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Alzheimer-Logik

Dienstag, 19. Januar 2010 von Wilfried Georgi

Dieser Tage fand ich beim Aufräumen einen Merkzettel, den meine Frau zu Beginn ihrer Krankheit noch in ihrer akkuraten Schrift notiert hatte.
Waltraud wusste wohl schon nicht mehr wie man die 2 schreibt und musste sich anders behelfen.

Sie schrieb:
Fra 8.11.62.
Friedchen 11.11.
Waltraud 11.11.
Wilfried 15.11.

Die richtigen Geburtstage sehen so aus:
Fra 8.2.61
Friedchen 11.2.
Waltraud 11.2.
Wilfried 15.2.

Zweimal die Eins geschrieben war in ihrer Welt eine Zwei!

Es hat mich tief berührt!

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Wie überzeuge ich den Betroffenen vom erforderlichen Facharztbesuch?

Sonntag, 11. Januar 2009 von Wilfried Georgi

Als ich im Spätherbst 1999 die Defizite in Gedächtnis und logischem Denken meiner Frau endlich als krankhaft einstufen konnte stand die Frage: “Wie bekomme ich sie zum Neurologen”. - Es wird bei jedem Betroffenen anders ein, aber meist muss man erfinderisch sein und einen Trick anwenden.

Nach einer Magen-Total-OP muss monatlich ein Depot an Vitamin B12 intra muskulaer gegeben werden um das ZNS vor dem Verfall zu bewahren.

“Ich kann doch noch alles selbst, ich bin doch nicht verrückt.”

Auf meinen Vorschlag verkaufte die Hausärztin das meiner Frau unter dem Hinweis, dass nach 12 Jahren endlich mal geprüft werden müsse, ob die DOSIS dieser Gabe richtig sei. - “Das kann natürlich nur ein Neurologe” - und schon war meine Frau zu diesem Besuch bereit. 5 Fragen, die sie alle falsch beantwortete ergaben erst mal die Diagnose Demenz. Nach weiteren 12 Monaten konnte diese durch einen stationären Klinikaufenthalt in Morbus Alzheimer präzisiert werden und eine spezielle medikamentöse Dauerbehandlung schloss sich segensreich an.

Bei fast jedem Betroffenen ist ein Argument zu erfinden was von ihm auch akzeptiert wird. Das ist eigentlich schön am Begleiten, sehen wir es positiv: Immer neue Voraussetzungen und Ideen, die uns selbst geistig beweglich und frisch halten, uns Begleiter selbst vor Demenz bewahren oder den Verlauf dehnen.

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Dämmerlicht

Mittwoch, 19. November 2008 von Wilfried Georgi

Hallo Wilfried,

wie telefonisch versprochen, schicke ich Dir im Anhang einige von mir geschriebene Zeilen zum Thema Demenz. Entstanden sind sie, während ich meinen Vater beobachtet habe, wenn er geistesabwesend vor sich hinsinnt. Dabei mache ich mir oft Gedanken, was so in seinem Kopf vor sich geht.
Manchmal stelle ich mir das so wie unten geschildert vor.

Viele Grüße auch von meinem Mann,
die Neumänner

Dämmerlicht

Ich sitze im Dämmerlicht. Die Beine hochgelegt, den Rücken bequem –warm –gemütlich in die Kissen gelehnt. Langsam wird es um mich herum dunkel.
Jemand kommt – fasst sanft meine Hand: „Gut so? Alles klar?“ „Alles klar?“ – Ich nicke. Danach eine andere Hand, klein, klebrig. Als ich später an meinen Fingern lecke, schmecken sie nach Schokolade. „Alles klar, Opa?“ Alles klar? – Nichts ist klar! Wer war das eben? Was tue ich hier? Wo bin ich?

Ich! – Wer bin ich; und wozu bin ich noch da, wenn ich das alles nicht mehr weiß? Alles klar. Ich bin ich! Wo, warum, wann – egal. Jetzt ist alles gut! Ich bin ich; hier und heute.

Wer bin ich, wo bin ich, welcher Tag ist heute? Früher war alles gut; alles klar. Ich war jung, verheiratet, hatte Kinder, Freunde, Kollegen; war angesehen, geschätzt, wurde überall gebraucht, zu Hause und im Betrieb. Selbst die Jungen kamen und fragten um Rat … .
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Darf ich für dich denken?

Donnerstag, 30. Oktober 2008 von Wilfried Georgi

In der Küche arbeitend höre ich meine Waltraud im Wohnzimmer herzzerreißend weinen und schluchzen. Ich lasse die Arbeit ruhen, gehe zu ihr und frage: “Was hast du mein Schatz?”. Nach ein paar Atemzügen mit weinerlicher Stimme: “Ich weiß nicht wer ich bin - wer bist du? - wo sind wir hier? -  nach einer größeren Pause, in der ich ratlos daneben stehe die schrecklich Feststellung: “Ich kann gar nicht mehr richtig denken!”. -

Da kniee ich vor ihr, meinen Kopf in ihrem Schoß und weine bitterlich - solch schreckliche Feststellung!

“Du kannst nicht den Schwächling machen” schießt es mir durch den Kopf und schon sitze ich neben ihr, halte sie ganz fest, ziehe sie noch enger, ganz eng an mich und frage sie: “Kannst nicht mehr richtig denken?” - “Nein” kommt es mit weinerlicher Stimme von ihr zurück.

Da muss eine Hilfe her! - Ich: “Darf ICH dann für dich denken?” - “Ach bist du ein guter Mann, du bist der beste Mann der Welt!” kommt ihre Antwort mit großer Freude, unterstrichen wieder mit Tränen.

“Das stimmt, aber du brauchst einen guten Mann, du bist nämlich die beste Frau der Welt” - und schon liegen wir uns in den Armen und besiegeln diese schreckliche und doch wunderbare Zweisamkeit mit unendlich vielen Küssen und weinen vor Glück um die Wette.

Noch heute bin ich tief betroffen und lasse den Tränen feien Lauf. Welch wunderbare Erkenntnis! Ein guter Mann und die beste Frau der Welt! Ich musste nun nicht nur, ich konnte auch für sie denken, mich in sie hineinversetzen, ihre Gefühle selbst spüren - wir waren nach 48 Jahren völlig EINS geworden. Nach weiteren 4,5 Jahren, 2,5 Jahre nach der Goldenen Hochzeit, bei deren Fotos nur der geschulte Blick eine Alzheimerdemenz erkennt, durfte sie nach nur 2 Stunden Bettlägerigkeit im häuslichen Frieden ans andere Ufer wandern.

“Herr wie sind doch deine Werke so groß!” war mein erstes Dankgebet -ER hatte uns vor den gefürchteten schwierigsten Phasen dieser Scheißkrankheit bewahrt, von einer 7,5 Jahre langen Abschiedsreise erlöst, uns beide.

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Wir fahren immer noch Tandem!

Mittwoch, 10. September 2008 von Wilfried Georgi

Bei meiner Frau Waltraud (Jahrgang 1929) wurde im Februar 2000 eine Demenz diagnostiziert. Um mehr für unsere Gesundheit zu tun, kauften wir uns neue Fahrräder. Bei der ersten Fahrt lag meine Waltraud schon nach 100 Metern unter dem Fahrrad und stieg dann nie wieder auf. Wie sollte sie auch - ohne Rücktrittbremse und mit 21 Gängen!

Da musste eine andere Lösung her. Sie kam schon im Mai 2000 durch einen Zufall. Auf einer Urlaubsreise las ich während eines Spaziergangs das Schild: „Tandemverleih”. Das müsste doch gehen -schoss es mir durch den Kopf. Waltraud war mit einem Versuch einverstanden. Aufsteigen und losfahren: das ging dank guter Gangschaltung ganz wunderbar, trotz ordentlicher Steigung, und es machte Waltraud große Freude. (Weiterlesen…)

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