Teil 6: Abwärts.

Dienstag, 10. April 2012 von Adrienne

Vor ein paar Tagen habe ich mit dem Heim telefoniert. Eigentlich wollte ich nur wissen, ob bei meinem Vater der Husten, den er noch vor einigen Tagen mit sich herumschleppte, aufgehört hat, damit ich auch mal wieder gemeinsam mit meiner Tochter zu ihm kann, aber aus der kurzen Nachfrage wurde ein längeres Gespräch über den derzeitigen Zustand meines Vaters. Kurz gesagt: Tendenz abwärts.

Die lange Version: die Pflegerin sagte mir, dass er sich beharrlich weigere, auch bei mittlerweile 15 Grad Außentemperatur die dicken Winterstiefel gegen leichteres Schuhwerk und den dicken Winteranorak gegen eine Übergangsjacke zu tauschen. Auch seine Mütze setze er nach wie vor auf. An sich ist es ja ihm überlassen, wie er sich anzieht – aber dass die Füße dadurch fürchterlich schwitzen und deshalb leiden, und dass mein Vater nun langsam anfängt unangenehm zu riechen (sich aber nach wie vor weigert regelmäßig unter die Dusche, in die Wanne oder zumindest an den Waschlappen zu gehen), macht die Geschichte doch etwas prekär. (Weiterlesen…)

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Teil 5: “Alzheimer” bedeutet auch “geplatzte Träume”

Sonntag, 30. Oktober 2011 von Adrienne

Wieder sind einige Wochen vergangen. Mein Vater hat sich inzwischen im neuen Heim sehr gut eingelebt und äußert oft, dass es ihm gut gefällt, viel besser als in der ersten Einrichtung. Das stimmt mich natürlich froh.
Gleichzeitig zu dieser an sich positiven Entwicklung muss ich feststellen, dass der Verfall in großen Schritten voranschreitet. Der Blick wird leerer, das Hineingleiten in die eigene Welt bei meinem Vater immer deutlicher, die Vernachlässigung seiner äußeren Erscheinung ist inzwischen nicht mehr übersehbar.

Vergangene Woche konnte meine Mutter ihn endlich besuchen. Ihr körperlicher Zustand hatte es ein halbes Jahr lang nicht zugelassen. Nun ist sie soweit stabil, dass sie sich auf den Besuch einlassen konnte.
Angst hatte sie vor der Begegnung. Nervös war sie vorher. Selten habe ich meine Mutter so gesehen. (Weiterlesen…)

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Teil 4: Eine neue Heimat

Mittwoch, 31. August 2011 von Adrienne

Ich habe mich einige Wochen nicht gemeldet. Ich habe das ganz bewusst nicht getan – ich hätte die Seiten hier mit Klagen über die Pflegeeinrichtung gefüllt, in der wir meinen Vater untergebracht hatten…

Aus der ursprünglich geplanten Kurzzeitpflege ist ein dauerhafter Aufenthalt meines Vaters im Pflegeheim geworden. Meine Mutter hat ihre Operation zwar gut überstanden, aber sie ist körperlich überhaupt nicht mehr in der Lage, sich der Betreuung und Pflege meines Vaters zu widmen, von dem Stress durch die täglichen Auseinandersetzungen mit einem aggressiven Demenzpatienten mal ganz abgesehen.

Die Einrichtung, in der wir meinen Vater zu Beginn untergebracht hatten, hat sich allerdings als “negatives Überraschungsei” entpuppt. Fast täglich gab es Zusammenstöße zwischen meinem Vater und dem Personal, man ging selten mit Geduld mit ihm um, Zuwendung gab es fast gar nicht, und was im Zusammenhang mit Körperhygiene, Wäschewechsel, Medikation usw. so passierte, behalte ich an dieser Stelle lieber für mich. (Weiterlesen…)

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Teil 3: “Jetzt taut er auf.”

Dienstag, 3. Mai 2011 von Adrienne

Das vergangene Wochenende hat mich sehr ausgelaugt. Eine Familienfeier. Vati habe ich dort nicht mit hingenommen. Er befindet sich in der Eingewöhnungsphase, und die Schwestern sowie enge Vertraute meiner Eltern und ein Bekannter, der sich mit der Materie auskennt, hatten mir abgeraten Vati mitzunehmen – ich selbst wollte es auch nicht, aber da die Hauptperson auf der Feier das ganz anders sah, war ich in einem Gewissenskonflikt. Ich wollte es letztlich aber Vati nicht antun, erneut eine fremde Umgebung, fremde Leute, ein völlig anderer Tagesablauf, ohne feste Essenszeiten, nachts wieder umherirren und die Toilette suchen, nicht wissen was ihn als nächstes erwartet – seelische Grausamkeit wäre es gewesen. Dass die Hauptperson der Familienfeier nun mehr oder weniger nichts mehr mit mir zu tun haben will, weil ich Vati im Heim gelassen habe, lastet schwer auf mir. Ich bin gerade sehr nah am Wasser gebaut, habe das Gefühl unter der Last zusammenzubrechen. Und dass die OP meiner Mutter auch noch nicht den gewünschten Erfolg gebracht hat, macht die Situation nicht leichter.

Heute vor einer Woche haben wir Vati ins Sanatorium gebracht. War er am Anfang noch sehr zurückhaltend in seiner ganzen Art, es war ja schließlich alles neu, teilt mir heute eine der Schwestern mit: “Er taut jetzt auf.” Leider meint sie damit nicht, dass er sich nun reger an den gemeinsamen Runden mit den anderen Bewohnern beteiligt oder auch mal öfter von sich aus aus seinem Zimmer kommt. Vielmehr bedeutet dieses Auftauen: er widerspricht. Er wehrt sich. Er wehrt sich gegen das morgendliche Duschen, das abendliche Herrichten. Er wehrt sich ganz besonders, frische Sachen anzuziehen. Und: er wehrt sich vehement, lautstark und wohl auch ein klein wenig bedrohlich. Ja, Vati ist angekommen. Die Schwestern werden ihm vertrauter, er baut eine Beziehung zum Pflegepersonal auf. Was zur Folge hat, dass er gestern, als ich ihn besuche, immer noch in demselben Oberhemd herumläuft, was ich ihm am Donnerstag anzuziehen aufgetragen habe. Ich habe das natürlich gleich bemerkt und versuche ihn zu überreden, sich ein frisches anzuziehen. Kein Weg. Ich gehe zunächst mit ihm spazieren, bringe ihn auf andere Gedanken als “Wann gibts essen, wann geht das nun endlich los mit der Ergotherapie, wann kann ich nach Hause?” Danach ein weiterer Versuch, er glückt mir.
Als ich heute ins Heim komme, frage ich gleich eine der Schwestern, wie es heute lief. Sie schüttelt nur den Kopf. Er habe gesagt: “Ich bestimme selbst, wann ich mich umziehe. Meine Sachen such ich mir selber aus!” Dabei, ich kann es mir bildlich vorstellen, setzte er seinen Strafvollzugsbeamtenblick auf, streckt den Kopf nach vorn und geht einen Schritt auf die Schwester zu. Die Ärmste, sie kennt ihn ja so noch gar nicht. Sie wird ihn in den nächsten Tagen öfter so erleben. Vielleicht auch in den nächsten Wochen. In seinen Terminplaner hat er geschrieben: “Heute früh kam eine Frau herein. Sie verlangte, dass ich mich dusche. Dann verlangte sie, dass ich mir andere Sachen anziehe, nachdem ich mir die Haare trocknen musste.” Manchmal schreibt er noch in demselben fehlerfreien Deutsch, in dem er früher seine Heimatbücher schrieb. Was es zum Frühstück gab, hatte er bereits vergessen, als er nach dem Frühstück wieder in seinem Zimmer war, weshalb er nur für den Mittag notiert: “Makkaroni mit Tomatensoße.”
Nach dem heutigen kurzen Spaziergang fragt er mich wieder und wieder, warum er hier sein müsse, wann denn das mit der Ergotherapie endlich losginge, und warum er hier sein müsse und warum er hier sein müsse und was das soll und wo seine Frau sei. Nachdem ich es ihm mehrmals beantwortet habe, scheint er sich zufrieden zu geben – nur um einige Minuten später dieselben Fragen erneut zu stellen. Ich sage ihm wieder, dass er nicht allein daheim hätte bleiben können, weil sich dort niemand um ihn kümmern könne. “Aber warum denn das? Ich brauch doch keinen. Ich kann doch alles.” Ich vergesse, dass es nichts bringt, ihn zu schelten oder zu belehren, und ich vergesse, dass er rhetorische Fragen nicht mehr verstehen kann. “Ach? Willst du allein dein Essen machen? Allein putzen? Allein deine Wäsche machen? Mutti ist im Krankenhaus! Die kann dir nicht helfen! Wir wohnen doch viel zu weit weg von zu Hause, als dass wir mal schnell kommen und dir helfen könnten! Wir machen uns hier Sorgen um dich! Wenn du hinfällst, es ist keiner da, der dir helfen kann. Wenn du krank wirst, ist auch keiner da, der sich kümmern kann um dich. Deswegen bist du hier, damit immer Hilfe da ist.” – “Na, mein Essen kann ich mir selber machen.” [kann er nicht...denke ich] “Und wann geht das denn nun endlich los mit der Ergotherapie?” Ich kämpfe bereits mit den Tränen. Jetzt nur nicht laut werden, nicht weinen. Halte an dich, Adrienne. “Jetzt reichts mir aber. Das ist jetzt so wie es ist und da musst du jetzt mal durch. Wir müssen da alle durch. Denkst du für mich ist das hier alles leicht?” [nein, darüber denkt er nicht nach, aber das weiß ich jetzt in dem Moment, wo es mir gerade die Kehle zuschnürt, nicht] – Er schaut mich an: “Hast du mir deswegen die Schokolade mitgebracht? Das ist so  lieb von dir. Du bist so gut zu mir.” Er kommt auf mich zu und umarmt mich. Ich glaube er fühlt meine Not. Er sagt so dass es ihm leid tut, auf seine Art. Wenn er doch nur wieder der alte Vati wäre, der sich auch dementsprechend verhalten kann. Aber der alte Vati ist weg. Nur manchmal taucht er hinter dem Schleier des Vergessens auf, dann wenn er fühlt, was in seinem Gegenüber vorgeht. Ich verabschiede mich von ihm, weil ich nicht will, dass er neben seiner auch noch unter meiner Hilflosigkeit leidet. Ich sage ihm, dass ich morgen wiederkomme, umarme ihn und verlasse rasch sein Zimmer.
Als ich aus dem Heim heraustrete, habe ich es sehr eilig ins Auto zu kommen. Dort darf ich weinen – und tue es auch. Nur kurz wenigstens. Dann geht es weiter, nach Hause, zu meiner kleinen Tochter die schon Hunger hat und versorgt werden möchte.

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Teil 1: Einzug im “Sanatorium”

Donnerstag, 28. April 2011 von Adrienne

Ich werfe einfach mal ein herzliches “Hallo” in die Runde!

Heute war es soweit: Ich habe “Vati” ins “Sanatorium” gebracht. Meine Güte, war ich aufgeregt. Und dann lief alles viel besser als ich vorher befürchtet hatte.

Aber ich fange besser von vorn an.

Die Diagnose “Alzheimer-Demenz” wurde bei meinem Vater, früher ein belesener, red- und leutseliger und unternehmungslustiger Mann, 2008 gestellt – im Alter von damals 62 Jahren. Die ersten Symptome hatten sich allerdings schon einige Jahre früher gezeigt; er wurde damals auf Depressionen und, wegen seiner dauernden Rückenschmerzen, auf psychosomatische “Wehwehchen” hin behandelt. Dass es nicht nur das sein konnte, wollten wir, seine Angehörigen, und vor allem er selbst nicht wahrhaben.
Seine Standard-Frage: “Wann wird denn das nun endlich besser?!” Wir wussten darauf keine Antwort, gaben Durchhalteparolen aus. Dann kam die Vergesslichkeit. Die allein wäre noch gut zu verkraften gewesen. Leider hatte sie ihre Freundin dabei – die Aggressivität. Wenn er seine “Ausraster” hatte, bekamen wir es durchaus auch mal mit der Angst zu tun, wir konnten einfach nicht mehr abschätzen, ob er nur verbal aggressiv bleiben oder irgendwann um sich schlagen würde. Er war aggressiv gegen meine Mutter, wenn sie nicht machte was er wollte, wenn sie ihn scheinbar nicht verstand, wenn sie ihm widersprach, wenn sie ihn maßregelte. Er war aggressiv gegen uns, seine Kinder, wenn wir statt “Guten Tag” einfach “Hallo” sagten und regte sich schier pausenlos über das “neuanglodeutsche Gequarke” auf – Feindbild seiner späten Jahre: Anglizismen. Pfui! Wehe es begegnete ihm jemand mit einem freundlichen “Hallo!” – er pflegte dann zu antworten: “Na entschuldigen Sie nur, dass ich ‘Guten Tag’ sage!” Die Leute begannen teilweise ihn zu meiden. Man hörte auf zu grüßen. Man drückte sich förmlich im Haus an ihm vorbei. Einige Leute fragten bei meiner Mutter nach, die sie schämte und mit ihm schimpfte. Es interessierte ihn nicht, er rüffelte die Leute mit dem “Hallo”-Gruß weiterhin.Inzwischen ist es ihm völlig egal, wie jemand grüßt. Sogar ob jemand grüßt. “Warum hat der denn gegrüßt? Kenn ich den?” Er schaut verwundert. Zurück grüßt er nicht, warum auch, er kennt den Grüßer ja nicht.

Nachdem die Diagnose gestellt war, zog sich meine Mutter zunächst vor den meisten Freunden zurück. Aus mir unerfindlichen Gründen schämte sie sich auch jetzt noch – auch jetzt noch wo feststand, dass es eine Krankheit war, die meinen Vater sich so verändern ließ, und nicht “Altersstoffeligkeit” oder “böser Wille”. Immer wieder war mein Vater in den zwei, drei Jahren vor der Diagnose auch mit Freunden aneinander geraten – diese reagierten nur in wenigen Fällen mit unerschütterlicher Geduld. Die meisten meldeten sich seltener, irgendwann gar nicht mehr. (Weiterlesen…)

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Teil 2: Der Arbeitskollege

Donnerstag, 28. April 2011 von Adrienne

Hallo…

Tag 3 im “Sanatorium”.
Gestern habe ich Vati allein besucht. Als ich sein Zimmer betrete, hockt er über einem seiner Fotoalben, die er “bastelt”. Vorn auf dem Cover prangen sämtliche Sticker, die ihm meine Mutter in seine Basteltasche gepackt hat: Blumen, Hunde, Papageien, Zwerge. Drinnen: auf jedem Blatt zwei Fotos, ergänzt um Blumen, Hunde, Papageien, Zwerge. Ein freudestrahlender Vati: “Sieht doch schön aus, ne?”
Was er gemacht habe seit dem Vortag, frage ich ihn. “Nichts.” – “Wie, nichts?” – “Nur das Album.” – “Warst du nicht bei den anderen?” – “Welche anderen?” – “Na die hier noch wohnen.” – “Nein, ich war nur hier. Kommt ja keiner.”
Lektion 1: Nicht gleich alles glauben was er sagt. Die Stationsschwester zeigt mir einige Zeit später das Bild, was er am Vortag in der Bastelrunde gemalt hat.
Was er gegessen habe am Vortag, frage ich ihn. “Weiß ich nicht mehr.” – “Hast du es denn nicht aufgeschrieben?” – “….(überlegt)…Doch, ja, ich hab was aufgeschrieben.” – “Zeig mal.” Er holt seinen Terminkalender. Ich schaue nach. Da steht: “Mittagessen. Es gab Kartoffeln, Rotkraut und ein rundes Stück Fleisch.” Von der Schwester erfahre ich: er meint eine Roulade.
“Wann kommt Mutti?” fragt er. “Ich weiß es nicht, das dauert noch. Die ist im Krankenhaus. Ich habe keine Ahnung wie lange das dauert. Wahrscheinlich mindestens drei Wochen.” – “Drei Wochen??? Ich dachte die kommt dann auch noch?!” – “Nein, Vati, die bekommt doch eine neue Niere!” – “Na aber ich wusste doch nicht wie das läuft. Kannst du mir das erklären?” Ich erkläre es ihm, zum gefühlten zwanzigsten Mal. “Ach so”, sagt er, “na das wusst ich doch nicht!”
Als ich gehe, sage ich ihm, dass ich erst am nächsten Tag wiederkomme, dann mit meinem Mann zusammen. Er nickt und vertieft sich in sein Album. (Weiterlesen…)

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