Bedürfnis und Bedarf
Während der Weihnachtsfeiertage und zum Jahresübergang waren unsere Betreuungsgruppen geschlossen. Um die Versorgung meiner Mutter zu gewährleisten nahm ich Urlaub. Zweieinhalb Wochen 24 Stunden Einsatz, wird schon gehen. Ich hatte einen Plan aufgestellt von Soll, Ist, Möchte. Keine von uns beiden sollte zu kurz kommen. Urlaubsgenuss mit geregeltem Tagesablauf.
Die ersten beiden Tage lief alles nach Plan. Ich war morgens, abends, nachts wie üblich im Einsatz. Tagsüber kam mir die Aufgabe des Alleinunterhalters zu. Wohlgemerkt, Mutter spricht nicht mehr. Alleine Aufrichten, Stehen, oder etwa eine Buchseite umblättern, kann sie nicht. Gut, dass wir eine Vogelfutterstelle vor dem Fenster haben. Nach dem Frühstück Mutter aufs Sofa gesetzt, genießt sie den Anblick, döst, schaut interessiert zu. Ich hätte eigentlich meinen Erledigungen nachgehen können. Aber es gab einen Unterschied zwischen dem Bedürfnis und Bedarf.
Unsere Grundbedürfnisse waren identisch: essen, trinken, WC, Aktion, Schlafen. Der Bedarf ein ganz anderer. Mutter braucht drei regelmäßige Mahlzeiten, ich nicht. Sie soll eine bestimmte Menge trinken, ich nur wenn ich Durst habe. Sie müsste alle zwei, drei Stunden aufs WC oder zum Windeln kontrollieren, ich gehe wenn ich muss. Sie ist an ein aktives Betreuungsprogramm außer Haus gewöhnt, mit Spazierengehen, Transport. Ich lese lieber, möchte den Keller aufräumen und das Haus bei dieser Kälte nicht verlassen. Schlafen, Ausruhen? Na ja, nachts bin ich diejenige zum Umlagern, sie schläft dabei weiter. Nachholen am Tag? Während Mutter nach einer Viertelstunde Siesta den Kopf hob und mich erwartungsvoll anschaute, wäre ich lieber noch ein, zwei Stunden auf dem Sofa geblieben. Nie wurde mir so deutlich, dass eine Mahlzeit mittlerweile locker eine Stunde dauert, wenn ich Mutter alleine mit dem Löffel hantieren lasse und nach der Hälfte der Mahlzeit jeden Bissen anleite. Das Trinken einer Tasse Wasser: eine halbe Stunde, wir halten beide die Tasse.





