In Verbindung bleiben bis zuletzt
Alles wirkliche Leben ist Begegnung.
Der Mensch wird am „Du“ zum „Ich“
M. Buber
Bei fortgeschrittener Erkrankung können Demenzkranke ihre Wünsche und Bedürfnisse nicht mehr verständlich machen. Zudem können sie über die Sprache nicht mehr Anteil nehmen an dem, was um sie herum geschieht. Sie leben in ihrer eigenen Welt und bleiben doch Teil der Welt, die sie umgibt. Auch wenn die Fähigkeit zum Austausch von Erfahrungen, Erinnerungen, Informationen nicht mehr gegeben ist, so sind Menschen mit Demenz oft sehr empfindsam für das, was in ihnen und um sie herum vorgeht. Am „Du“, in der Begegnung erfahren sie Wertschätzung oder Missachtung, drücken sie sich selber aus oder werden nicht gehört. Selbst im weit fortgeschrittenen Stadium der Demenz wird sich z. B. Frau Adam verkrampfen und schreien, wenn sie unsanft angefasst und ohne Vorwarnung gelagert wird – denn sie war ihr Leben lang schreckhaft. Die Augen von Herrn Vogel aber werden leuchten, wenn sein Enkel kommt, ihm eine Kastanie in die Hand drückt und ihn streichelt. Gestik, Mimik und Laute sind zum Hauptkommunikationsmittel geworden. Dies erfordert von den Begleitern Zeit hinzuschauen und aufmerksam die Zeichen wahrzunehmen und nach deren Bedeutung zu forschen.
Worauf ist bei der Begleitung in der letzten Lebensphase besonders zu achten?
Demenzkranke im letzten Stadium sind Außenreizen oft schutzlos ausgeliefert und können Stimmengewirr oder laute Geräusche nicht mehr zuordnen. Dies kann Angst und Unsicherheit auslösen. Eine ruhige, sanfte Stimme hingegen gibt Sicherheit.
Daher achten Sie auf eine (möglichst) stressarme, aber stimulierende Umgebung.
Je mehr das rationale Denken nachlässt, desto bedeutungsvoller wird die Wahrnehmung über die Sinne. Die Angebote sollten individuell angepasst sein, denn die Vorlieben für Düfte, Musik, Berührung, Farben sind unterschiedlich. Bieten Sie Anregungen über
- das Sehen: z.B. ein Tuch oder ein buntes Mobile, das sich langsam über dem Bett bewegt, ins Freie schauen können oder nicht geblendet werden von zu viel Helligkeit
- das Hören: z.B. durch Musik, sanfte Stimmen, Angesprochen werden, bekannte Geräusche
- das Schmecken: z.B. durch unterschiedliche Geschmacksvarianten und Konsistenzen der Nahrungsmittel
- das Riechen: z.B. durch wohlriechende Öle, frischer Kaffeeduft, der Geruch von Kuchen im Ofen, frische, kühle Luft, Weihrauch, Fliederduft
- den Tastsinn und Körperempfindung: z.B. durch sanfte Berührung, das Bewusstmachen der Körpergrenzen durch Abreibungen und sanften Druck, warme Kissen, durch unterschiedliche Gegenstände zum Anfassen
Wenn Menschen die Sprache verlieren, werden auch wir häufig stumm in ihrer Gegenwart. Wir sind in Gefahr, über sie hinweg zu reden, als wären sie nicht da oder wir vermeiden den Kontakt. Damit lassen wir sie allein. Jedoch: Menschen mit Demenz in der letzten Lebensphase brauchen uns, brauchen, dass wir sie ansprechen, brauchen unsere Gegenwart. Manchmal ist es wichtiger, einen Moment da zu bleiben – ohne etwas zu tun, selbst zur Ruhe zu kommen. Da uns dies nicht leicht fällt, sollten wir es uns jeden Tag einmal vornehmen.
Helga Schneider-Schelte, Berlin





