Sag du doch auch mal was

Donnerstag, 23. September 2010 von Heidi

Mutter verlor das laute Sprechen nach und nach. Seit drei Jahren kann sie nur noch wiederholen oder singen. Wenn ich sie zum „reden“ bringen möchte, singen wir. Wie bei Stotterern, klingen dann die Worte laut und deutlich. Wer nicht Bescheid weiß, nimmt unser gesungenes „Auf Wiedersehn“ für ernst. Ach, Deine Mutter spricht ja doch??!
Ich habe oft das klare Gefühl, sie bemüht sich laut zu formulieren und bin überzeugt, die innere Sprache funktioniert. Nur das Übersetzen in Laute ist blockiert. Wenn sie logisch denken könnte, würde sie vielleicht handeln: ich kann nicht reden, also singe ich, was ich mitteilen will, egal auf welche Melodie“ .

Da ich meistens rätseln muss was in ihr vorgeht, fühle ich mich hilflos. Oft ungeduldig, manchmal richtig wütend.
Mein Wunsch nach Gemeinsamkeit, nach Verstandensein oder Gehörtsein wird untergraben. Ich kann nicht zu Mutter sagen „hör doch mal zu“ oder „weißt Du, was ich meine?“ Oder „zum Kuckuck, jetzt mach doch mal …!“ Wenn Ich so neben ihr sitze, könnte ich auch ein Haustier auf dem Schoß haben. Es streicheln, ab und zu zu ihm sprechen. Mit seiner Reaktion wäre ich auf einer Welle – wir verstehen uns.
Wieso ist es aber so schwer, neben meiner Mutter zu sitzen, ihre Hand zu halten, zu formulieren was ich glaube, was sie sagen würde wenn sie es könnte? Weil ich selbst nach Jahren als Alleinunterhalter immer noch die Erwartung nicht aufgeben kann, sie soll „antworten“. Dabei tut sie es eben auf ihre Weise. Sie hat ihren eigenen Verständigungscode, den es zu knacken gilt. Mit einem Blick, einem Lächeln der Zustimmung, mit einer Kopfbewegung. Nicken heißt „ja“, lächeln bedeutet entweder „nein“ oder „ich hab’ Dich nicht verstanden“. Die Hand zum Mund führen, den Finger in den Mund stecken, sagt „ich habe Durst“. Es heißt ja nicht umsonst, mit Händen und Füßen reden.

Um nicht selber mit Mutter zu verstummen führe ich lieber laute Selbstgespräche und beziehe sie so in meine Gedanken mit ein. Damit wir„dieselbe“ Sprache sprechen. Die Grundlagen dazu habe ich in diversen Kursen für den Umgang pflegender Angehöriger gelernt. Drei davon vermittelt durch die Alzheimer Gesellschaft – kostenlos. Es gibt viele Angebote und man muss deutlich unterscheiden von denen, die echte Hilfe anbieten und denen die, sorry, einfach nur Geld verdienen wollen, ohne einen Demenzkranken jemals erlebt zu haben. Bei der Alzheimer Gesellschaft fühle ich mich gut aufgehoben.

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