Tach, Herr Doktor

Montag, 29. März 2010 von Martina Rühl

Frau H. läuft den ganzen Tag im Wohnbereich herum. Eines Nachmittags betrat sie das Zimmer von Herrn V., erkrankt an Alzheimer im Endstadium. Er saß an seinem kleinen Tisch, als sie herein kam, sie setzte sich ihm gegenüber auf einen Stuhl und fing an zu reden:

“Tach Herr Doktor, also das ist so, ich brauche eine Tablette, aber eine leichte, Herr Doktor, verstehen Sie? Starke Tabletten hab ich nämlich schon genug und deshalb dachte ich, Sie verschreiben mir eine leichte, wohlgemerkt nur eine leichte Tablette, nech, Herr Doktor, und ich komme dann morgen früh vorbei und bringe Ihnen das Geld. Was sagen Sie dazu?”

Der “Herr Doktor” saß nur schweigend und etwas müde da und sagte gar nichts dazu. Das störte Frau H. aber keineswegs. Sie verabschiedete sich mit den Worten: “Also abgemacht, Herr Doktor, ich komme dann morgen früh und bringe Ihnen das Geld. Auf Wiedersehen!” 

Frau H. stand auf und verließ zufrieden das Zimmer.

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Schulpflichtig oder nicht?

Montag, 29. März 2010 von Martina Rühl

Frau F., eine 88-jährige Bewohnerin, befand sich einige Monate lang in einer Phase, in der sie ständig meinte, zur Schule gehen zu müssen. Das konnte ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit einfallen. Sie zog sich dann komplett an, vergaß auch Schal und Mantel nicht und schaffte es sogar, sich ganz akkurat die Schnürsenkel zu binden. Glücklicherweise begenete sie meistens jemandem von uns, noch bevor sie das Haus verließ.

Wo immer wir sie auch trafen, mußten wir uns etwas einfallen lassen, um sie zum Bleiben zu überreden. Da sie ja der festen Überzeugung war, erst 14 Jahre alt zu sein und dringend zur Schule gehen zu müssen, hätte es wenig Sinn gehabt, sie auf ihr fortgeschrittenes Alter aufmerksam zu machen und darauf zu hoffen, dass ihr einfiele, dass es mit der Schulpflicht schon etwas länger her war.  Im Gegenteil, sie hätte sich unverstanden gefühlt und sich erst recht auf den Weg gemacht.

Also hieß es: Heute ist gar keine Schule, es ist Sonntag; es sind gerade Schulferien; es ist glatt auf den Straßen, deshalb fällt die Schule aus, bis hin zum Ausflug der Lehrer, die sich auf einem Weihnachtsmarkt vergnügen wollten.

Bereitwillig gab sie sich jedesmal mit den Antworten zufrieden und sagte erleichtert: “Gott sei Dank, dann kann ich ja ganz in Ruhe einen Kaffee trinken und muß mich nicht so beeilen. Ich hatte schon Angst, dass ich zu spät komme.”

Nachdem wir sämtliche Ausreden mehrfach benutzt hatten und sie wieder einmal zum Bleiben überreden wollten, sagte sie ganz erstaunt: “Mein Gott, ich hab aber auch ein Glück in letzter Zeit! Immer, wenn ich verschlafe, ist es entweder am Wochenende oder in den Schulferien!”

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Bei dir könnte ich einschlafen

Donnerstag, 25. März 2010 von Martina Rühl

Frau S., einen Kopf kleiner als ich und im Gegensatz zu mir von sehr schmaler Statur, kam mit ausgebreiteten Armen auf mich zu. Ich empfing sie ebenso, nahm sie in den Arm und sie legte ihren Kopf auf meine Brust. Ich wiegte sie ganz leicht hin und her und Frau S. sagte mit geschlossenen Augen:” Also, bei dir könnte ich einschlafen!”

Na dann, Gute Nacht!

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Die Sprache verstehen

Dienstag, 23. März 2010 von Martina Rühl

Frau M. fuhr in ihrem Rollstuhl im Wohnbereich herum. Als sie mich aus einem Zimmer kommen sah, winkte sie mich zu sich heran und sagte: “Kommen Sie mal her! Wissen Sie eigentlich, wie ich mich morgens fühle?”

Ich dachte nach, was sie wohl meinen könnte. Abends, wenn wir sie ins Bett legten, bekam sie oft regelrechte Wutanfälle. Sie schlug dann um sich, bedachte uns mit einigen Schimpfwörtern und spuckte gegen die Wand. Meinte sie das vielleicht?

Ich fragte: “Hm, wie Sie sich morgens fühlen? Nicht gut?”

“Nein, nicht gut, ich fühl mich böse!”

“Kann ich Ihnen helfen, damit Sie sich nicht böse fühlen?”

“Ja, das können Sie tun. Sie können zu mir herein kommen und mich gut machen, dann geht es!”

“Wenn ich das kann, dann komme ich morgen zu Ihnen herein! Abgemacht!”

Frau M. gab mir mit einem  “Nu” das Signal, dass wir uns verstanden hatten und fuhr zufrieden weiter über den Flur.

Als sie einmal auf der Toilette saß und sich angestrengt ihren Verrichtungen widmete, sagte sie, nachdem etwas ins Klo geplumpst war: “Weißt du was? Ich verlier gerade meine innere Stärke!” Schöner kann man diese Sache doch nicht umschreiben, oder?

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Das sag ich morgen dem Pastor

Dienstag, 23. März 2010 von Martina Rühl

Ein Abend mitten im Sommer. Nach dem Abendessen saß Frau H. mit drei weiteren Damen am Tisch und fragte diese mehrfach: “Soll das wirklich alles sein, nur eine Flasche Wasser für uns alle den ganzen Abend? So geht das ja nun nicht, also, das sage ich morgen dem Pastor!”

Ich wußte nicht, was sie wollte und sagte: “Wir haben auch Apfel- oder Orangensaft. Ich könnte Ihnen auch ein Glas Malzbier anbieten!” Frau H. schüttelte nur schweigend den Kopf.

Einige Minuten später sagte sie zu den anderen Damen: “Das kann doch wohl nicht sein, dass wir nur Wasser kriegen, oder ob wir gar keinen Alkohol mehr trinken dürfen wegen unserem Alter? Also das sage ich morgen dem Pastor! Das müssen wir uns wirklich nicht gefallen lassen!”

Kurz darauf: “Also mal ehrlich, der ganze Abend war doch Mist! Was haben wir denn schon gehabt? Noch nicht mal Bratkartoffeln haben wir gekriegt. Stellen Sie sich das mal vor, wir haben unser Silvester schon fertig und die liegen alle im Bett! Traurig, traurig! Aber das sage ich morgen dem Pastor! So geht das ja nun wirklich nicht!”

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Der FKK-Anhänger

Montag, 22. März 2010 von Martina Rühl

Herr F. schien überzeugter FKK-Anhänger zu sein. Seine Leidenschaft zeigte sich darin, dass er sich, sobald er sein Zimmer betrat, sämtlicher Kleidungsstücke entledigte und diese im ganzen Raum verteilte. Bevor er zu den gemeinsamen Mahlzeiten erscheinen konnte, mußte man die Socken aus dem Koffer fischen, die Unterhose mit Hilfe seines Handstocks unter dem Bett vorziehen, das Hemd aus dem Badezimmer holen, die Hose im Schrank, unter der Bettdecke oder hinter dem Sessel suchen. Bis alle Kleidungsstücke gefunden und Herr F. von der Notwendigkeit, sich anzukleiden, überzeugt war, vergingen schon mal zwanzig Minuten.

Eines Nachmittags weigerte er sich, zum Kaffee trinken in den Speiseraum zu kommen.

Als alle anderen Bewohner schon gemütlich am Kaffeetisch saßen, wurde ich auf den Flur gerufen. Was ich dort sah, ließ mich den Atem anhalten:

Herr F. stand in leicht gebückter Haltung, auf seinen Handstock gestützt da, die Füße nach außen abgewinkelt und hatte sich schwarze Schuhe und Socken angezogen. Mein Blick schweifte von den Socken nach oben und ich sah so lange nichts als nackte Männerhaut, bis meine Augen bei Krawatte und Jackett angekommen waren.

Ich staunte nicht schlecht, mußte mir das Lachen verkneifen und sagte: ”Hallo Herr F., schön, dass Sie doch noch zu uns kommen, aber sooo bringen Sie mir ja die ganze Damenwelt durcheinander! Wie soll ich die denn jemals wieder beruhigen?”

Beleidigt drehte er sich um, schlurfte wieder Richtung Zimmer und brummelte: “Wenn Sie mich so nicht haben wollen, dann geh ich eben wieder!”

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Mein Mann erschöpft?

Montag, 22. März 2010 von Martina Rühl

Frau H. suchte den ganzen Vormittag nach ihrem Mann und fragte jeden, der ihr begegnete, ob er/sie ihn gesehen hätte.

Irgendwann sagte eine Kollegin zu ihr: “Also, ich war gerade oben und habe da nur einen einzigen Mann gesehen. Der war so erschöpft, dass ich ihn zur Mittagsruhe aufs Sofa legen mußte.”

Frau H. schrie entsetzt los: “Was? Erschöpft? Mein Mann? Ja, wovon das denn? Wenn der wenigstens mal arbeiten würde, dann könnte er ja erschöpft sein, aber das tut er ja noch nicht mal! Also, ich sage Euch was, das mach ich nicht mehr länger mit und wenn das bis zur Scheidung geht! Das ziehe ich jetzt durch!”

Du liebe Güte, was dieses kleine Wort “erschöpft” so alles anrichten kann. Wer hätte das geahnt?

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Zufall oder Wunder

Donnerstag, 11. März 2010 von Martina Rühl

Ein Sonntag im Oktober, Ende der Sommerzeit. Ich hatte Frühdienst und sollte um halb sechs meinen Dienst beginnen. Meine Kolleginnen hatten in der Nacht daran gedacht, die Uhr eine Stunde zurück zu stellen, ich nicht. Ahnungslos machte ich mich also gegen fünf Uhr auf den Weg, hörte dabei Musik im Autoradio und hatte schon über die Hälfte der Strecke zurückgelegt, als der Radiosprecher sagte: Es ist 4 Uhr und 10 Minuten.

So fängt es wahrscheinlich an, mit der Demenz, dachte ich. Jetzt geht es bei dir auch los und das mit 46 Jahren.

Umkehren lohnte sich nicht, also beschloss ich, schon einmal Kaffee zu kochen und ein paar Vorbereitungen zu treffen. Insgeheim ärgerte es mich aber doch, eine Stunde kostbaren Schlaf einfach verschenkt zu haben.

Ich machte mich gerade in der Stationsküche zu schaffen (um 4Uhr 20), als ich eine bekannte schrille Stimme nacheinander sämtliche Namen meiner Kolleginnen rufen hörte. Aha, Frau M. war auch schon wach. Ich ging zu ihr und fragte nach dem Grund für ihr lautes Rufen. Erleichtert kreischte sie los:”Ein Wunder, ein Wunder ist geschehen, dass du mich hier gefunden hast! Mein ganzes Bett ist nass und ich muss hier drin liegen! Wie hast du mich denn bloß gefunden?”

“Ich habe das Rufen gehört und bin dann hier ins Zimmer gekommen.”

Ich beruhigte sie erst einmal, half ihr aus dem Bett, wusch sie und zog sie an. Um fünf Uhr saß Frau M. glücklich am Tisch und bekam von mir Frühstück. Ich setzte mich mit einer Tasse Kaffee zu ihr und erzählte, dass ich nur so früh hier war, weil ich vergessen hatte, in der Nacht die Uhr umzustellen. Sie schaute mich einen Moment nachdenklich an und kreischte dann wieder los: ”Ach herrje, das hat der Herrgott gemacht, der hat dich hier hin geschickt, um mich zu retten! Ist das nicht wirklich ein Wunder?”

Nun, so konnte man es auch sehen. Gibt es einen schöneren Grund, eine Stunde zu früh aufzustehen?

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Geduld und Güte

Donnerstag, 11. März 2010 von Martina Rühl

Frau M. mußte morgens laut ärztlicher Anordnung zwei Tabletten einnehmen. Die kleine, runde nahm sie nach dem Frühstück, die längliche teilte sie in zwei Teile, packte sie wieder in das Medikamententöpfchen, schob dieses möglichst weit in Richtung Tischmitte oder sie versteckte die Tablette unter dem Tischset.

Als ich an einem Vormittag den Tisch abgeräumt hatte und in der Küche die Butterdose öffnete, hatte sie die zwei Tablettenteile in den etwas vertieften Rand der Butterdose gelegt und feinsäuberlich den Deckel darüber gestülpt.

Ich ging zu ihr, gab ihr die Tablette und sagte: “Hier ist deine Morgentablette, jetzt ist es schon bald MIttag und du hast sie immer noch nicht eingenommen.”

Sofort begann sie zu schimpfen: “Das ist doch wohl egal, wann ich die nehme, die habe ich schon immer am späten Vormittag genommen und daran wird sich wohl auch nichts ändern lassen. Die kann ich später immer noch nehmen und außerdem, was regst du dich eigentlich so auf?”

Ich antwortete, während ich die Tische abwischte: “Der Doktor hat sie dir für morgens verschrieben und nicht für mittags oder abends, er wird sich schon was dabei gedacht haben!”

Frau M. schrie mit immer schriller werdender Stimme:”Ich nehme die Tablette, wann ich will und wenn du nicht gleich aufhörst damit, dann rufe ich noch lauter!”

“Wen willst du denn rufen?”

“Den lieben Herrgott werde ich rufen!”

“Au Backe, was sagst du ihm denn, was er mit mir machen soll?”

“Ich kann ihm ja wohl schlecht vorschreiben, was er mit dir machen soll. Das wird er schon alleine wissen!”

Ich sagte nichts mehr und wischte weiter die Tische ab. Nach einer Schweigeminute schaute Frau M. mich an und sagte ganz ruhig: “Bloß gut, dass ich die Geduld und Güte meiner Mutter geerbt habe!”

Da konnte ich ihr nur lachend zustimmen. Bloß gut!

Am nächsten Morgen saß ich mit am Tisch und versuchte vergeblich, einer Bewohnerin das Essen anzureichen, die Mund und Augen zukniff und sich in ihre Welt zurückgezogen hatte. Frau M. beobachtete das Ganze und sagte total genervt: “Mein Gott, warum macht die denn nicht den Mund auf? Das ist ja fürchterlich. Was soll denn das Theater?”

Ich antwortete:” Aber Hilde, ich denke, du hast die Geduld und Güte deiner Mutter geerbt?”

“Ja sicher hab ich das, aber so was hätte meine Mutter nicht geduldet, da hätte selbst sie kurzen Prozess gemacht!”

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Sterben oder Heiraten?

Freitag, 4. Dezember 2009 von Martina Rühl

Folgende Geschichte erlebte ich in einem Wohnbereich für demenzkranke Menschen:

Frau D. teilte immer und überall allen Leuten mit, dass sie doch lieber schon sterben wolle, auch eines Nachmittags während des Kaffeetrinkens. Frau M., die neben ihr saß, war mittlerweile so davon genervt, dass sie los schimpfte: “Jetzt hör aber endlich mal auf mit deiner ewigen Sterberei. So funktioniert das doch überhaupt nicht. Da kommt erst mal ein Botschafter Gottes zu dir und wenn der sagt, morgen um 12 Uhr ist es soweit, dann stirbst du und nicht eher!”

Ein paar Tage später saß Frau D. im Speiseraum Herrn N. gegenüber und betrachtete ihn eine Weile nachdenklich. Dann fragte sie ihn:

“Sagen Sie mal, haben Sie eine Frau?”

“Nein, keine Frau, nur eine Tochter!”

“Ach so, also eine Tochter. Na ja, aber das ist ja nun mal eine Tochter und keine Frau für Sie. Haben Sie denn eine Frau?”

“Nein, ich habe keine Frau!”

“Ach so, also nein. Wenn ich Sie jetzt fragen würde, ob Sie mich heiraten wollen, würden Sie das tun?”

“Nein!”

“Ach so, also nein…na, da weiß ich ja Bescheid! Aber wissen Sie was? Das find ich gut. Sie sind wenigstens ein richtiger Mann und können auch mal nein sagen! Aber schade ist es doch, also ich hätte mich gefreut!”

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