Karneval im Kopf
Die fünfte Jahreszeit gibt uns Freiräume von denen wir den Rest des Jahres über nur träumen können. Im närrischen Kostüm halten wir Anderen den Spiegel vor und alle lachen darüber. Herzhaft, keiner ist beleidigt, egal wie er angegriffen wird. Denn im Fasching heben sich Gesetze auf, öffnen ein Fenster um legal stundenweise in eine andere Persönlichkeit zu schlüpfen. Je verrückter und ausgelassener, verfremdeter, umso mehr Beifall erhalten wir.
Ein Demenzkranker ist 364 Tage lang authentisch und verhält sich, seinen augenblicklichen Gefühlen entsprechend, für den pflegenden Angehörigen nicht immer wünschenswert. Rennt Mutter im Winter im Nachthemd durch den Garten, ist Vater im vollen Kriegselement, plappert Opa Unsinn oder schimpft Oma uns alle Diebe, gibt es keinen Beifall. Würde ich im normalen Arbeitstag im Nachthemd ins Büro gehen, wäre mein Chef kaum damit einverstanden.
Das andere Ich herauslassen ist im Karneval schon fast Pflicht, im Alltag für den Demenzkranken out. Dabei drängt ihn die Krankheit unablässig in seine eigenen verschiedenen Persönlichkeiten. In das was er gerade ist. Erinnerungen machen ihn von einem Augenblick zum anderen, vom Erwachsenen zum Kind, zum Soldaten oder zur fürsorglichen Mutter und zur pflichtbewussten Ehefrau eines längst verstorbenen Gatten. Wir Angehörigen sprechen ihn dann aus einem Zeitfenster an, das gerade nicht seine eigene Wirklichkeit ist. (Weiterlesen )





