehmen – ich selbst wollte es auch nicht, aber da die Hauptperson auf der Feier das ganz anders sah, war ich in einem Gewissenskonflikt. Ich wollte es letztlich aber Vati nicht antun, erneut eine fremde Umgebung, fremde Leute, ein völlig anderer Tagesablauf, ohne feste Essenszeiten, nachts wieder umherirren und die Toilette suchen, nicht wissen was ihn als nächstes erwartet – seelische Grausamkeit wäre es gewesen. Dass die Hauptperson der Familienfeier nun mehr oder weniger nichts mehr mit mir zu tun haben will, weil ich Vati im Heim gelassen habe, lastet schwer auf mir. Ich bin gerade sehr nah am Wasser gebaut, habe das Gefühl unter der Last zusammenzubrechen. Und dass die OP meiner Mutter auch noch nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat, macht die Situation nicht leichter.
Heute vor einer Woche haben wir Vati ins Sanatorium gebracht. War er am Anfang noch sehr zurückhaltend in seiner ganzen Art, es war ja schließlich alles neu, teilt mir heute eine der Schwestern mit: “Er taut jetzt auf.” Leider meint sie damit nicht, dass er sich nun reger an den gemeinsamen Runden mit den anderen Bewohnern beteiligt oder auch mal öfter von sich aus aus seinem Zimmer kommt. Vielmehr bedeutet dieses Auftauen: er widerspricht. Er wehrt sich. Er wehrt sich gegen das morgendliche Duschen, das abendliche Herrichten. Er wehrt sich ganz besonders, frische Sachen anzuziehen. Und: er wehrt sich vehement, lautstark und wohl auch ein klein wenig bedrohlich. Ja, Vati ist angekommen. Die Schwestern werden ihm vertrauter, er baut eine Beziehung zum Pflegepersonal auf. Was zur Folge hat, dass er gestern, als ich ihn besuche, immer noch in demselben Oberhemd herumläuft, was ich ihm am Donnerstag anzuziehen aufgetragen habe. Ich habe das natürlich gleich bemerkt und versuche ihn zu überreden, sich ein frisches anzuziehen. Kein Weg. Ich gehe zunächst mit ihm spazieren, bringe ihn auf andere Gedanken als “Wann gibts essen, wann geht das nun endlich los mit der Ergotherapie, wann kann ich nach Hause?” Danach ein weiterer Versuch, er glückt mir.
Als ich heute ins Heim komme, frage ich gleich eine der Schwestern, wie es heute lief. Sie schüttelt nur den Kopf. Er habe gesagt: “Ich bestimme selbst, wann ich mich umziehe. Meine Sachen such ich mir selber aus!” Dabei, ich kann es mir bildlich vorstellen, setzte er seinen Strafvollzugsbeamtenblick auf, streckt den Kopf nach vorn und geht einen Schritt auf die Schwester zu. Die Ärmste, sie kennt ihn ja so noch gar nicht. Sie wird ihn in den nächsten Tagen öfter so erleben. Vielleicht auch in den nächsten Wochen. In seinen Terminplaner hat er geschrieben: “Heute früh kam eine Frau herein. Sie verlangte, dass ich mich dusche. Dann verlangte sie, dass ich mir andere Sachen anziehe, nachdem ich mir die Haare trocknen musste.” Manchmal schreibt er noch in demselben fehlerfreien Deutsch, in dem er früher seine Heimatbücher schrieb. Was es zum Frühstück gab, hatte er bereits vergessen, als er nach dem Frühstück wieder in seinem Zimmer war, weshalb er nur für den Mittag notiert: “Makkaroni mit Tomatensoße.”
Nach dem heutigen kurzen Spaziergang fragt er mich wieder und wieder, warum er hier sein müsse, wann denn das mit der Ergotherapie endlich losginge, und warum er hier sein müsse und warum er hier sein müsse und was das soll und wo seine Frau sei. Nachdem ich es ihm mehrmals beantwortet habe, scheint er sich zufrieden zu geben – nur um einige Minuten später dieselben Fragen erneut zu stellen. Ich sage ihm wieder, dass er nicht allein daheim hätte bleiben können, weil sich dort niemand um ihn kümmern könne. “Aber warum denn das? Ich brauch doch keinen. Ich kann doch alles.” Ich vergesse, dass es nichts bringt, ihn zu schelten oder zu belehren, und ich vergesse, dass er rhetorische Fragen nicht mehr verstehen kann. “Ach? Willst du allein dein Essen machen? Allein putzen? Allein deine Wäsche machen? Mutti ist im Krankenhaus! Die kann dir nicht helfen! Wir wohnen doch viel zu weit weg von zu Hause, als dass wir mal schnell kommen und dir helfen könnten! Wir machen uns hier Sorgen um dich! Wenn du hinfällst, es ist keiner da, der dir helfen kann. Wenn du krank wirst, ist auch keiner da, der sich kümmern kann um dich. Deswegen bist du hier, damit immer Hilfe da ist.” – “Na, mein Essen kann ich mir selber machen.” [kann er nicht...denke ich] “Und wann geht das denn nun endlich los mit der Ergotherapie?” Ich kämpfe bereits mit den Tränen. Jetzt nur nicht laut werden, nicht weinen. Halte an dich, Adrienne. “Jetzt reichts mir aber. Das ist jetzt so wie es ist und da musst du jetzt mal durch. Wir müssen da alle durch. Denkst du für mich ist das hier alles leicht?” [nein, darüber denkt er nicht nach, aber das weiß ich jetzt in dem Moment, wo es mir gerade die Kehle zuschnürt, nicht] – Er schaut mich an: “Hast du mir deswegen die Schokolade mitgebracht? Das ist so lieb von dir. Du bist so gut zu mir.” Er kommt auf mich zu und umarmt mich. Ich glaube er fühlt meine Not. Er sagt so dass es ihm leid tut, auf seine Art. Wenn er doch nur wieder der alte Vati wäre, der sich auch dementsprechend verhalten kann. Aber der alte Vati ist weg. Nur manchmal taucht er hinter dem Schleier des Vergessens auf, dann wenn er fühlt, was in seinem Gegenüber vorgeht. Ich verabschiede mich von ihm, weil ich nicht will, dass er neben seiner auch noch unter meiner Hilflosigkeit leidet. Ich sage ihm, dass ich morgen wiederkomme, umarme ihn und verlasse rasch sein Zimmer.
Als ich aus dem Heim heraustrete, habe ich es sehr eilig ins Auto zu kommen. Dort darf ich weinen – und tue es auch. Nur kurz wenigstens. Dann geht es weiter, nach Hause, zu meiner kleinen Tochter die schon Hunger hat und versorgt werden möchte.
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