ablösung

Freitag, 11. Dezember 2009 von helgajuttapetrauwe

ablösung: ein wort, das wir gern benutzen, wenn es um uns und unsere kindheit, um den prozess des erwachsen-werdens – auch unserer kinder selbstverständlich -  geht.

während ich meinem alltag nachgehe, zeitlich freier durch den tod der alzheimerkranken mutter, komme ich immer wieder in gedanken zu ihr zurück. und ich merke, erst jetzt, nachdem sie unwiederbringlich fort ist, gehe ich zu ihr als “mutti” zurück, zu der frau, die sie war, bevor sie alzheimerkrank wurde. zu der frau, die lustig, patent, streitfreudig aber trotzdem harmoniesüchtig, jederzeit hilfsbereit war. der frau, die eben passionierte mutter war. diese person ist mit der zeit im altersheim verschwunden. peu á peu ist da etwas geschehen, was aber nicht wirklich eine “ablösung” war – kein bewußter prozess, der eingeleitet  und freudig nachvollzogen werden konnte – auch wenn ich dadurch “erwachsener” werden musste. eigentlich war es nur eine umkehrung: von der tochter zur mutter dieser mutter…da fällt mir ein, wie wir im altersheim vor einem großen spiegel stehen, nach dem spaziergang, sie im rollstuhl, beide noch gestiefelt+gespornt: ich zeigte auf sie und fragte, wer ist das? nach kurzer bedenkzeit lachte sie und sagte: ich! stimmt, und wer ist das? fragte ich, auf mich zeigend. wieder bedenkzeit – auch ich! strahlte sie dann. diese beiden ichs sind für mich ein synonym für diese zeit.

und die ablösung von meiner mutter, die letzte, endgültige, die steht auf einem anderen blatt…

1 Person gefällt dieser Artikel.

Stichwörter:


danach

Dienstag, 1. Dezember 2009 von helgajuttapetrauwe

langsam sickert es in mein bewußtsein: auch wenn es klar war: es ist nicht einfach nur ein nicht-mehr-da-sein, wenn die alzheimerkranke mutter gestorben ist, keine erleichterung – unabhängig von dem, was man gemeinhin “trauer” nennt – klar bin ich traurig! aber eben auch nicht “erleichtert”…

mir fehlt vor allem die verantwortung…die ruhe, die sie mir gab, die zärtlichkeit und zuwendung, diese völlig unvoreingenommene zuneigung. und das schlichte, anspruchslose einfach-da-sein, was mir natürlich durch die liebevolle pflege des heimes so erleichtert wurde. eine klare eindeutige verpflichtung, ohne hinterfragen, mit…ja! …mit genuss ausgeführt. weder ansprüche an rein praktischen dingen, einkaufen, dinge erledigen,  noch ansprüche an diskussionen über was auch immer; aber natürlich auch keine ratschläge, keine person, die als einzige weiß, wie man die strümpfe so stopft, dass man es kaum sieht (wer stopft heutzutage noch strümpfe??), die weiß, wie gulasch gemacht wird und wie man die bettwäsche so zieht, dass man sie super in den schrank ordnen kann. keine fragen mehr über die kinder, die arbeit. gut. das alles gab es ja nun bereits seit 3-4 jahren nicht mehr – aber jetzt ist es so endgültig. erst jetzt fühl ich mich vollständig “erwachsen”. ist das so, weil meine mutter alzheimer hatte oder obwohl?

ich merke beim schreiben, wie verunsichert ich bin, wie meine gedanken hüpfen, sich widersprechen. was kommt da alles noch??

6 Personen gefällt dieser Artikel.

Stichwörter:


geschafft…

Montag, 23. November 2009 von helgajuttapetrauwe

mittwoch früh, wieder gegen halb acht. vermutlich der letzte, der entscheidende anruf aus dem altersheim: bitte kommen sie, ihre mutter liegt im sterben.

um neun bin ich bei ihr, habe an der arbeit schnell alles geregelt, meine kollegen informiert, die mich bestärkt haben, hier alles stehen und liegen zu lassen. meine schwester kommt um zehn.

die erfahrenen altenpflegerinnen kennen die symptome – der sauerstoff ist in die ecke gestellt, abgestellt. die beine zeigen bereits verfärbungen, die gliedmaßen sind feucht und kalt, der atem geht schnell und flach, das herz sputet sich…unsere mutter sieht aber heute sehr entspannt, sehr friedlich aus, eine glatte stirn, keine anspannungen mehr, weder im nacken noch in den beinen, die sonst immer angezogen wurden. sie schaut uns nicht an, ihre augen sind geschlossen.

sobald die tür zu ihrem zimmer geschlossen ist, hört für uns die zeit auf, zu existieren. wir sind einfach nur da, ganz für sie da. das personal versorgt uns rührend – physisch mit suppe, kaffee, kuchen. psychisch mit ihrer art, von unserer mutter abschied zu nehmen: alle, die sie kennen, kommen herein, vorsichtig, nehmen ihre hände, streicheln ihr gesicht, flüstern liebevolle worte. tränen werden vergossen – es geht auch hier nicht um uns, wird sind nicht wichtig, unsere mutter wird verabschiedet, sie werden sie vermissen. sicher anders als wir es tun – aber die letzten jahre haben sie diese frau jeden tag erlebt, ihre entwicklung beobachtet, sie begleitet in schlimmen, in schönen, in lustigen momenten, von denen jetzt auch immer wieder erzählt wird: wie sie nackt über den flur lief, nachts; wie sie immer weg wollte, für die kinder sorgen, arbeiten. wie sie immer zu allen freundlich war, ihr fröhliches, zutrauliches lächeln, das sie so freigiebig verschenkte.

die stunden fließen dahin; wir schwestern plaudern, erinnern uns, schauen fotos an. wir lästern über verwandte, loben unsere kinder, die eine mal rechts am bett, mal links, die andere mit dem kopf der mutter auf dem schoß im bett sitzend. mit dem arzt ist verabredet, das wir anrufen können, wenn atemnot oder andere schlimme anzeichen auftauchen, sonst wird nichts getan – essen und trinken will sie nicht mehr. ihre atmung verändert sich manchmal, dann wird sie schneller und wir legen abwechselnd unsere hände auf ihren gewölbten brustkorb und können sie wieder beruhigen. ich flitze zwischendurch eine flasche wein und schokolade holen. dann schweigen wir zusammen, wir wissen nicht weiter. kurz nach mitternacht machen wir blödsinn: wir singen, albern, es grenzt ans hysterische…um halb eins dann, nach wir uns beruhigt haben, öffnen wir das fenster, spontan, um luft zu bekommen. in dem moment öffnet mutti ihre augen, sie sind trüb und wir sind sofort bei ihr, legen die hände auf ihre brust, spüren ihr herz, schnell, leicht. wir reden ihr gut zu, ermuntern sie, loszulassen. bis ihr herz dann tatsächlich aufhört zu schlagen nach kurzer zeit. noch ein paar kurze heftige atemzüge, die für uns schlimm sind und erst dann fangen wir an zu schluchzen.

________________

ich habe diesen sehr persönlichen bericht geschrieben, um allen mut zu machen, ihre sterbenden angehörigen zu begleiten. so schwer es auch ist, so sicher haben wir gemerkt, dass es gut war, so wie wir es getan haben. auch die beziehung zwischen uns schwestern ist noch einmal enger geworden. wir wurden von unserer empfindung geleitet und das wurde auch vom personal gut geheißen.

wir wünschen uns, dass es uns später auch mal so leicht gemacht wird, aus dem leben zu gehen.

14 Personen gefällt dieser Artikel.

Stichwörter: ,


nichts bleibt, wie es ist…

Montag, 16. November 2009 von helgajuttapetrauwe

wieder ein schub – ohne vorwarnung kommt er und wir kinder müssen uns neu orientieren, unsere rolle, unsere aufgabe darin neu definieren, finden.

im tagesraum, in dem sich all die anderen dementen damen befinden und in dem es wohnzimmermäßig lebhaft ist, ist sie nicht mehr so oft zu finden. wenn ich komme. dann liegt sie in ihrem bett, meistens schläft sie ruhig und friedlich oder sie schaut einfach so vor sich hin. aber sie strahlt jeden an, der herein kommt und sie freundlich anspricht und sie scheint auch uns, ihre angehörigen zu erkennen. das strahlen ist lustig anzuschauen: sie mag ihre zähne morgens nicht mehr “anziehen” und dementsprechend fällt ihr kiefer nach innen und es sieht wirklich sehr, sehr lustig aus, wenn sie “breit grinst”.

wir planen wieder einmal eine umstellung zusammen mit dem personal: ein neuer rollstuhl soll her, mit lehne, damit sie, wenn sie müde wird, auch im tagesraum ein nickerchen machen kann, ohne dass ihr der kopf schmerzhaft in den nacken fällt. dann kann ich wieder mit ihr ausser haus, spazieren gehen und so wird sie den sozialen kontakt nicht verlieren. gute aussichten, scheint mir.

bis zu dem tag, an dem mein mann + ich in frankfurt sind, nur für zwei tage. am samstagmorgen um halb acht klingelt das handy…kein gutes zeichen.

wir fahren sofort zurück. und wieder ist alles anders: ein sauerstoffschlauch in ihrer nase zeugt von dem geschehen – ihr hausarzt war da, jetzt geht es wieder. aber wir finden nicht wirklich kontakt zu ihr, sie schläft vor allem, wirkt angespannt, die stirn gerunzelt, die nackenmuskulatur hart. sie schaut nicht , lächelt kaum, was wir nicht kennen! geschwister-versammlung am bett, verhalten optimistisch trotzdem. nur zögernd verlassen wir sie, man gewährt einander das alleinsein mit der mutter.

sonntagabend. alle fahren wieder zu ihren arbeitsorten zurück, eine unruhe in sich. es ist nicht mehr der alzheimer, der das auslöst.

4 Personen gefällt dieser Artikel.

Stichwörter:


mit rollstuhl+rennrad-brille

Montag, 28. September 2009 von helgajuttapetrauwe

nachdem ich zu meinem leidwesen feststellen musste, dass meine mutter an frischer luft und sonne immer wieder die augen zukniff, weil sie tränten bis hin zum völligen zukneifen und wir den rückweg antreten mussten – egal ob vom fest auf dem bebelplatz oder vom weg zum supermarkt – ohne, dass sie in den genuss der gesellschaft bzw. ablenkung oder abwechslung vom heim-alltag kam, hab ich ihr heute zum einkaufen kurzerhand meine rennrad-sonnenbrille aufgesetzt: sie ist rot, schützt die augen sowohl vor sonne als auch vor wind und sieht total cool aus…! ging prima, sie konnte auf dem weg dahin schauen und mir dann beim einkaufen “helfen”, indem sie die waren in den auf dem angebrachten therapie-tisch abgestellten einkaufskorb einlegen sollte. am meisten hat sie sich über die wunderbaren roten tomaten gefreut…ein schöner nachmittag, für sie und für mich.

2 Personen gefällt dieser Artikel.


wer tröstet wen?

Dienstag, 5. Mai 2009 von helgajuttapetrauwe

erst war ich etwas beunruhigt, als ich heute wie gewohnt meine mutter im heim besuchte: sie war so traurig und das ist an sich nicht ihre art – sie ist eher der sonnenschein des tagesraums mit ihrem strahlenden lächeln als antwort auf jede ansprache. aber heute war sie eben traurig. man sah es am mund, an den augen; man spürte es. und als ich sie fragte, warum – ihr alzheimer läßt ja eigentlich keine “vernünftige” antwort mehr zu – lächelte sie traurig und streichelte mir zärtlich die wange. SIE MIR! was für eine fantastische übertragung ihres kummers auf mich. und ICH fühlte mich tatsächlich getröstet…

5 Personen gefällt dieser Artikel.

Stichwörter: , ,


ruhe auf rezept

Montag, 9. Februar 2009 von helgajuttapetrauwe

in der letzten ZEIT war ein höchst interessanter artikel zum thema psychopharmaka, der mich sehr nachdenklich gemacht hat. bei den besuchen bei meiner mutter sitz ich ja immer in “fröhlicher runde” mit vielen anderen alten dememten damen. die eine  wirkt dabei sehr ruhig, die andere “normal”, die dritte und vierte unruhig bis wirklich anstrengend und belastend für die sitznachbarin. ich denke, dass viele davon medikamentös behandelt werden, andere nicht.

meine vision eines tagesraumes mit wirklich gut eingestellten bewohnerinnen ähnelt einem tagesraum im kindergarten: genauso anstrengend aber auch genauso erfreulich – und genauso wie dort ist gut ausgebildetes, mit freude arbeitendes personal nötig.

ich hoffe, dass in unserer gesellschaft diese erkenntnisse über die menschen mit alzheimer und demenz noch viel bekannter werden und weitere positive folgen haben.

Stichwörter: , ,


nach dem sturz

Montag, 26. Januar 2009 von helgajuttapetrauwe

scharf durchbricht blauer schmerz die grauen wolken, die um ihr bewußtsein schweben. nein! denkt/ruft? sie, ballt ihre ganze kraft, versucht, sich zu halten. sie reissenkratzenzerren – bis sie nachgibt – aufgibt. ein kleiner weicher laut.

sacht gleiten ihre hände, unsicher, tastend, über die bettdecke. da ist sie, die kante des tuches; die wird geglättet, gefaltet, bei gelegt. das bringt die bläue zum rückzug; aber die kann warten, ist geduldig.
falten, glätten, legen. ein tiefer aber zittriger atemzug füllt ihre lunge, verlässt sie wieder. ihre runden braunen augen, mit kleinen pupillen, leer, saugen sich am gesicht der tochter fest, halten sie fest. die ergreift ihre glättende, faltende hand, warm, beschützend, bald gebettet in das tuch – gefaltet, geglättet, bei gelegt. die tochter lacht leise, es gefällt ihr, eingewickelt zu werden. und wie eine antwort formt sich ein lächeln, ein strahlen fast auf den erschöpften zügen der mutter.

zurück im heim
müdemüdemüde. aber erleichtert. ein erleichtertes weinen. später dann fast alltag: am tisch sitzen mit den ganzen anderen, zuhören, ohne etwas zu hören, lächeln, ohne erwartungen.
auch die tochter ist erleichtert, geht ohne schlechtes gewissen nach hause zum ausruhen. die schwester, eine der anderen töchter kommt ja auch – vier schultern zum tragen.

zu müde zum faltenglättenbeilegen – die augen rollen weg, der kopf kippt, der mund öffnet sich langsam; sie beginnt leise zu schnarchen.
am nächsten tag ein kurzer schock: sie sitzt nicht im tagesraum.
das morphium hilft, aber stört; es verunsichert, stumpft ab. so friedlich liegt sie da in ihrem zimmer, ihrem bett mit dem hohen gitter, klein, dünn, die beine leicht angezogen, gestützt durch ein kissen. vorsichtig schiebt die tochter ihre hand in die der mutter; betrachtet die haut mit ihren braunen flecken, einige erhaben, aufgewölbt, karzinogen? der gedanke wird ungerührt beiseite geschoben. das gitter drückt, die haltung ist unbequem; wird sie wach werden, wenn sie sich jetzt zurückzieht? sie schläft weiter, auch ungerührt, träumend von früher, von zu hause, von ihrer mutter? die bläue ist verdrängt von der stumpfheit des morphiums.

so will es keiner haben; gefragt wird sie nicht. elementare beürfnisse: essentrinkenguckendabeisein. so wollen wir es. (Weiterlesen…)

1 Person gefällt dieser Artikel.

Stichwörter: , ,


« zurück

Unsere Seite bei Facebook