Besuch im Altenheim

Donnerstag, 23. September 2010 von Brunhilde Becker

„Die Erinnerung ist das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können“. Bei Frau Ares löst dieser Spruch von Jean Paul nur ein ratloses Schulterzucken aus. Sie lächelt verlegen. Die blauen Augen können noch strahlen, aber der zahnlose Mund läßt ihr hübsches Gesicht vergreist aussehen. Kürzlich hatte sie einige Wochen lang die Nahrung verweigert und nun passt das Gebiss nicht mehr. Wie sie so in ihrem Rollstuhl sitzt, hinfällig und schwach, erscheint es unvollstellbar, dass sie noch vor zehn Jahren in Asien gereist sein soll. Spricht man sie jedoch auf Ladakh an, wird sie ganz lebhaft. Aber die Sätze wollen ihr nicht mehr so recht über die Lippen. Sie kennt Asien, Afrika, Südamerika, Irland, Skandinavien… „Ich war überall“, konnte sie sich noch vor einem halben Jahr mitteilen – wenn man ihr die Gelegenheit dazu gab. Frau Ares Jahrgang 1919 war bereits im Krieg als Funkerin weit herumgekommen; das hatte ihre Sehnsucht nach fernen Ländern geweckt. Die ehemalige Motorradfahrerin, eine intelligente und sicher ungewöhnlich emanzipierte Frau ihrer Generation leidet an Demenz. Ob sie aus ihrem bewegten Leben noch Bilder im Gedächtnis bewahren konnte, ist schwer zu sagen. Ihr Blick sucht meistens das Weite. Doch sie verlässt kaum noch ihren Platz an diesem Tisch, von dem sie aus dem Fenster schaut. Ein Vogel an der Dachrinne, eine vorüber ziehende Wolke am Himmel, die Silhouette vom Schornstein auf dem gegenüberliegenden Dach, das muss heute reichen für den verbliebenen Rest von Interesse, Begeisterung und Abenteuerlust.

Neben Frau Ares sitzt Frau Noll, ihr Kopf hängt meistens schlafend über den verschränkten Armen auf der Brust. Wer hier nicht allein ins Bett findet, lernt in jeder Position zu schlafen, denn ins Bett kommt man erst, wenn man an der Reihe ist. (Weiterlesen…)

21 Personen gefällt dieser Artikel.

Stichwörter: ,



Unsere Seite bei Facebook