Schau doch mal her!

Montag, 15. November 2010 von Heidi

Der gute, alte Anschauungsunterricht mit Vormachen, Kapieren, Nachmachen, Weitergeben hat ausgedient. Heute spielt sich der Umgang mit unseren Mitmenschen im korrekten Gebrauch von Spiegelneuronen ab. Die Bedienungsanleitung liefert die Neurodidaktik, die neue Studienwelten im Lehramt, in den Kindergärten und für die Rehabilitation bei Schlaganfall-patienten (Videotherapie) eröffnet und auch das Neuromarketing beflügelt.

Schon seit den 1920-er Jahren forschen Wissenschaftler nach Funktion und Lageplan einer Abguckstelle im Gehirn. Das Nicht-Funktionieren hatte bereits einen Namen: Apraxie. 1966 endlich wurde das Nachahmen- und Mitfühlen-Können (u. A.) lokalisiert und mit einem Begriff versehen: Spiegelneuronen. Diese kleinen Kerle sind jetzt offiziell dafür zuständig, dass unser Gegenüber etwas Vorgemachtes imitiert (z. B. gähnt) oder bereits den Ansatz einer Bewegung erkennt (z.B. beim Essen den Arm zum Mund führen helfen). Damit kann ein Reflex ausgelöst werden und entweder ein wirkliches Erkennen der Handlung stattfinden (ein Gedankenblitz sozusagen) oder ganz einfach durch automatisches Nachahmen das vorgegebene Ziel erreicht werden.

Ein Demenzkranker kann sich nicht durch bewusstes Nachdenken korrigieren. Spiegelneuronen, so heißt es, können ein Leben lang aktiviert werden. Das Dumme daran ist nur, sie funktionieren genau wie andere Gedankengänge und basieren auf der Übertragung von Nervenimpulsen. Genau diese sind bei Demenzkranken unterbrochen. Weil es aber bereits einige Medikamente gibt, die diese Verbindung der Nervenimpulse bis zu einem gewissen Punkt wieder aufnehmen bzw. eine Weile erhalten können, dürfen wir vielleicht in naher Zukunft hoffen, auf die Spiegelneuronen Einfluss zu nehmen.

Bis dahin behelfen wir uns mit Vormachen und gehen, im wahrsten Sinne des Wortes, mit gutem Beispiel voran. Denn das Vormachen/Nachmachen ist bei den meisten Lebenswesen eine der ältesten Kommunikationsformen. Die Schwierigkeit bei uns betreuenden Angehörigen, aber auch für die Demenzpatienten selber ist, dass wir in der Regel Niemanden zum Abgucken haben, wenn wir nicht gemeinsam an Betreuungsgruppen teilnehmen. Hier stören Angehörige zwar eigentlich, vergleichbar mit Eltern die sich in eine Schulklasse setzen, aber nur so können wir auch andere Demenzkranke und den Umgang mit ihnen beobachten, um von diesen auf das Verhalten unserer eigenen Lieben zu schließen.

Hierbei sind die betreuenden Pflegekräfte unsere größte Unterstützung. Im Laufe der Jahre sehen sie sich wiederholende Abläufe und können sich dem jeweiligen Patienten in seiner augenblicklichen Ausdrucksform erfahrungsgemäß leichter anpassen. Ihre Spiegelneuronen haben es ja gelernt und ihre Ratschläge und Hinweise sind für uns und unsere Angehörigen wegweisend.

Ob wir uns teilweise in unseren Kranken hineinversetzen können um ihn wirklich zu verstehen, ist ein weiter Weg, zu dem uns aber sein Lebenslauf, seine Gewohnheiten und er selbst uns helfen können. Wie es innendrin wirklich aussieht, was genau im Augenblick abläuft, werde ich als betreuende Tochter meiner Mutter wohl nie nachvollziehen können. Als Ersatz versuche ich es mit Liebe und viel Geduld. Vielleicht wissen wir eines Tages auch, wo diese im Gehirn angesiedelt sind und wie sie wissenschaftlich heißen.

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Sag du doch auch mal was

Donnerstag, 23. September 2010 von Heidi

Mutter verlor das laute Sprechen nach und nach. Seit drei Jahren kann sie nur noch wiederholen oder singen. Wenn ich sie zum „reden“ bringen möchte, singen wir. Wie bei Stotterern, klingen dann die Worte laut und deutlich. Wer nicht Bescheid weiß, nimmt unser gesungenes „Auf Wiedersehn“ für ernst. Ach, Deine Mutter spricht ja doch??!
Ich habe oft das klare Gefühl, sie bemüht sich laut zu formulieren und bin überzeugt, die innere Sprache funktioniert. Nur das Übersetzen in Laute ist blockiert. Wenn sie logisch denken könnte, würde sie vielleicht handeln: ich kann nicht reden, also singe ich, was ich mitteilen will, egal auf welche Melodie“ .

Da ich meistens rätseln muss was in ihr vorgeht, fühle ich mich hilflos. Oft ungeduldig, manchmal richtig wütend.
Mein Wunsch nach Gemeinsamkeit, nach Verstandensein oder Gehörtsein wird untergraben. Ich kann nicht zu Mutter sagen „hör doch mal zu“ oder „weißt Du, was ich meine?“ Oder „zum Kuckuck, jetzt mach doch mal …!“ Wenn Ich so neben ihr sitze, könnte ich auch ein Haustier auf dem Schoß haben. Es streicheln, ab und zu zu ihm sprechen. Mit seiner Reaktion wäre ich auf einer Welle – wir verstehen uns.
Wieso ist es aber so schwer, neben meiner Mutter zu sitzen, ihre Hand zu halten, zu formulieren was ich glaube, was sie sagen würde wenn sie es könnte? Weil ich selbst nach Jahren als Alleinunterhalter immer noch die Erwartung nicht aufgeben kann, sie soll „antworten“. Dabei tut sie es eben auf ihre Weise. Sie hat ihren eigenen Verständigungscode, den es zu knacken gilt. Mit einem Blick, einem Lächeln der Zustimmung, mit einer Kopfbewegung. Nicken heißt „ja“, lächeln bedeutet entweder „nein“ oder „ich hab’ Dich nicht verstanden“. Die Hand zum Mund führen, den Finger in den Mund stecken, sagt „ich habe Durst“. Es heißt ja nicht umsonst, mit Händen und Füßen reden.

Um nicht selber mit Mutter zu verstummen führe ich lieber laute Selbstgespräche und beziehe sie so in meine Gedanken mit ein. Damit wir„dieselbe“ Sprache sprechen. Die Grundlagen dazu habe ich in diversen Kursen für den Umgang pflegender Angehöriger gelernt. Drei davon vermittelt durch die Alzheimer Gesellschaft – kostenlos. Es gibt viele Angebote und man muss deutlich unterscheiden von denen, die echte Hilfe anbieten und denen die, sorry, einfach nur Geld verdienen wollen, ohne einen Demenzkranken jemals erlebt zu haben. Bei der Alzheimer Gesellschaft fühle ich mich gut aufgehoben.

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