Mit den Kräften haushalten

Sonntag, 20. Februar 2011 von Heidi

Seit Jahren sagt man mir, einer der wichtigsten Grundsätze in der Betreuung demenzkranker Angehöriger sei das Haushalten mit den eigenen Kräften. Ich danke Dagmar für ihren Kommentar zu einem meiner letzten Beiträge, dass sie daran erinnert hat. Es stimmt. Sehr oft stelle ich in letzter Zeit fest, wie meine vermeintlich unendlichen Kräfte langsam aber sicher schwinden. Anzeichen dafür sind immer öfter auftretende Mutlosigkeit  gegen Windmühlen anzukämpfen, Niedergeschlagenheit, Antriebslosigkeit und die Frage nach dem Sinn. Es fällt mir täglich schwerer, den Interessenskonflikt zwischen Beruf und Pflege zu überbrücken.

Während Mutter nach dem Frühstück ein kleines Nickerchen einlegt, wäre es mir wichtig vor Arbeitsantritt einige Haushaltsaufgaben zu erledigen. Waschmaschine, Vorkochen, Putzen, usw., vom Papierkram ganz zu schweigen. Dazu muss man fit sein. Bis vor einigen Wochen ging das auch. Aber auf einmal kann ich mich nicht ad hoc aufraffen, eine Sache zügig abzuarbeiten. Ich benötige eine ungewohnt lange Anlaufzeit. Ganz besonders für die Bewältigung von Papierkram fehlt die Konzentration. Sogar einfach nur den Staubsauger holen um loszulegen, ist schon zu viel. Nach dem Abendessen, wenn Mutter versorgt ist und zum Abschluss für das Trinken einer halben Tasse Wasser eine geschlagene Stunde benötigt, weil der Schluckreflex nicht mehr so richtig wirkt, schaffe ich es gerade noch so, sie zu Bett zu bringen und falle dann selbst erschöpft zwischen die Laken. Alle Vorhaben, was ich an diesem Tag erledigen wollte, werden klein durch den übermäßigen Wunsch nach nur noch Hinlegen und Augen schließen. In zwei Stunden muss ich Mutter Umlagern, um einen Dekubitus zu vermeiden.

Natürlich könnten wir die eine oder andere Hilfe von auswärts hereinholen, aber bitteschön, das kostet zusätzliches Geld, das bereits für die Finanzierung von Betreuungsgruppen und Fahrten dorthin gebraucht wird.

Wenn ich mich dann endlich zusammenreisse und die Aufgabe erledigt ist, fühle ich mich stolz erleichtert und eigentlich war es doch gar nicht so schlimm, warum habe ich das nicht schon längst erledigt. Jeden Tag ein bisschen, oder wenigstens am Wochenende, dann würde nichts liegen bleiben. Dann kommt das Wochenende und die Sonne scheint. Da werde ich diese schöne Gelegenheit bestimmt nicht mit profanem Abarbeiten einer Checkliste vertun, sondern lieber meine Mutter draußen im Rollstuhl spazieren fahren. Solange keine wichtigen Termine verschwitzt werden oder besonderer Besuch ins Haus kommt, wo mir eine unaufgeräumte Wohnung peinlich wäre, ist Alles eigentlich immer öfter egal. Durch diesen gemeinsamen Spaziergang draußen in der Sonne tanken wir beide, Mutter und ich, unsere Batterien auf, schöpfe ich mehr neue Kraft als in einer Stunde Schlaf. Das bisschen Aufräumen und den Papierkram kann ich doch auch nach der Rückkehr erledigen. Oder?

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Bedürfnis und Bedarf

Dienstag, 18. Januar 2011 von Heidi

Während der Weihnachtsfeiertage und zum Jahresübergang waren unsere Betreuungsgruppen geschlossen. Um die Versorgung meiner Mutter zu gewährleisten nahm ich Urlaub. Zweieinhalb Wochen 24 Stunden Einsatz, wird schon gehen. Ich hatte einen Plan aufgestellt von Soll, Ist, Möchte. Keine von uns beiden sollte zu kurz kommen. Urlaubsgenuss mit geregeltem Tagesablauf.

Die ersten beiden Tage lief alles nach Plan. Ich war morgens, abends, nachts wie üblich im Einsatz. Tagsüber kam mir die Aufgabe des Alleinunterhalters zu. Wohlgemerkt, Mutter spricht nicht mehr. Alleine Aufrichten, Stehen, oder etwa eine Buchseite umblättern, kann sie nicht. Gut, dass wir eine Vogelfutterstelle vor dem Fenster haben. Nach dem Frühstück Mutter aufs Sofa gesetzt, genießt sie den Anblick, döst, schaut interessiert zu. Ich hätte eigentlich meinen Erledigungen nachgehen können. Aber es gab einen Unterschied zwischen dem Bedürfnis und Bedarf.

Unsere Grundbedürfnisse waren identisch: essen, trinken, WC, Aktion, Schlafen. Der Bedarf ein ganz anderer. Mutter braucht drei regelmäßige Mahlzeiten, ich nicht. Sie soll eine bestimmte Menge trinken, ich nur wenn ich Durst habe. Sie müsste alle zwei, drei Stunden aufs WC oder zum Windeln kontrollieren, ich gehe wenn ich muss. Sie ist an ein aktives Betreuungsprogramm außer Haus gewöhnt, mit Spazierengehen, Transport. Ich lese lieber, möchte den Keller aufräumen und das Haus bei dieser Kälte nicht verlassen. Schlafen, Ausruhen? Na ja, nachts bin ich diejenige zum Umlagern, sie schläft dabei weiter. Nachholen am Tag? Während Mutter nach einer Viertelstunde Siesta den Kopf hob und mich erwartungsvoll anschaute, wäre ich lieber noch ein, zwei Stunden auf dem Sofa geblieben. Nie wurde mir so deutlich, dass eine Mahlzeit mittlerweile locker eine Stunde dauert, wenn ich Mutter alleine mit dem Löffel hantieren lasse und nach der Hälfte der Mahlzeit jeden Bissen anleite. Das Trinken einer Tasse Wasser: eine halbe Stunde, wir halten beide die Tasse.

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Alte Werte = ungeahnte Schätze

Freitag, 10. Dezember 2010 von Heidi

Eine kleine Plastikpuppe mit blondem Wuschelkopf, großen blauen Augen und einem etwas zerdrückten, spitzenumsäumten rosa Seidenkleid – das war mein Weihnachtsgeschenk im letzten Jahr für Mutter. Schön in Geschenkpapier verpackt, mit Schleife, so wie es sich gehört. Das Ergebnis war eine Überraschung für mich selbst: sie war total überwältigt!

Eigentlich war es ein Verlegenheitsgeschenk, denn was schenkt man einer Frau, die nur noch mit dem Gesichtsausdruck kommuniziert? Deren Leben ich komplett bestimme. Den üblichen Wollschal? Likör? Irgendetwas Neues? Mit Betonung auf „Neues“ ? Weiß sie was das Wort „Geschenk“ heißt und welche Erwartungen der Schenkende damit verknüpft?

Da fiel mir die Puppe ein. Mutter hatte sie mir vor Jahren geschenkt – und sie hat ihr selbst wesentlich mehr gefallen als mir.

Wenn ich so an meine Kindheit denke, damals hat sie mit mir zusammen ständig Puppenkleider genäht, gestrickt, bestickt. Wir hatten viel Spaß dabei. Und so kam mir diese Puppe in den Sinn, die ich mich nicht wegzuwerfen getraut habe, die nur ins Sichtfeld kam, wenn Mutter ihren Besuch angekündigt hat. Aber genau dieses Ding wurde zum absoluten Renner am Weihnachtsabend! Genau genommen wurde sie zu MEINEM schönsten Geschenk, als ich Mutter so strahlend und glücklich sah!

Ob sie die rosa Blondheit so schön fand oder einfach eine glückliche Erinnerung ausgelöst wurde, werden wir nie erfahren. Sie hat den ganzen Abend die Puppe in den Händen gehalten, gestreichelt, das Kleid zurechtgezupft, das Haar glatt gestrichen, verträumt gelächelt.

Etwas Schöneres kann man sich nicht vorstellen. Aber nachfühlen: Erinnern Sie sich an dieses AHA-Erlebnis, als Sie beim Entrümpeln auf dem Speicher oder im Keller diese Kiste mit dem alten Krempel entdeckten? Was haben Sie da gefühlt?

Mein Rat: Wir allein wissen, was dem/der Angehörigen wichtig war und gefallen hat. Wir allein haben diesen Schatz gratis in der Hand! Schenken wir dem lieben Angehörigen eine schöne Erinnerung! Frohe Weihnachten!

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Schau doch mal her!

Montag, 15. November 2010 von Heidi

Der gute, alte Anschauungsunterricht mit Vormachen, Kapieren, Nachmachen, Weitergeben hat ausgedient. Heute spielt sich der Umgang mit unseren Mitmenschen im korrekten Gebrauch von Spiegelneuronen ab. Die Bedienungsanleitung liefert die Neurodidaktik, die neue Studienwelten im Lehramt, in den Kindergärten und für die Rehabilitation bei Schlaganfall-patienten (Videotherapie) eröffnet und auch das Neuromarketing beflügelt.

Schon seit den 1920-er Jahren forschen Wissenschaftler nach Funktion und Lageplan einer Abguckstelle im Gehirn. Das Nicht-Funktionieren hatte bereits einen Namen: Apraxie. 1966 endlich wurde das Nachahmen- und Mitfühlen-Können (u. A.) lokalisiert und mit einem Begriff versehen: Spiegelneuronen. Diese kleinen Kerle sind jetzt offiziell dafür zuständig, dass unser Gegenüber etwas Vorgemachtes imitiert (z. B. gähnt) oder bereits den Ansatz einer Bewegung erkennt (z.B. beim Essen den Arm zum Mund führen helfen). Damit kann ein Reflex ausgelöst werden und entweder ein wirkliches Erkennen der Handlung stattfinden (ein Gedankenblitz sozusagen) oder ganz einfach durch automatisches Nachahmen das vorgegebene Ziel erreicht werden.

Ein Demenzkranker kann sich nicht durch bewusstes Nachdenken korrigieren. Spiegelneuronen, so heißt es, können ein Leben lang aktiviert werden. Das Dumme daran ist nur, sie funktionieren genau wie andere Gedankengänge und basieren auf der Übertragung von Nervenimpulsen. Genau diese sind bei Demenzkranken unterbrochen. Weil es aber bereits einige Medikamente gibt, die diese Verbindung der Nervenimpulse bis zu einem gewissen Punkt wieder aufnehmen bzw. eine Weile erhalten können, dürfen wir vielleicht in naher Zukunft hoffen, auf die Spiegelneuronen Einfluss zu nehmen.

Bis dahin behelfen wir uns mit Vormachen und gehen, im wahrsten Sinne des Wortes, mit gutem Beispiel voran. Denn das Vormachen/Nachmachen ist bei den meisten Lebenswesen eine der ältesten Kommunikationsformen. Die Schwierigkeit bei uns betreuenden Angehörigen, aber auch für die Demenzpatienten selber ist, dass wir in der Regel Niemanden zum Abgucken haben, wenn wir nicht gemeinsam an Betreuungsgruppen teilnehmen. Hier stören Angehörige zwar eigentlich, vergleichbar mit Eltern die sich in eine Schulklasse setzen, aber nur so können wir auch andere Demenzkranke und den Umgang mit ihnen beobachten, um von diesen auf das Verhalten unserer eigenen Lieben zu schließen.

Hierbei sind die betreuenden Pflegekräfte unsere größte Unterstützung. Im Laufe der Jahre sehen sie sich wiederholende Abläufe und können sich dem jeweiligen Patienten in seiner augenblicklichen Ausdrucksform erfahrungsgemäß leichter anpassen. Ihre Spiegelneuronen haben es ja gelernt und ihre Ratschläge und Hinweise sind für uns und unsere Angehörigen wegweisend.

Ob wir uns teilweise in unseren Kranken hineinversetzen können um ihn wirklich zu verstehen, ist ein weiter Weg, zu dem uns aber sein Lebenslauf, seine Gewohnheiten und er selbst uns helfen können. Wie es innendrin wirklich aussieht, was genau im Augenblick abläuft, werde ich als betreuende Tochter meiner Mutter wohl nie nachvollziehen können. Als Ersatz versuche ich es mit Liebe und viel Geduld. Vielleicht wissen wir eines Tages auch, wo diese im Gehirn angesiedelt sind und wie sie wissenschaftlich heißen.

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Kein Anrecht auf Information?

Montag, 15. November 2010 von Heidi

Beim Schwerpunkt Kommunikation in diesem Blog geht es nicht nur um den Austausch zwischen Demenzkranken und ihren Betreuern. Auch einige Marketingleute in der Pharmaindustrie sollten zur Schule gehen.

Wer zur Zeit das Medikament AXURA der Firma MERZ einnimmt, darf sich auf einen Schock vorbereiten. Gestern war ich wieder in der Apotheke wegen Nachschub. Erstaunt über eine wesentlich dickere Verpackung las ich, dass jetzt nur 98 Tabletten drin sind, vorher 100 Stück.

Beim Öffnen finde ich statt der jeweils 20 weißen länglich ovalen Tabletten auf fünf Silberfolien, 14 spitzovale gelbliche, kleinere Tabletten mit viel Leerraum auf jetzt sieben Streifen. Ohne die praktische Perforationslinie. Immerhin steht noch AXURA auf der Rückseite.

Ich als Verbraucher muss nicht wissen, warum weniger und kleinere Tabletten deutlich mehr Verpackungsmaterial brauchen. Wenn die Pille selbst jedoch komplett von der bisherigen abweicht und auch ganz ähnlich wie andere Tabletten aussieht, die zum selben Zeitpunkt eingenommen werden müssen, bin ich erschrocken.

Ein Nachlesen der Packungsbeschriftung und Durchforsten des Beipackzettels machen die Verwirrung komplett: die Zusammensetzung ist anders. Jeglicher Hinweis auf die Veränderung fehlt!

Ich flitze zur Apotheke. Die Fachfrau dort kann mich vorerst beruhigen. Keine Panik, der Wirkstoff selbst ist identisch, der Tablettenfilm hat sich geändert. Gibt es Allergien zu beachten? Ein AXURA Informationsblatt für Apotheken haben wir nicht erhalten. Ein Anruf bei MERZ ergab, dass man bereits mehrere Beschwerdeanrufe hatte, aber nichts dazu sagen könne. Ja, seit September sei umgestellt worden. Nein, an einen informierenden Aufkleber auf der Packung sei nicht gedacht worden und sei auch nicht geplant. Der Verbraucher wird auch in naher Zukunft nicht informiert.

Hier wünsche ich mir einen Verbraucherschutz. Reicht es nicht, dass Demenzkranke und Pflegebetreuer fast tagtäglich kräftezehrenden Überraschungen ausgesetzt sind – muss gedankenlose Schlamperei für weitere Angstmomente sorgen? Wenn ich es riskieren könnte, würde ich ab sofort die Firma MERZ aus unserem Medikamentenschrank streichen, billig ist AXURA nicht. Leider dürfen sie vorerst weiter mit unserem Bedarf rechnen, nach dem Motto „friss und zahl Vogel, oder ….“

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Sag du doch auch mal was

Donnerstag, 23. September 2010 von Heidi

Mutter verlor das laute Sprechen nach und nach. Seit drei Jahren kann sie nur noch wiederholen oder singen. Wenn ich sie zum „reden“ bringen möchte, singen wir. Wie bei Stotterern, klingen dann die Worte laut und deutlich. Wer nicht Bescheid weiß, nimmt unser gesungenes „Auf Wiedersehn“ für ernst. Ach, Deine Mutter spricht ja doch??!
Ich habe oft das klare Gefühl, sie bemüht sich laut zu formulieren und bin überzeugt, die innere Sprache funktioniert. Nur das Übersetzen in Laute ist blockiert. Wenn sie logisch denken könnte, würde sie vielleicht handeln: ich kann nicht reden, also singe ich, was ich mitteilen will, egal auf welche Melodie“ .

Da ich meistens rätseln muss was in ihr vorgeht, fühle ich mich hilflos. Oft ungeduldig, manchmal richtig wütend.
Mein Wunsch nach Gemeinsamkeit, nach Verstandensein oder Gehörtsein wird untergraben. Ich kann nicht zu Mutter sagen „hör doch mal zu“ oder „weißt Du, was ich meine?“ Oder „zum Kuckuck, jetzt mach doch mal …!“ Wenn Ich so neben ihr sitze, könnte ich auch ein Haustier auf dem Schoß haben. Es streicheln, ab und zu zu ihm sprechen. Mit seiner Reaktion wäre ich auf einer Welle – wir verstehen uns.
Wieso ist es aber so schwer, neben meiner Mutter zu sitzen, ihre Hand zu halten, zu formulieren was ich glaube, was sie sagen würde wenn sie es könnte? Weil ich selbst nach Jahren als Alleinunterhalter immer noch die Erwartung nicht aufgeben kann, sie soll „antworten“. Dabei tut sie es eben auf ihre Weise. Sie hat ihren eigenen Verständigungscode, den es zu knacken gilt. Mit einem Blick, einem Lächeln der Zustimmung, mit einer Kopfbewegung. Nicken heißt „ja“, lächeln bedeutet entweder „nein“ oder „ich hab’ Dich nicht verstanden“. Die Hand zum Mund führen, den Finger in den Mund stecken, sagt „ich habe Durst“. Es heißt ja nicht umsonst, mit Händen und Füßen reden.

Um nicht selber mit Mutter zu verstummen führe ich lieber laute Selbstgespräche und beziehe sie so in meine Gedanken mit ein. Damit wir„dieselbe“ Sprache sprechen. Die Grundlagen dazu habe ich in diversen Kursen für den Umgang pflegender Angehöriger gelernt. Drei davon vermittelt durch die Alzheimer Gesellschaft – kostenlos. Es gibt viele Angebote und man muss deutlich unterscheiden von denen, die echte Hilfe anbieten und denen die, sorry, einfach nur Geld verdienen wollen, ohne einen Demenzkranken jemals erlebt zu haben. Bei der Alzheimer Gesellschaft fühle ich mich gut aufgehoben.

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Nehmen Sie bitte Platz!

Dienstag, 6. Juli 2010 von Heidi

Es ist schon toll, was für Hilfsmittel auf Abruf bereit stehen, wenn man nur weiß, dass es sie gibt und wofür sie eingesetzt werden können.

Nehmen wir unseren Toilettenstuhl. Für Menschen mit voller Gehirnleistung eine praktische Erleichterung. Sogar mit herunterklappbaren Armlehnen. Sitz aus weißem Plastik, beinhart, die Aussparung für unseren kleinen Hintern etwas groß. Ein Eimer mit Deckel kann untergeschoben und eingerastet werden. Der Port à Potti auf Rädern überwindet auch mittleren Teppichflor.

Für mich und meine Mutter dient er nur als Transportfahrzeug ins Bad. Denn selbst wenn der Toilettenstuhl nach dem Hochklappen der Klo-Brille genau über die Schüssel gefahren werden kann und „passt“, so sieht das Möbel aus wie ein normaler Stuhl. Und was haben wir alle von Klein auf gelernt? Auf dem Örtchen darf man sich Zeit lassen, ist respektvoll ungestört, kann etwas trinken, essen und die Zeitung lesen. Aber auf einem normalen Stuhl im Schlafzimmer oder im Wohnzimmer oder auf dem Flur erledigt man kein Geschäft.

Demenzkranke können sich durch Nachdenken nicht korrigieren. Auch wenn ich Mutter den Sachverhalt erkläre, den Stuhl ins WC fahre und sie quasi auf dem Ort sitzt – für sie bleibt es ein normaler unbequemer Stuhl, und da passiert nix.

Ich habe mir schon überlegt, aus dem Baumarkt einen dieser eklig weichen Klo-Brillen aufzukleben, den weißen Plastik farblich abweichend zu streichen. Dann passt die abnehmbare kaschierende Auflage nicht mehr drauf,  aber ein Klo neben dem Bett – das geht mal gar nicht.

Eine Hoffnung gibt es noch – da immer mehr Menschen demenzkrank werden, haben vielleicht auch die Designer von Hilfsmitteln Familienangehörige, bei denen Sie Wahrnehmung und Zweck ihrer Erfindungen ausprobieren können, aus der Sicht einer Noch-Minderheit. Vielleicht klappt es dann?

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Rückenschule

Donnerstag, 17. Juni 2010 von Heidi

Seit Pfingsten kann meine Mutter den rechten Fuß nicht belasten, knickt sofort ein. Damit sind wir zur Fortbewegung vollständig auf den Rollstuhl angewiesen.

Ich möchte trotzdem, dass sie diesen so wenig wie möglich nutzt und weiterhin auf dem Lieblingsplatz auf dem Sofa und in der Küche auf dem normalen Stuhl sitzt.

Das heisst, ich hebe sie nun mehrmals hoch zum Umsetzen. Toilettengänge sind nur  mit einem Ausflug in den ersten Stock möglich, wir haben auf aufnahmefähigere Windeln umgestellt, denn den Sinn des Toilettenstuhls erkennt Mutter noch nicht.

In den ersten Tagen habe ich Arbeitskollegen und Bekannten von der Neuerung berichtet, wenn sie fragten, wie es Mutter geht. Unweigerlich kam der Kommentar „da musst du aber auf deinen Rücken aufpassen, am besten du holst dir einen Pflegdienst“.

Damit wäre ich zeitlich und örtlich gebunden, abgesehen vom wechselnden Personal dieses Pflegedienstes, das für Mutter nur zu noch mehr Verwirrung führen würde zusätzlich zum Aufstehen/Umsetzen/Windelwechsel-Stress, wonach sie jetzt schon erschöpft ist.

Es gibt so viele Berufe in denen schwer gehoben und getragen wird – und bitte schön: hat der Pflegedienst keinen „Rücken“ den er/sie schonen sollte? Herr S und Frau W heben tagtäglich viele Patienten hin und her, gehen in Badezimmern ein und aus – und ich soll nicht in der Lage sein, das mit einem einzigen Menschen, meiner Mutter, zu können? Immerhin ist das nächtliche Umlagern doch auch seit fast zwei Jahren kein Thema mehr.

Inzwischen kenne ich schon einige Tricks und Techniken, es geht ganz gut. Auch ins Auto kann ich Mutter setzen – unsere Freiheit ist uns wiedergegeben.

Und ich widerspreche jetzt ganz frech, wenn der gutgemeinte Rat, auf meinen Rücken zu achten ertönt.

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Schwimmwindel statt Badekappe

Sonntag, 2. Mai 2010 von Heidi

Schweben. Leichtigkeit. Temperatur – wie fühlt sich Wasser an? Plätschernd, rieselnd, kristallblau. Im Schwimmbad mit dem bekannten Geruch nach Chlor.

Endlich hat Mutter’s Betreuungsgruppe auch „Schwimmen für Demenz-patienten“ im Angebot. Beim ersten Mal war ich natürlich dabei. Ich war auf alles gefaßt. Aber nicht auf die Frage, ob Mutter eine Schwimmwindel anhabe. Was bitte ist eine Schwimmwindel? Nun, beim Babyschwimmen trägt das Kind eine solche, damit es nicht ins Wasser uriniert. Sowas gibt es auch für Erwachsene mit Inkontinenz. Aha! Und wo kriege ich die? Da müsse ich mich schlau machen. Heute lassen wir erst mal die normale Windel an.

Welch ein Schwachsinn! Die normale nimmt maximal einen Liter Flüssigkeit auf. Mit dem Badewasser saugt sie sich sofort voll und kann vom Urin überhaupt nichts aufnehmen. Dabei ist es mir so wichtig gewesen, dass Mutter nach Jahren wieder einmal die wunderbare Schwerelosigkeit des Wassers spüren kann, die eine Badewanne nicht erreicht. Ich bin wütend und enttäuscht.

Kinder jeden Alters pieseln ins Badewasser, einige Erwachsene auch. Einhalten können und wollen ist Erziehungssache, Anstand. Als völlig natürlich sehen wir es an, wenn jemand sein Revier markiert. Hundemännchen und Menschenmänchen bevorzugen Hauswände, Baumstämme bzw. ersatzweise Lichtmasten. Solange es der eigene Golden Rain ist, bleiben wir tolerant wenn es niemand mitkriegt. Und Eigenbehandlung mit Urin ist medizinisch anerkannt. Nur der Gedanke, in Kontakt mit Fremdurin zu kommen ekelt. Woher stammt eigentlich der Harnstoff in den vielen Hautcremes?

Ins Schwimmbecken mit seinen Tausenden von Litern chlorhaltigen Wasser, das ist nicht mehr akzeptabel! Messen wir Hygiene hier nicht mit zweierlei Maß? Wo bleibt der Genuß des Badenden, das Wasser um sich zu spüren, wenn er genau dieses Wasser, dank der gepolsterten Taucherhose nicht fühlen kann? Wie wehrt sich eigentlich ein Schwimmwindeltragenmüsser gegen die vielen Nichtträger, die nicht inkontinent sind und einfach laufen lassen?

 

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Liebe deinen Nachbarn?

Dienstag, 23. März 2010 von Heidi

 

Die jahrelange Betreuung meiner Mutter hat mich verändert. Ich höre und schaue genauer hin, wenn ein alter Mensch in der Nähe ist. Deshalb verunsichert mich das Verhalten einer unserer Nachbarinnen. All die Jahre hat sie sich bemüht, jedermann zu ignorieren.

 

Seit Januar ist Frau S. auf einmal auf mich fixiert. An einem eisglatten Wintertag hatte ich sie auf dem Weg zur U-Bahn gesehen und angeboten, zur Haltestelle zu fahren. Unerwarteter Weise stieg sie ein und war sehr dankbar nicht laufen zu müssen. Seither spricht sie mich bei jedem zufälligen Treffen auf der Straße an und ich merke, sie sucht das Gespräch. Eigentlich hält sie einen Monolog. Warum sind so viele alte Menschen so grundeinsam? Ich höre zu. Was sie erzählt, läßt mich aufhorchen, denn es hat denselben Unterton wie damals, als Mutter’s Demenz begann.

Beim letzten Treffen vor der Haustüre schilderte Frau S. ihr unglückliches Leben. Und es kommt ihr merkwürdig vor, seit neuestem Gegenstände zu verlegen. Trotz Suchen sind sie unauffindbar, um später an einem völlig anderen Ort aufzutauchen. Besonders unangenehm sei es ihr gewesen, nach einem Arztbesuch ihren eigenen Mantel in der Garderobe nicht erkannt zu haben. Sie hatte vergessen, dass sie einen neuen Mantel angezogen hatte. Die Sprechstundenhilfe hatte sie dann überzeugt, mit einem braunen eingetroffen zu sein und es war der einzige, der dort hing, nicht der gewohnte blaue.

So wie die Dinge im Augenblick stehen, kann ich nichts weiter tun als zu versuchen, die Nachbarn zu sensibilisieren. Ohne mich aufzudrängen. Das ist schwer, denn Frau S. ist unbeliebt, man möchte nichts mit ihr zu tun haben. Ihr Sohn besucht sie sporadisch, niemand kennt seine Adresse. Und ich pflege meine Mutter, ich habe eigentlich überhaupt keine Zeit, einen zweiten „Fall“ zu betreuen. Es täte mir unendlich leid, wenn mein Verdacht zutreffen sollte. Eine entsetzliche Zukunft für unsere Nachbarin, die allein lebt und komplett auf ihr Zuhause fixiert ist.

 

Daher bin ich sehr gespannt auf das neue Projekt der Alzheimer Gesellschaft „Allein lebende Demenzkranke – Schulung in der Kommune“. Gerade Menschen wie Frau S. brauchen den Erhalt ihrer Selbständigkeit, ihrer Freiheit und unser aller gütiges Verständnis.

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