Liebe deinen Nachbarn?

Dienstag, 23. März 2010 von Heidi

 

Die jahrelange Betreuung meiner Mutter hat mich verändert. Ich höre und schaue genauer hin, wenn ein alter Mensch in der Nähe ist. Deshalb verunsichert mich das Verhalten einer unserer Nachbarinnen. All die Jahre hat sie sich bemüht, jedermann zu ignorieren.

 

Seit Januar ist Frau S. auf einmal auf mich fixiert. An einem eisglatten Wintertag hatte ich sie auf dem Weg zur U-Bahn gesehen und angeboten, zur Haltestelle zu fahren. Unerwarteter Weise stieg sie ein und war sehr dankbar nicht laufen zu müssen. Seither spricht sie mich bei jedem zufälligen Treffen auf der Straße an und ich merke, sie sucht das Gespräch. Eigentlich hält sie einen Monolog. Warum sind so viele alte Menschen so grundeinsam? Ich höre zu. Was sie erzählt, läßt mich aufhorchen, denn es hat denselben Unterton wie damals, als Mutter’s Demenz begann.

Beim letzten Treffen vor der Haustüre schilderte Frau S. ihr unglückliches Leben. Und es kommt ihr merkwürdig vor, seit neuestem Gegenstände zu verlegen. Trotz Suchen sind sie unauffindbar, um später an einem völlig anderen Ort aufzutauchen. Besonders unangenehm sei es ihr gewesen, nach einem Arztbesuch ihren eigenen Mantel in der Garderobe nicht erkannt zu haben. Sie hatte vergessen, dass sie einen neuen Mantel angezogen hatte. Die Sprechstundenhilfe hatte sie dann überzeugt, mit einem braunen eingetroffen zu sein und es war der einzige, der dort hing, nicht der gewohnte blaue.

So wie die Dinge im Augenblick stehen, kann ich nichts weiter tun als zu versuchen, die Nachbarn zu sensibilisieren. Ohne mich aufzudrängen. Das ist schwer, denn Frau S. ist unbeliebt, man möchte nichts mit ihr zu tun haben. Ihr Sohn besucht sie sporadisch, niemand kennt seine Adresse. Und ich pflege meine Mutter, ich habe eigentlich überhaupt keine Zeit, einen zweiten „Fall“ zu betreuen. Es täte mir unendlich leid, wenn mein Verdacht zutreffen sollte. Eine entsetzliche Zukunft für unsere Nachbarin, die allein lebt und komplett auf ihr Zuhause fixiert ist.

 

Daher bin ich sehr gespannt auf das neue Projekt der Alzheimer Gesellschaft „Allein lebende Demenzkranke – Schulung in der Kommune“. Gerade Menschen wie Frau S. brauchen den Erhalt ihrer Selbständigkeit, ihrer Freiheit und unser aller gütiges Verständnis.

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