„Er hat immer seinen eigenen Kopf“

Mittwoch, 20. April 2011 von Alzheimer-Telefon

Ein Anruf von Frau M. beim Alzheimer-Telefon: „Mein Mann ist 56 Jahre alt und leidet an Frontotemporaler Demenz. Ich habe mich ja schon darauf eingestellt, dass unserer Leben nach einem festen Rhythmus ablaufen muss, aber manchmal treibt er mich mit seiner Sturheit doch in die Verzweiflung. Gestern sind wir mit der Tram zu einem Termin beim Neurologen gefahren. An der entsprechenden Haltestelle weigerte er sich dann plötzlich einfach auszusteigen. Ich habe alles versucht, ihn zu überreden, am Arm zu ziehen und bin schließlich sogar laut geworden. Die Mitfahrenden haben schon ganz komisch geguckt, aber es hat alles nichts geholfen. Schließlich war die Station vorbei und da stand er endlich auf und stieg am nächsten Halt mit mir aus. Wir sind dann die Station zurückgelaufen und zum Glück ist unsere Verspätung in der Arztpraxis gar nicht aufgefallen. Aber ich war völlig fertig mit den Nerven. Ich traue mich gar nicht, noch einmal mit ihm die Tram zu benutzen, was mache ich, wenn so etwas noch mal passiert?“

Ich antwortete ihr: „Liebe Frau M., dass das für Sie ein schlimmes Erlebnis war, kann ich gut nachvollziehen. Trotzdem denke ich, dass Sie solche Fahrten mit der Tram weiterhin unternehmen können, wenn Sie innerlich auf eventuelle Zwischenfälle eingestellt sind. Andere Angehörige erzählen, dass es bei ihnen unkomplizierter wird, wenn sie die Dinge manchmal einfach laufen lassen. Oft sind es äußere Anforderungen, die uns unter Druck setzen, wie in Ihrem Fall der anstehende Arzttermin. Hier kann es natürlich helfen, sich frühzeitig auf den Weg zu machen, damit man auch bei Verzögerungen nicht unter Zeitdruck gerät. Es hilft aber auch, sich zu sagen: ‚Mein Mann ist krank. Wenn wir es nicht rechtzeitig schaffen, dann ist das eben so und niemand darf mir daraus einen Vorwurf machen.’ Wenn Ihr Mann wieder einmal nicht aus der Bahn steigen will, rufen Sie einfach in der Praxis an und teilen Sie Ihre Verspätung mit. Dann kann vielleicht schon der nächste Patient vorgezogen werden und Sie können sich so viel Zeit lassen, wie Ihr Mann eben benötigt.“ (Weiterlesen…)

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Wenn der Stress nicht mehr auszuhalten ist – Beratung und Hilfe suchen

Donnerstag, 14. April 2011 von DAlzG

Gespräch mit Gabriele Tammen-Parr von der Berliner Beratungsstelle Pflege in Not

 

Pflege in Not ist eine Beratungs- und Beschwerdestelle bei Konflikt und Gewalt in der Pflege älterer Menschen. Seit 1999 werden vor allem pflegende Angehörige beraten, überwiegend telefonisch. Träger der Berliner Beratungsstelle ist das  Diakonische Werk Berlin Stadtmitte e.V. Gabriele Tammen-Parr leitet die Einrichtung, in der drei hauptamtliche und zwei ehrenamtliche Mitarbeiterinnen tätig sind. Pflegen in Not hat im Februar 2011 den Berliner Gesundheitspreis bekommen.

Frau Tammen-Parr, wer wendet sich an das Beratungstelefon Pflege in Not?

Gabriele Tammen-Parr: Zwei Drittel der Ratsuchenden sind Angehörige, die zu Hause pflegen. Die anderen Anruferinnen sind Angehörige von Heimbewohnern, sowie Mitarbeiterinnen aus Heimen und ambulanten Diensten. Zu 80% erfolgt unsere Beratung telefonisch. Aber wir bieten auch persönliche/psychologische Beratung sowie Mediation an. Wir erhalten etwa 150 Anrufe pro Monat. Die Mehrzahl der Anruferinnen sind pflegende Ehefrauen und Töchter im Alter zwischen 50 und 75. Viele pflegen schon sehr lange, viele acht aber auch mehr als fünfzehn Jahre. Sie rufen an, weil sie sich überlastet fühlen, an ihre Grenzen stoßen, körperlich als auch emotional oder weil es Konflikte gibt. Mit Sätzen wie: „Ich halte es nicht mehr aus!“ oder „Ich habe meine Mutter gerade wieder angeschrien!“ beginnen sie ein Gespräch bei Pflege in Not.

Welche Rolle spielen dabei Demenzerkrankungen?

Gabriele Tammen-Parr: Bei ca. 60% der Beratungen spielt Demenz eine Rolle. Mit einer Demenz werden Betreuung und Pflege häufig noch schwieriger. Von den Angehörigen wird vor allem die emotionale Belastung ganz besonders betont. Die Veränderungen des Partners oder Elternteils führen in der Zeit vor der Diagnosestellung zu vielen Konflikten und Aggressionen. Die veränderten Verhaltensweisen lösen Unverständnis wie auch Angst und Verunsicherung aus. Speziell für pflegende Ehefrauen und Ehemänner ist der Verlust des vertrauten Lebens- und Gesprächspartners häufig mit Einsamkeit verbunden.

Welche Lösungen können Sie den Anrufern vorschlagen?

Gabriele Tammen-Parr: Einige Probleme lassen sich durch praktische und organisatorische Maßnahmen lösen. Wenn z.B. die Ehefrau Probleme hat, ihren übergewichtigen Mann morgens zu duschen und in dieser Überforderungssituation laut wird, dann kann man durch Einsatz eines ambulanten Pflegedienstes dieses Problem rasch lösen. Häufiger allerdings werden die  Atmosphäre und der Pflegealltag durch Beziehungskonflikte geprägt. Unverziehene und unverarbeitete Konflikte aus der gemeinsamen Geschichte werden nochmal angestoßen. Wenn die oder der Pflegende manchmal ärgerlich ist und auch mal laut wird, ist das ganz normal. Wenn aber der ganze Tag von Gereiztheit, Vorwürfen und Streitereien bestimmt wird, sollte man über die Situation nachdenken und möglichst mit jemandem sprechen. Wichtig ist, sich nicht für das zu schämen was man tut oder denkt, sondern ein Gespräch zu suchen, um die Situation nicht entgleisen zu lassen. Alles was wir verbergen blüht ja im Verborgenen weiter. In unserer Beratung geht es immer um Unterstützung, nicht um Schuldzuweisungen.

Was kann hinter diesen Beziehungskonflikten stecken?

Gabriele Tammen-Parr: Oft werden alte Konflikte aktualisiert. Verletzungen und Kränkungen, die nicht besprochen oder geklärt wurden. Das sind manchmal Eheprobleme mit einer langen Vorgeschichte. Auch Konflikte zwischen Geschwistern werden durch die Pflege der Eltern plötzlich sehr deutlich. Etwa wenn die Tochter, die sich schon immer benachteiligt fühlte, jetzt pflegen soll. Die Pflege eines Familienangehörigen stellt häufig das gesamte Familiensystem noch mal auf den Prüfstand. (Weiterlesen…)

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„Musst Du noch in die Stadt?“

Freitag, 8. April 2011 von Martina Rühl

Erfahrungen mit Stress im Heimalltag

Stress ist erfahrungsgemäß im Umgang mit demenzkranken Menschen ein Faktor, der nicht wünschenswert, aber leider nicht komplett auszuschalten ist. Schließlich sind wir alle nur Menschen.

Im Wohnbereich für Demenzkranke geraten wir Pflegekräfte z.B. bei personeller Unterbesetzung in Stress. Wenn mir die Zeit davon rennt, dann versuche ich natürlich, mich zu beeilen. Demenzkranke lassen sich aber nicht gerne hetzen und reagieren darauf auf unterschiedliche Weise. Eine Bewohnerin fragte mich, als ich es tatsächlich eiliger hatte als sonst:“ Mein Gott, was ist denn nur mit dir los? Musst du noch in die Stadt?“

© *Sindy* - Fotolia.com

Andere, die ihr Unbehagen nicht mehr verbal ausdrücken können, werden unruhig oder reagieren abwehrend. Was aus Zeitmangel schneller erledigt werden soll, dauert somit wesentlich länger und führt nicht zu dem gewünschten Ergebnis. Mein eigener Stress überträgt sich schnell auf die Demenzkranken, die für Stimmungen ihrer Mitmenschen sehr empfänglich sind. Ich versuche deshalb, wenn ich in ein Bewohnerzimmer gehe, Ruhe auszustrahlen und mich nur auf den Menschen darin und seine individuellen Bedürfnisse zu konzentrieren. Schaffe ich das mal nicht, bitte ich eine Kollegin, einen besonders empfindlichen Bewohner zu versorgen. (Weiterlesen…)

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Stress – ein ständiger Begleiter im Alltag pflegender Angehöriger

Mittwoch, 30. März 2011 von Redaktion Alzheimerblog

© Gerhard Seybert - Fotolia.com

Wer die Betreuung und Pflege eines Demenzkranken übernimmt hat meist die Vorstellung, bei körperlichen Beschwerden Unterstützung zu leisten, im Haushalt zu helfen, und für das Essen zu sorgen. Auf die besonderen Anforderungen aufgrund einer Demenzerkrankung sind die Pflegenden in der Regel nicht vorbereitet. Am Alzheimer-Telefon der Deutschen Alzheimer Gesellschaft erzählen sie davon: „Am meisten belastet mich, dass mein Mann immer meine Nähe sucht. Kaum dass ich aus der Türe gehe, ruft er schon nach mir.“ Wenn das Gedächtnis nicht mehr funktioniert, Orientierungsstörungen undVeränderungen der Persönlichkeit hinzu kommen, kann der Alltag schnell aus den Fugen geraten.

Eingespielte Tätigkeiten und Abläufe müssen neu organisiert werden. Eine andere Angehörige sagt: „Mein Mann war früher Elektriker. Er konnte alles. Wenn ich ihm heute sage, er soll die Glühbirne wechseln, verzweifelt er daran. Es stimmt mich traurig, mit anzusehen, was aus ihm geworden ist.“ Die Forschung hat herausgefunden, dass pflegende Angehörige von demenziell erkrankten Menschen stärker unter Stress und Depressionen leiden als andere Pflegende.

Was ist Stress?

Zum besseren Verständnis des Belastungserlebens wird vielfach das Stressmodell des Psychologen Richard Lazarus (1981) herangezogen. Dieses Modell geht davon aus, dass Stress die Folge einer wechselseitigen Beziehung zwischen der Person und externen Ereignissen (z.B. in der Pflege) oder zwischen der Person und inneren Anforderungen (z.B. Ziele, Werte, Aufgaben) ist. Stress entsteht dann, wenn die Anforderungen, die z.B. durch die Krankheit entstehen, die Anpassungsfähigkeiten oder Ressourcen einer Person zu stark beanspruchen oder übersteigen. Dabei ist für das Stresserleben nicht alleine die Situation an sich von Bedeutung, sondern auch die Art und Weise wie die Person die Situation verarbeitet und bewertet. Menschen sind unterschiedlich anfällig für stressauslösende Situationen. Was für den einen schon Stress bedeutet, wird von einem anderen (noch) nicht als Stress empfunden. Bei der Betreuung und Pflege von Demenzkranken wird schnell die höchste Stressstufe erreicht.

In Projekten zur Angehörigenberatung an der Universität Leipzig (Wilz, Adler, Gunzelmann 2001) benannten Angehörige folgende Stressoren als besonders belastend:

  • Einschränkung persönlicher Freiräume („Ich habe kein eigenes Leben mehr.“)
  • Verlust von Kommunikationsfähigkeiten („Die Mutter ist kein Ansprechpartner mehr“)
  • Desorientiertheit („Sie möchte immer nach Hause, obwohl sie doch da ist.“)
  • Fehlende Einsichtsfähigkeit („Sie ist keinen Vernunftgründen zugänglich.“)
  • Aggressivität („Wutanfälle, Schlagen, Kneifen.“)
  • Inkontinenz („Er hat mich angekackt.“)

Der Grad der Belastung und damit das Wohlbefinden und die Gesundheit der Angehörigen stehen in engem Zusammenhang mit der Situation in der die Pflege stattfindet, besonders Alter und allgemeiner Gesundheitszustand der Pflegenden, der persönlichen Beziehung zu dem Gepflegten und der privaten und professionellen Unterstützung. Ferner spielen die Bewältigungsstrategien („Coping“) der Pflegenden eine wichtige Rolle.

Wie kann Stress bewältigt werden?

© Fotolyse - Fotolia.com

Wenn es Angehörigen gelingt, die Pflegesituation immer wieder neu zu bewerten und ihr Augenmerk auf das zu richten, was noch möglich ist, hat dies positive Auswirkungen auf die Pflege. Hilfreich dabei ist:

  • Sich zu informieren. Informationen sammeln über die Krankheit, über die Möglichkeiten des besseren Umgangs mit den Erkrankten, über Unterstützungsmöglichkeiten, oder auch spezielle Schulungen für Angehörige von Demenzkranken zu besuchen, etwa die Schulungsreihe für Angehörige von Alzheimer- und anderen Demenzerkranken „Hilfe beim Helfen“, die von den örtlichen Alzheimer-Gesellschaften angeboten wird
  • Sich auszutauschen mit anderen pflegenden Angehörigen, z.B. in Selbsthilfegruppen, um sich gegenseitig zu entlasten und Tipps zu bekommen, die den Alltag erleichtern, um zu erleben, dass man in dieser Situation nicht allein ist
  • Sich Individuell beraten zu lassen. Manchmal entwickelt sich daraus eine andere Sicht auf die Situation, man fühlt sich nicht mehr so hilflos, und es kann gelingen, sich wieder für anderes zu öffnen und mehr auf sich zu achten
  • Sich Unterstützung zu organisieren: im privaten Umfeld (Familie, Freunde, Nachbarn), durch Ehrenamtliche (Helferinnenkreis, Betreuungsgruppen) oder durch ambulante oder stationäre Angebote.

Tipps von Angehörigen für Angehörige zum Stressabbau
In einer Gruppe von Angehörigen wurden folgende Tipps genannt:

  • Rechtzeitig um Hilfe bitten
  • Offen mit der Krankheit umgehen – anderen die „Veränderungen“ erklären
  • Auch anderen etwas zumuten – nicht nur sich selbst
  • Immer wieder mal tief durchatmen
  • Sich selbst etwas Gutes tun (Bummeln gehen, sich mit einer Massage oder beim Friseur verwöhnen lassen)
  • In der Küche das Radio anstellen und dazu tanzen
  • Kleine Dingen bewusst wahrnehmen und sich daran erfreuen (etwa an Blumen, Tieren, Bäumen)
  • Humor: Immer wieder aus vollem Herzen lachen
  • Einen Film anschauen, ein spannendes Buch lesen und so in eine andere Welt eintauchen
  • Körperlich aktiv sein (Spazieren gehen, die Natur erleben, schwimmen gehen, Fahrrad fahren)
  • Nicht mit dem Kranken diskutieren – manchmal hilft es, aus der Situation zu gehen
  • Gewohnte Muster durchbrechen

Darüber hinaus gibt es zahlreiche Möglichkeiten Ruhe und Entspannung zu finden, die z.T. in Kursen vermittelt werden. Etwa die Methode der Progressiven Muskelentspannung nach Jacobsen, Autogenes Training, Yoga. Auch homöopathische Mittel können unterstützend wirken. Bei Belastungen durch Stress, Ängste oder Depression kann psychotherapeutische Unterstützung hilfreich sein, die ärztlich verordnet werden kann.

Jeder sollte das wählen, was ihm individuell entspricht und wozu er einen Zugang findet.
Helga Schneider-Schelte, Berlin

Literatur:

  1. Lazarus, R. S. Streß und Streßbewältigung – Ein Paradigma. In: Filipp, S.-H. (Hrsg.). (1981). Kritische Lebensereignisse. München: Urban und Schwarzenberg, S. 198-232.
  2. Wilz, G.; Adler, C., Gunzelmann, Th. (2001) Gruppenarbeit mit Angehörigen von Demenzkranken. Ein therapeutischer Leitfaden. Göttingen: Hogrefe-Verlag.

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Bedürfnis und Bedarf

Dienstag, 18. Januar 2011 von Heidi

Während der Weihnachtsfeiertage und zum Jahresübergang waren unsere Betreuungsgruppen geschlossen. Um die Versorgung meiner Mutter zu gewährleisten nahm ich Urlaub. Zweieinhalb Wochen 24 Stunden Einsatz, wird schon gehen. Ich hatte einen Plan aufgestellt von Soll, Ist, Möchte. Keine von uns beiden sollte zu kurz kommen. Urlaubsgenuss mit geregeltem Tagesablauf.

Die ersten beiden Tage lief alles nach Plan. Ich war morgens, abends, nachts wie üblich im Einsatz. Tagsüber kam mir die Aufgabe des Alleinunterhalters zu. Wohlgemerkt, Mutter spricht nicht mehr. Alleine Aufrichten, Stehen, oder etwa eine Buchseite umblättern, kann sie nicht. Gut, dass wir eine Vogelfutterstelle vor dem Fenster haben. Nach dem Frühstück Mutter aufs Sofa gesetzt, genießt sie den Anblick, döst, schaut interessiert zu. Ich hätte eigentlich meinen Erledigungen nachgehen können. Aber es gab einen Unterschied zwischen dem Bedürfnis und Bedarf.

Unsere Grundbedürfnisse waren identisch: essen, trinken, WC, Aktion, Schlafen. Der Bedarf ein ganz anderer. Mutter braucht drei regelmäßige Mahlzeiten, ich nicht. Sie soll eine bestimmte Menge trinken, ich nur wenn ich Durst habe. Sie müsste alle zwei, drei Stunden aufs WC oder zum Windeln kontrollieren, ich gehe wenn ich muss. Sie ist an ein aktives Betreuungsprogramm außer Haus gewöhnt, mit Spazierengehen, Transport. Ich lese lieber, möchte den Keller aufräumen und das Haus bei dieser Kälte nicht verlassen. Schlafen, Ausruhen? Na ja, nachts bin ich diejenige zum Umlagern, sie schläft dabei weiter. Nachholen am Tag? Während Mutter nach einer Viertelstunde Siesta den Kopf hob und mich erwartungsvoll anschaute, wäre ich lieber noch ein, zwei Stunden auf dem Sofa geblieben. Nie wurde mir so deutlich, dass eine Mahlzeit mittlerweile locker eine Stunde dauert, wenn ich Mutter alleine mit dem Löffel hantieren lasse und nach der Hälfte der Mahlzeit jeden Bissen anleite. Das Trinken einer Tasse Wasser: eine halbe Stunde, wir halten beide die Tasse.

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Heute schon gelächelt?

Donnerstag, 18. Dezember 2008 von Heidi

Meine demenzkranke Mutter zeigt fast ununterbrochen ein breites Grinsen. Sie ist deshalb in ihren Betreuungsgruppen ungemein beliebt. Viele kommen ihr besonders nett entgegen.

Mittlerweile habe ich herausgefunden, ob sie wirklich strahlt oder nur die Zähne bleckt. Letzteres kombiniert mit Stirnrunzeln bei Konzentration. Es gibt das verzweifelte Lächeln und die Hilflos-Version. Egal welche Variante im Einsatz ist, sie führt dazu, in der Straßenbahn, dass Wildfremde uns spontan freundlich zunicken, zurücklächeln, während sie den Rest der Fahrt ernst dreinschauen, deutlich bemüht, jeden Blickkontakt zu vermeiden. Mutter’s Lächeln dagegen löst sehr leicht ein nettes Schwätzchen aus.

Auch ich lächle meine Mutter oft an. Ein Freund hat mir dazu ein Patentrezept verraten. Nämlich, so ZU TUN, als lächelte ich wirklich. Es geht ganz einfach, wenn Sie wollen, probieren Sie es gleich mal aus. Jetzt beim Lesen, später vor dem Spiegel.

Sprechen Sie den Buchstaben E (wie Emil) leise und langgezogen aus. EEE! Was passiert? Die Mundwinkel, auf die Sie gerade beinahe drauftreten, wandern nach oben. Die Lippen öffnen sich, die Zähne blitzen. Ähnlich wie beim Fotografieren, wenn alle „sexy“ sagen sollen. Wir grinsen dann. Beim EEE gibt es aber keine Assoziation die uns ablenkt. Ich kann das EEE-Lächeln auch zum Strahlen bringen. Je höher die Tonlage beim Aussprechen, desto näher bin ich am wirklichen Lächeln. Mittlerweile klappt es, einfach nur EEE zu denken. Recht schnell entsteht daraus echt gute Laune.

Wir spielen jetzt immer öfter das EEE-Spiel: ich schaue meine Mutter an und sage EEE. Ab der vierten, fünften Wiederholung antwortet sie mit EEE. Und fast automatisch sagt unser Sitz-Gegenüber „Süüüß!“ Die Demenz ist für einen Augenblick vergessen. Probieren Sie es aus!

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