Schau doch mal her!
Der gute, alte Anschauungsunterricht mit Vormachen, Kapieren, Nachmachen, Weitergeben hat ausgedient. Heute spielt sich der Umgang mit unseren Mitmenschen im korrekten Gebrauch von Spiegelneuronen ab. Die Bedienungsanleitung liefert die Neurodidaktik, die neue Studienwelten im Lehramt, in den Kindergärten und für die Rehabilitation bei Schlaganfall-patienten (Videotherapie) eröffnet und auch das Neuromarketing beflügelt.
Schon seit den 1920-er Jahren forschen Wissenschaftler nach Funktion und Lageplan einer Abguckstelle im Gehirn. Das Nicht-Funktionieren hatte bereits einen Namen: Apraxie. 1966 endlich wurde das Nachahmen- und Mitfühlen-Können (u. A.) lokalisiert und mit einem Begriff versehen: Spiegelneuronen. Diese kleinen Kerle sind jetzt offiziell dafür zuständig, dass unser Gegenüber etwas Vorgemachtes imitiert (z. B. gähnt) oder bereits den Ansatz einer Bewegung erkennt (z.B. beim Essen den Arm zum Mund führen helfen). Damit kann ein Reflex ausgelöst werden und entweder ein wirkliches Erkennen der Handlung stattfinden (ein Gedankenblitz sozusagen) oder ganz einfach durch automatisches Nachahmen das vorgegebene Ziel erreicht werden.
Ein Demenzkranker kann sich nicht durch bewusstes Nachdenken korrigieren. Spiegelneuronen, so heißt es, können ein Leben lang aktiviert werden. Das Dumme daran ist nur, sie funktionieren genau wie andere Gedankengänge und basieren auf der Übertragung von Nervenimpulsen. Genau diese sind bei Demenzkranken unterbrochen. Weil es aber bereits einige Medikamente gibt, die diese Verbindung der Nervenimpulse bis zu einem gewissen Punkt wieder aufnehmen bzw. eine Weile erhalten können, dürfen wir vielleicht in naher Zukunft hoffen, auf die Spiegelneuronen Einfluss zu nehmen.
Bis dahin behelfen wir uns mit Vormachen und gehen, im wahrsten Sinne des Wortes, mit gutem Beispiel voran. Denn das Vormachen/Nachmachen ist bei den meisten Lebenswesen eine der ältesten Kommunikationsformen. Die Schwierigkeit bei uns betreuenden Angehörigen, aber auch für die Demenzpatienten selber ist, dass wir in der Regel Niemanden zum Abgucken haben, wenn wir nicht gemeinsam an Betreuungsgruppen teilnehmen. Hier stören Angehörige zwar eigentlich, vergleichbar mit Eltern die sich in eine Schulklasse setzen, aber nur so können wir auch andere Demenzkranke und den Umgang mit ihnen beobachten, um von diesen auf das Verhalten unserer eigenen Lieben zu schließen.
Hierbei sind die betreuenden Pflegekräfte unsere größte Unterstützung. Im Laufe der Jahre sehen sie sich wiederholende Abläufe und können sich dem jeweiligen Patienten in seiner augenblicklichen Ausdrucksform erfahrungsgemäß leichter anpassen. Ihre Spiegelneuronen haben es ja gelernt und ihre Ratschläge und Hinweise sind für uns und unsere Angehörigen wegweisend.
Ob wir uns teilweise in unseren Kranken hineinversetzen können um ihn wirklich zu verstehen, ist ein weiter Weg, zu dem uns aber sein Lebenslauf, seine Gewohnheiten und er selbst uns helfen können. Wie es innendrin wirklich aussieht, was genau im Augenblick abläuft, werde ich als betreuende Tochter meiner Mutter wohl nie nachvollziehen können. Als Ersatz versuche ich es mit Liebe und viel Geduld. Vielleicht wissen wir eines Tages auch, wo diese im Gehirn angesiedelt sind und wie sie wissenschaftlich heißen.





