Biografien der Heimbewohner berücksichtigen

Dienstag, 22. November 2011 von Martina Rühl

Die allermeisten Heime geben an, sich bei der Betreuung an der Biografie der Einzelnen zu orientieren. Oft steht dieser Anspruch nur auf dem Papier. Wie es funktionieren kann, verdeutlicht der folgende Artikel.

Ich arbeite in einem speziellen Wohnbereich eines Pflegeheims, in dem bis zu 25 demenzkranke Menschengepflegt und betreut werden. Um das Wohlbefinden des Einzelnen steigern zu können, ist es äußerst wichtig, über biografisches Wissen zu den Bewohnern zu verfügen. Das bedeutet z. B. herauszufinden, was jemand gern gegessen oder getrunken hat, welche Musik er gehört, mit welchen Themen er sich beschäftigt und welchen Beruf er ausgeübt hat.

Die Biografie wird von der Bezugspflegekraft und einer Mitarbeiterin des sozialen Dienstes entweder durch ein Gespräch mit dem Bewohner (so weit das noch möglich ist), den Angehörigen oder einem Betreuer erstellt, in einem Biografiebogen erfasst und dann in die Pflegeplanung eingebunden. Während einer Teamsitzung oder – wenn nötig – bei einer längeren Fallbesprechung werden die Informationen an die Kollegen weitergegeben, so dass alle Pflege- und auch Hauswirtschaftskräfte darüber Bescheid wissen. (Weiterlesen…)

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„Musst Du noch in die Stadt?“

Freitag, 8. April 2011 von Martina Rühl

Erfahrungen mit Stress im Heimalltag

Stress ist erfahrungsgemäß im Umgang mit demenzkranken Menschen ein Faktor, der nicht wünschenswert, aber leider nicht komplett auszuschalten ist. Schließlich sind wir alle nur Menschen.

Im Wohnbereich für Demenzkranke geraten wir Pflegekräfte z.B. bei personeller Unterbesetzung in Stress. Wenn mir die Zeit davon rennt, dann versuche ich natürlich, mich zu beeilen. Demenzkranke lassen sich aber nicht gerne hetzen und reagieren darauf auf unterschiedliche Weise. Eine Bewohnerin fragte mich, als ich es tatsächlich eiliger hatte als sonst:“ Mein Gott, was ist denn nur mit dir los? Musst du noch in die Stadt?“

© *Sindy* - Fotolia.com

Andere, die ihr Unbehagen nicht mehr verbal ausdrücken können, werden unruhig oder reagieren abwehrend. Was aus Zeitmangel schneller erledigt werden soll, dauert somit wesentlich länger und führt nicht zu dem gewünschten Ergebnis. Mein eigener Stress überträgt sich schnell auf die Demenzkranken, die für Stimmungen ihrer Mitmenschen sehr empfänglich sind. Ich versuche deshalb, wenn ich in ein Bewohnerzimmer gehe, Ruhe auszustrahlen und mich nur auf den Menschen darin und seine individuellen Bedürfnisse zu konzentrieren. Schaffe ich das mal nicht, bitte ich eine Kollegin, einen besonders empfindlichen Bewohner zu versorgen. (Weiterlesen…)

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Die Sprache verstehen

Montag, 3. Januar 2011 von Martina Rühl

Ich arbeite seit fünf Jahren in einem Wohnbereich für demenzkranke Menschen und bin immer noch davon fasziniert, was für Wörter ihnen einfallen und wie geschickt sie gewisse Dinge umschreiben können.

Wir müssen nur lernen, zwischen den Zeilen zu lesen!

Frau Schäfer saß im Rollstuhl und konnte wegen massiver Gleichgewichtsstörungen nur in Begleitung laufen. Da sie selbst nicht mehr in der Lage war, die Gefahr eines Sturzes einzuschätzen, wurde sie zu ihrem eigenen Schutz mit einem Bauchgurt im Rollstuhl fixiert.

Das empfand sie verständlicherweise oft als störend.

Eines Nachmittags hatte sie schon eine Weile vergeblich versucht, den Gurt zu öffnen und suchte nun Hilfe bei ihren Mitbewohnern.

Sie rief im Kommandoton: „Wer macht denn hier die Kohlen los? Wer leitet denn hier die Kompanie? Durchschneiden! Sofort! Haben Sie schon die Bremse los?“

Wenn man weiß, was Frau Schäfer beabsichtigte, klangen ihre Befehle durchaus logisch, oder?

Frau Pretorius fuhr, als sie nicht mehr selbständig laufen konnte, unermüdlich mit dem Rollstuhl über die Flure des Wohnbereichs. Als sie mich aus einem Zimmer kommen sah, winkte sie mich zu sich heran.

Sie fragte: „Wissen Sie eigentlich, wie ich mich morgens fühle?“ (Weiterlesen…)

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Bunt und unkelunk

Mittwoch, 24. November 2010 von Martina Rühl

In der Kommunikation mit Demenzkranken sind neben dem Einfühlungsvermögen Humor und ein ehrliches Lächeln dankbare Begleiter.

Frau Wieland lag im Bett, ich faltete die Hände, um mit ihr zu beten. Sie machte es ebenso und begann: „Vater im Himmel, gereinigt werde dein Haus! Amen!“

Stolz lächelnd fragte sie mich, ob es so richtig sei. Ich konnte nicht anders, als sie in den Arm zu nehmen und ihr zu versichern, dass dieses Gebet einfach wunderbar war.

Im fortgeschrittenen Stadium der Demenz kommt es häufig vor, dass die Betroffenen unermüdlich vor sich hin reden. Manche wiederholen sich ständig, bei anderen kann man nur einzelne Wörter verstehen. Der Tonfall kann von gleichmäßig ruhig über bestimmt bis hin zu wütend und laut variieren. Manchmal hört es sich an, als würde jemand telefonieren, einen Vortrag halten oder ein Gedicht aufsagen. Auch tauchen oft einzelne Begriffe aus dem Berufsleben auf. Ist die Biografie des Betroffenen bekannt, kann man oft über diese berufliche Schiene an ihn heran kommen. (Weiterlesen…)

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Neumoderner Kram

Sonntag, 5. September 2010 von Martina Rühl

Frau V., 92 Jahre, nach einem Schlaganfall halbseitig gelähmt und dement, wurde von einer Kollegin und mir im Bett gewaschen. Dabei schaute sie meiner Kollegin in den Ärmel und fragte ganz entsetzt:
„Was ist das denn? Sag mal, hast du gar keine Haare unter’m Arm? Hast du die etwa abrasiert oder was?“
„Ja, die hab ich abrasiert, dann riecht man nicht so schnell nach Schweiß, das ist viel angenehmer!“
Ich mischte mich ein: „Und wissen Sie was? Die Frauen heutzutage rasieren sich nicht nur die Haare unter den Armen, sondern auch an den Beinen!“
Frau V. ganz erstaunt:“ Sach bloß! Was ist das denn für ein neumoderner Kram, da muss ich doch wohl nicht auch noch mit anfangen, oder?
„Nein, keine Angst, man muss ja nicht jede Mode mit machen!“
„Na Gott sei Dank! Nee, also so ein Theater fange ich nicht mehr an, die Beine rasieren, wo sind wir denn? Außerdem wird mir das viel zu teuer, da müsste ich mir ja noch extra einen Rasierapparat kaufen. Das sehe ich nicht ein!“
Da soll noch mal einer sagen, bei der Pflege könnte man keinen Spaß haben?

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Sommerfest

Freitag, 3. September 2010 von Martina Rühl

Wie jedes Jahr feierten wir in unserer Einrichtung ein Sommerfest. Es gab Würstchen vom Grill, kühle Getränke, Eis und was das wichtigste war, es gab Musik aus der guten, alten Zeit.
Einer unserer Bewohner, der körperlich noch recht fit ist, tanzte mit verschiedenen Damen und hatte sichtlich Freude daran.
Nachdem das Fest beendet war und alle Bewohner für die Nacht versorgt wurden, kam er, schon im Schlafanzug, auf den Flur des Wohnbereichs und summte die Melodie von: Du, du liegst mir im Herzen…, vor sich hin. Als eine Kollegin aus einem der Zimmer kam, schnappte er sie und tanzte mit ihr im Walzertakt über den Flur. Als ihm die nächste Kollegin über den Weg lief,   wechselte er zu ihr und tanzte weiter im Schlafanzug über den Flur. Von dem Gelächter angelockt, kamen nun alle Mitarbeiterinnen, die noch im Wohnbereich waren, auf den Flur und der alte Herr gab nicht eher Ruhe, bis er mit jeder einzelnen getanzt hatte.

Ob im Anzug oder im Schlafanzug, was macht das für einen Unterschied, wenn man so viel Spaß bei der Sache hat?

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Musik macht müde

Donnerstag, 26. August 2010 von Martina Rühl

Frau K. bekam eines Morgens von mir das Frühstück im Bett angereicht. Dabei hörten wir eine CD mit Walzerklängen. Sie liebte diese Musik und hatte früher selbst Klavier gespielt.
Mehrmals schwärmte sie mit einem zufriedenen Grinsen:
„Ist das herrliche Musik, einfach herrlich!“
Ich sagte zu ihr: „Hier ist der Becher Kaffee, nehmen Sie ihn mal bitte in die Hand und trinken Sie etwas!“
Sie hob den rechten Arm, ließ ihn wieder fallen und sagte lachend:
„Ich glaube, der Arm ist eingeschlafen, wahrscheinlich hat ihm die Musik auch so gut gefallen wie uns beiden!“

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Tach, Herr Doktor

Montag, 29. März 2010 von Martina Rühl

Frau H. läuft den ganzen Tag im Wohnbereich herum. Eines Nachmittags betrat sie das Zimmer von Herrn V., erkrankt an Alzheimer im Endstadium. Er saß an seinem kleinen Tisch, als sie herein kam, sie setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl und fing an zu reden:

“Tach Herr Doktor, also das ist so, ich brauche eine Tablette, aber eine leichte, Herr Doktor, verstehen Sie? Starke Tabletten hab ich nämlich schon genug und deshalb dachte ich, Sie verschreiben mir eine leichte, wohlgemerkt nur eine leichte Tablette, nech, Herr Doktor, und ich komme dann morgen früh vorbei und bringe Ihnen das Geld. Was sagen Sie dazu?”

Der “Herr Doktor” saß nur schweigend und etwas müde da und sagte gar nichts dazu. Das störte Frau H. aber keineswegs. Sie verabschiedete sich mit den Worten: “Also abgemacht, Herr Doktor, ich komme dann morgen früh und bringe Ihnen das Geld. Auf Wiedersehen!” 

Frau H. stand auf und verließ zufrieden das Zimmer.

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Schulpflichtig oder nicht?

Montag, 29. März 2010 von Martina Rühl

Frau F., eine 88-jährige Bewohnerin, befand sich einige Monate lang in einer Phase, in der sie ständig meinte, zur Schule gehen zu müssen. Das konnte ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit einfallen. Sie zog sich dann komplett an, vergaß auch Schal und Mantel nicht und schaffte es sogar, sich ganz akkurat die Schnürsenkel zu binden. Glücklicherweise begenete sie meistens jemandem von uns, noch bevor sie das Haus verließ.

Wo immer wir sie auch trafen, mußten wir uns etwas einfallen lassen, um sie zum Bleiben zu überreden. Da sie ja der festen Überzeugung war, erst 14 Jahre alt zu sein und dringend zur Schule gehen zu müssen, hätte es wenig Sinn gehabt, sie auf ihr fortgeschrittenes Alter aufmerksam zu machen und darauf zu hoffen, dass ihr einfiele, dass es mit der Schulpflicht schon etwas länger her war.  Im Gegenteil, sie hätte sich unverstanden gefühlt und sich erst recht auf den Weg gemacht.

Also hieß es: Heute ist gar keine Schule, es ist Sonntag; es sind gerade Schulferien; es ist glatt auf den Straßen, deshalb fällt die Schule aus, bis hin zum Ausflug der Lehrer, die sich auf einem Weihnachtsmarkt vergnügen wollten.

Bereitwillig gab sie sich jedesmal mit den Antworten zufrieden und sagte erleichtert: “Gott sei Dank, dann kann ich ja ganz in Ruhe einen Kaffee trinken und muß mich nicht so beeilen. Ich hatte schon Angst, dass ich zu spät komme.”

Nachdem wir sämtliche Ausreden mehrfach benutzt hatten und sie wieder einmal zum Bleiben überreden wollten, sagte sie ganz erstaunt: “Mein Gott, ich hab aber auch ein Glück in letzter Zeit! Immer, wenn ich verschlafe, ist es entweder am Wochenende oder in den Schulferien!”

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Danke für alles

Freitag, 26. März 2010 von Martina Rühl

So schwer und anstrengend die Arbeit mit demenzkranken Bewohneren auch manchmal ist, so gibt es doch tagtäglich Momente, die jegliche Anstrengung vergessen lassen. Das folgende Beispiel beschreibt so einen Moment:

Frau E. hatte sich gegen Abend bis in den Rücken eingenäßt, wurde von mir gebadet und sagte, als sie frisch duftend im Bett lag: “Martina, ich danke dir ganz herzlich für die liebevolle Arbeit an meinem Körper!”

An einem anderen Abend unterstützte ich sie beim Umziehen, waschen und Zähne putzen. Als ich ihr eine gute Nacht wünschte, sagte sie: “Danke Martina, für deine liebevolle HIlfe und danke für alles, was du heute für uns alle getan hast. Ach, weißt du was? Ganz einfach danke, dass du da bist und dass du so bist, wie du bist!”

Das sind die Augenblicke, die schmerzende Füße und Müdigkeit dahin schwinden und mich wieder wissen lassen, warum ich gerade diese Arbeit mit Herzblut ausübe.

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