Mit den Kräften haushalten Teil II

Mittwoch, 30. März 2011 von Heidi

„Naa, Frau B, heute noch müde?“ fragt der Fahrer und fasst Mutter sanft an die Schulter. Als Antwort lächle ich bloß. Nein, sie ist nicht noch, sondern schon wieder müde. Ein Außenstehender weiß nichts von der Schwerstarbeit, die Mutter aufs Höchste fordert im Druck, die jeweilige Anforderung zu meistern.

Bis der Fahrer kommt, hat sie einen Marathon geschafft: eine Mindestmenge an Trinken noch im Bett, beim Aufstehen etwas Gymnastik, ein Lied singen fürs Stimmband- und Selbst-Gehörtraining, mühsam ins Bad geschlurft werden, Morgentoilette über sich ergehen lassen, frühstücken, sich anziehen lassen für die Betreuungsgruppe.

Nicht nur jede Bewegung, auch Gefühle erleben kostet Kraft. Je nach Intensität und Bedeutung für den Moment bringen Freude, Wut, Enttäuschung, Trauer und Angst den gesamten Körper und Geist zum Einsatz. Seit zwei Wochen hat Mutter Schluckbeschwerden, der Tee kommt in die „falsche Kehle“, sie hustet, röchelt, hat Angst zu ersticken. Ich auch. Nach der ersten Tasse sinken die Augen auf Halbmast. Nun stellt sich die Frage, im Bett lassen oder Windeln wechseln? Der Weg ins Bad ist anstrengend. Hinzu kommt ihre Angst, hinzufallen, es nicht zu schaffen.

Gesunde können ihre Kräfte meistens einschätzen. Wir sind uns klar darüber, wo „nichts“ mehr geht. Mutter kann das nicht. Sie gibt immer 100%. Es ist meine Aufgabe sie zu fördern, aber nicht überfordern. Unterstützen, dabei nicht unterfordern mit der Bevormundung „du weißt doch, das strengt dich zu sehr an“. Anregen und das Selbstwertgefühl aufbauen, anstatt in Watte zu packen. Trainieren, was noch erhalten ist, anpassen, was nicht mehr geht.

Ich weiß mittlerweile, Freude und Lachen sind zwar auch anstrengend, aber sie sind Kraftquellen. Ebenso, etwas Schönes sehen, riechen, leises Erzählen oder die Hand halten und gemeinsam die Stille genießen, in der jeder seinen eigenen Gedanken nachhängt. (Weiterlesen…)

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