geschafft…

Montag, 23. November 2009 von helgajuttapetrauwe

mittwoch früh, wieder gegen halb acht. vermutlich der letzte, der entscheidende anruf aus dem altersheim: bitte kommen sie, ihre mutter liegt im sterben.

um neun bin ich bei ihr, habe an der arbeit schnell alles geregelt, meine kollegen informiert, die mich bestärkt haben, hier alles stehen und liegen zu lassen. meine schwester kommt um zehn.

die erfahrenen altenpflegerinnen kennen die symptome – der sauerstoff ist in die ecke gestellt, abgestellt. die beine zeigen bereits verfärbungen, die gliedmaßen sind feucht und kalt, der atem geht schnell und flach, das herz sputet sich…unsere mutter sieht aber heute sehr entspannt, sehr friedlich aus, eine glatte stirn, keine anspannungen mehr, weder im nacken noch in den beinen, die sonst immer angezogen wurden. sie schaut uns nicht an, ihre augen sind geschlossen.

sobald die tür zu ihrem zimmer geschlossen ist, hört für uns die zeit auf, zu existieren. wir sind einfach nur da, ganz für sie da. das personal versorgt uns rührend – physisch mit suppe, kaffee, kuchen. psychisch mit ihrer art, von unserer mutter abschied zu nehmen: alle, die sie kennen, kommen herein, vorsichtig, nehmen ihre hände, streicheln ihr gesicht, flüstern liebevolle worte. tränen werden vergossen – es geht auch hier nicht um uns, wird sind nicht wichtig, unsere mutter wird verabschiedet, sie werden sie vermissen. sicher anders als wir es tun – aber die letzten jahre haben sie diese frau jeden tag erlebt, ihre entwicklung beobachtet, sie begleitet in schlimmen, in schönen, in lustigen momenten, von denen jetzt auch immer wieder erzählt wird: wie sie nackt über den flur lief, nachts; wie sie immer weg wollte, für die kinder sorgen, arbeiten. wie sie immer zu allen freundlich war, ihr fröhliches, zutrauliches lächeln, das sie so freigiebig verschenkte.

die stunden fließen dahin; wir schwestern plaudern, erinnern uns, schauen fotos an. wir lästern über verwandte, loben unsere kinder, die eine mal rechts am bett, mal links, die andere mit dem kopf der mutter auf dem schoß im bett sitzend. mit dem arzt ist verabredet, das wir anrufen können, wenn atemnot oder andere schlimme anzeichen auftauchen, sonst wird nichts getan – essen und trinken will sie nicht mehr. ihre atmung verändert sich manchmal, dann wird sie schneller und wir legen abwechselnd unsere hände auf ihren gewölbten brustkorb und können sie wieder beruhigen. ich flitze zwischendurch eine flasche wein und schokolade holen. dann schweigen wir zusammen, wir wissen nicht weiter. kurz nach mitternacht machen wir blödsinn: wir singen, albern, es grenzt ans hysterische…um halb eins dann, nach wir uns beruhigt haben, öffnen wir das fenster, spontan, um luft zu bekommen. in dem moment öffnet mutti ihre augen, sie sind trüb und wir sind sofort bei ihr, legen die hände auf ihre brust, spüren ihr herz, schnell, leicht. wir reden ihr gut zu, ermuntern sie, loszulassen. bis ihr herz dann tatsächlich aufhört zu schlagen nach kurzer zeit. noch ein paar kurze heftige atemzüge, die für uns schlimm sind und erst dann fangen wir an zu schluchzen.

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ich habe diesen sehr persönlichen bericht geschrieben, um allen mut zu machen, ihre sterbenden angehörigen zu begleiten. so schwer es auch ist, so sicher haben wir gemerkt, dass es gut war, so wie wir es getan haben. auch die beziehung zwischen uns schwestern ist noch einmal enger geworden. wir wurden von unserer empfindung geleitet und das wurde auch vom personal gut geheißen.

wir wünschen uns, dass es uns später auch mal so leicht gemacht wird, aus dem leben zu gehen.

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