Zehn Minuten
Gestern Abend in der U-Bahn tönte eine Kinderstimme hinter mir: Pappa, wie lange dauern zehn Minuten?“ – Ich lächelte in mich hinein, wusste die Antwort: „solange, sie eben dauern. Wenn du auf etwas wartest, dauern sie ganz lang. Wenn etwas Aufregendes passiert, sind sie in Ruckzuck vorbei.“ Der Vater antwortete völlig anders „600 Sekunden“. – Verblüffend!
Diese Frage ging mir nicht mehr aus dem Kopf. Wielange dauern zehn Minuten? Wieviel Zeit verbringe ich mit meiner demenzkranken Mutter wirklich? Bisher dachte ich, zwei lange Stunden jeden Morgen und abends zwei bis drei Stunden, das reicht doch. Jeden Tag. Vom Aufstehen bis zu dem Moment, wenn sie am Frühstückstisch sitzt und ich zur Arbeit muss. Wenn ich aus dem Haus gehe weiß ich, Mutter ist gut versorgt.
Wirklich? Wie lange sind wir in diesen zwei Stunden morgens WIRKLICH miteinander zusammen? Die Zeit geht drauf mit solch wichtigen Aktivitäten wie Toilettengang, Zähneputzen, Kämmen, Ankleideversuchen. Dazwischen schnell das Bett machen. Damit es ordentlich aussieht. Dazwischen aufpassen, dass Mutter sich nicht wieder das Nachthemd über das Kleid zieht. Dazwischen schnell die Blumen im Nachbarraum gießen. Viele Dazwischens. Wenn Mutter endlich am Frühstückstisch sitzt, bin ich geschafft. Dann ist es höchste Zeit, zur Arbeit zu gehen und ich habe selber noch keinen Schluck Kaffee gehabt, den Anweisungszettel für Mutters Mittags-Besucherdienst noch nicht geschrieben. Wieder ein Tag, an dem ich zu spät ins Büro kommen werde.
Wieviele Minuten sind wir in diesen zwei Stunden wirklich zusammen gewesen? Vielleicht zehn. Nämlich dann, wenn ich mich neben sie auf die Bettkante setze, den Arm um sie lege und Guten Morgen wünsche. Frage, ob sie sich wohl fühlt. Ihr von meinem Traum erzähle und sie mir aufmerksam zuhört. Dann – und nur in diesem Moment sind wir wirklich zusammen. Danach beginnt der Alltag. Während Mutter mühsam meinen Anleitungen zu Morgenhygiene und Ankleiden nachhinkt, tickt für mich die Uhr, bin ich innerlich gar nicht mehr da. Der Zeitdruck stresst uns beide bis zum Anschlag.
Zwei lange Stunden jeden Morgen bei Mutter sind keine zwei vollen Stunden. Sind keine hundertzwanzig Minuten sondern maximal zehn Minuten. Wielange dauern echte zehn Minuten? Reichen sie aus, damit Mutter sich einen ganzen Tag lang geborgen fühlt?





