Donnerstag, 30. Oktober 2008 von Wilfried Georgi
In der Küche arbeitend höre ich meine Waltraud im Wohnzimmer herzzerreißend weinen und schluchzen. Ich lasse die Arbeit ruhen, gehe zu ihr und frage: “Was hast du mein Schatz?”. Nach ein paar Atemzügen mit weinerlicher Stimme: “Ich weiß nicht wer ich bin - wer bist du? - wo sind wir hier? - nach einer größeren Pause, in der ich ratlos daneben stehe die schrecklich Feststellung: “Ich kann gar nicht mehr richtig denken!”. -
Da kniee ich vor ihr, meinen Kopf in ihrem Schoß und weine bitterlich - solch schreckliche Feststellung!
“Du kannst nicht den Schwächling machen” schießt es mir durch den Kopf und schon sitze ich neben ihr, halte sie ganz fest, ziehe sie noch enger, ganz eng an mich und frage sie: “Kannst nicht mehr richtig denken?” - “Nein” kommt es mit weinerlicher Stimme von ihr zurück.
Da muss eine Hilfe her! - Ich: “Darf ICH dann für dich denken?” - “Ach bist du ein guter Mann, du bist der beste Mann der Welt!” kommt ihre Antwort mit großer Freude, unterstrichen wieder mit Tränen.
“Das stimmt, aber du brauchst einen guten Mann, du bist nämlich die beste Frau der Welt” - und schon liegen wir uns in den Armen und besiegeln diese schreckliche und doch wunderbare Zweisamkeit mit unendlich vielen Küssen und weinen vor Glück um die Wette.
Noch heute bin ich tief betroffen und lasse den Tränen feien Lauf. Welch wunderbare Erkenntnis! Ein guter Mann und die beste Frau der Welt! Ich musste nun nicht nur, ich konnte auch für sie denken, mich in sie hineinversetzen, ihre Gefühle selbst spüren - wir waren nach 48 Jahren völlig EINS geworden. Nach weiteren 4,5 Jahren, 2,5 Jahre nach der Goldenen Hochzeit, bei deren Fotos nur der geschulte Blick eine Alzheimerdemenz erkennt, durfte sie nach nur 2 Stunden Bettlägerigkeit im häuslichen Frieden ans andere Ufer wandern.
“Herr wie sind doch deine Werke so groß!” war mein erstes Dankgebet -ER hatte uns vor den gefürchteten schwierigsten Phasen dieser Scheißkrankheit bewahrt, von einer 7,5 Jahre langen Abschiedsreise erlöst, uns beide.
Stichwörter: Ich weiß nicht wer ich bin