Mittwoch, 2. März 2011 von Heidi
Die fünfte Jahreszeit gibt uns Freiräume von denen wir den Rest des Jahres über nur träumen können. Im närrischen Kostüm halten wir Anderen den Spiegel vor und alle lachen darüber. Herzhaft, keiner ist beleidigt, egal wie er angegriffen wird. Denn im Fasching heben sich Gesetze auf, öffnen ein Fenster um legal stundenweise in eine andere Persönlichkeit zu schlüpfen. Je verrückter und ausgelassener, verfremdeter, umso mehr Beifall erhalten wir.
Ein Demenzkranker ist 364 Tage lang authentisch und verhält sich, seinen augenblicklichen Gefühlen entsprechend, für den pflegenden Angehörigen nicht immer wünschenswert. Rennt Mutter im Winter im Nachthemd durch den Garten, ist Vater im vollen Kriegselement, plappert Opa Unsinn oder schimpft Oma uns alle Diebe, gibt es keinen Beifall. Würde ich im normalen Arbeitstag im Nachthemd ins Büro gehen, wäre mein Chef kaum damit einverstanden.
Das andere Ich herauslassen ist im Karneval schon fast Pflicht, im Alltag für den Demenzkranken out. Dabei drängt ihn die Krankheit unablässig in seine eigenen verschiedenen Persönlichkeiten. In das was er gerade ist. Erinnerungen machen ihn von einem Augenblick zum anderen, vom Erwachsenen zum Kind, zum Soldaten oder zur fürsorglichen Mutter und zur pflichtbewussten Ehefrau eines längst verstorbenen Gatten. Wir Angehörigen sprechen ihn dann aus einem Zeitfenster an, das gerade nicht seine eigene Wirklichkeit ist. (Weiterlesen
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Stichwörter: Alltags-Routinen, Ausnahmesituationen
Dienstag, 5. Mai 2009 von Heidi
Jeden Morgen beim Waschen bringe ich stimulierende Elemente mit ein, versuche, Mutter einzubeziehen. Dazu gehört auch, ein Lied zu singen, damit die Sache zum angenehmen Erlebnis statt lästiger Pflicht für uns beide wird. Meistens summt sie nur mit oder lächelt still vor sich hin.
Heute war das Lied dran „Wasser ist zum Waschen da, Fallerie und Fallera. Auch zum Zähneputzen kann man es benutzen….“ Also : mit dem Waschlappen Körperteile rubbeln und singen. Dabei war ich innerlich ganz woanders und überlegte gerade mal wieder, wie sehr Mutter im Laufe der Zeit zu meinem Hauptberuf geworden ist. Diese Gedanken übertrugen sich unbewusst auf mein Lied. Statt „Wasser ist …“ erklang „Mütter sind zum Waschen da, Fallerie und Fallera, auch zum Zähneputzen kann man sie benutzen“. Eigentlich gemein, aber das merkt sie ja eh nicht.
Einen Moment später schüttelte sich meine Mutter und lachte so laut und herzlich auf und strahlte, dass ich mich richtig erschrak. Wann hatte ich sie je so amüsiert gesehen? Was war passiert? Wie ein Blitz wurde mir klar, was ich da gesungen habe. Und dass sie sehr wohl erkannt hat, was ich damit gemeint habe. Ebenso, dass sie genau weiß, sie kann sich alleine nicht mehr waschen, ihre Tochter macht das jetzt. Also musste auch ich lachen, wir amüsierten uns beide noch eine Weile köstlich darüber.
Dieses Erlebnis zeigt mir ganz deutlich, dass Demenzkranke definitiv mitbekommen, was um sie herum und mit ihnen geschieht. Sie verstehen (fühlen), durchaus was wir über sie sagen, erkennen die Tragweite unserer Entscheidungen für und über sie, können Rückschlüsse ziehen. Auch wenn sie sich dazu selten äußern. Ab sofort werde ich rücksichtsvoller und liebevoller mit Mutter umgehen!
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Stichwörter: Alltags-Routinen