Rückenschule
Seit Pfingsten kann meine Mutter den rechten Fuß nicht belasten, knickt sofort ein. Damit sind wir zur Fortbewegung vollständig auf den Rollstuhl angewiesen.
Ich möchte trotzdem, dass sie diesen so wenig wie möglich nutzt und weiterhin auf dem Lieblingsplatz auf dem Sofa und in der Küche auf dem normalen Stuhl sitzt.
Das heisst, ich hebe sie nun mehrmals hoch zum Umsetzen. Toilettengänge sind nur mit einem Ausflug in den ersten Stock möglich, wir haben auf aufnahmefähigere Windeln umgestellt, denn den Sinn des Toilettenstuhls erkennt Mutter noch nicht.
In den ersten Tagen habe ich Arbeitskollegen und Bekannten von der Neuerung berichtet, wenn sie fragten, wie es Mutter geht. Unweigerlich kam der Kommentar „da musst du aber auf deinen Rücken aufpassen, am besten du holst dir einen Pflegdienst“.
Damit wäre ich zeitlich und örtlich gebunden, abgesehen vom wechselnden Personal dieses Pflegedienstes, das für Mutter nur zu noch mehr Verwirrung führen würde zusätzlich zum Aufstehen/Umsetzen/Windelwechsel-Stress, wonach sie jetzt schon erschöpft ist.
Es gibt so viele Berufe in denen schwer gehoben und getragen wird – und bitte schön: hat der Pflegedienst keinen „Rücken“ den er/sie schonen sollte? Herr S und Frau W heben tagtäglich viele Patienten hin und her, gehen in Badezimmern ein und aus – und ich soll nicht in der Lage sein, das mit einem einzigen Menschen, meiner Mutter, zu können? Immerhin ist das nächtliche Umlagern doch auch seit fast zwei Jahren kein Thema mehr.
Inzwischen kenne ich schon einige Tricks und Techniken, es geht ganz gut. Auch ins Auto kann ich Mutter setzen – unsere Freiheit ist uns wiedergegeben.
Und ich widerspreche jetzt ganz frech, wenn der gutgemeinte Rat, auf meinen Rücken zu achten ertönt.

