Läßt Alzheimer uns den Tod entschuldigen?

Montag, 19. September 2011 von M. Paillon

In der Süddeutschen Zeitung gibt es einen Artikel:  Das Scheitern der Alzheimer-Forschung

Hier ein Zitat daraus:

“Ein 100-Jähriger, der noch die gleiche Gier aufs Leben hat wie ein 20-Jähriger, könnte doch gar nicht sterben”, sagt Beyreuther, der das Heidelberger Netzwerk für Alternsforschung leitet. “Alzheimer lässt uns den Tod akzeptieren.”

http://de.wikipedia.org/wiki/Konrad_Beyreuther

Eine sehr lange Liste von Ehrungen und Auszeichnungen, doch nach dieser Aussage frage ich mich, ob Herr Professor Beyreuther schon einmal in einem Seniorenheim hospitierte? Seit Jahren begleite und betreue ich in einer Seniorenresidenz fünf Menschen, die alle in diesem Jahr 100 Jahre alt geworden sind. Ich möchte behaupten, sie werden in Ruhe sterben können… Weil sie ihr Leben gelebt haben, es zum großen Teil heute aus einer höheren Warte rückblickend betrachten können. Es ist beeindruckend, wie wissend und weise sie geworden sind. Es macht demütig, welche Güte sie ausstrahlen. Aus unzähligen Gesprächen weiß ich, dass sie vieles nicht vergessen, aber verziehen haben. Ich sehe mit an, dass das sehr hohe Alter den Tod akzeptieren lässt, aber die Lust auf und am Leben bis zuletzt besteht…

Nach meiner Beobachtung sterben Menschen mit Alzheimer nicht anders. Angehörige von Alzheimer-Patienten akzeptieren den Tod vielleicht manchmal eher – mag es daran liegen, dass die Zeit des Abschieds länger dauert?

Ich würde mich freuen, in Kommentaren andere Meinungen zu diesem Artikel zu lesen!

Mit freundlichen Grüßen

M. Paillon

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Das Ende

Montag, 1. März 2010 von Dagmar

Am Bett meiner Mutti sitze ich und muß weinen. Ich will nicht weinen. Ruhe möchte ich ausstrahlen. Zuversicht geben. Es gelingt mir nicht. Die Tränen rollen über meine Wangen. Ihre Hände halte ich. Sprechen kann ich nicht, meine Stimme versagt mir. Auf den Sensenmann warte ich. Möge sie erlöst werden von ihren Schmerzen. Ein ganz schwaches Lächeln, kaum zu erkennen, huscht über ihr Gesicht. Froh bin ich, dass sie zu Hause ihre Augen für immer schließen kann. Ihr röcheln, ihren Kampf mit anzusehen tut unendlich weh. Einen friedlichen Tod habe ich ihr gewünscht. Gewiss das Morphium dämpft alles. Das Unvermeidliche tut weh, ist schmerzhaft. Kaum auszuhalten.

Drei Wochen mit Höhen und Tiefen liegen hinter uns. Am Todestag von ihrem Mann unserem Vater nahm ich schon einmal Abschied. Abschied von ihr. Die Nacht saß ich auch an ihrem Bett. Gegen Morgen mußte ich mich hinlegen. Ich war gefasst, gefasst auf das Ende. Sie sagte mir Etwas und lächelte. Das Gefühl gab ich ihr, sie zu verstehen. Selten konnte sie einzelne Worte hervorbringen. In dieser Nacht setzte ihr Atem oft aus. Ich wartete, wie lange weiß ich nicht, meinen Atem hielt ich an und lauschte. Mit leiser Stimme rief ich ihren Namen “Margot”. Sie holte tief Luft und atmete weiter. Habe ich sie mit meiner Stimme zurückgeholt? Ich weiß es nicht. Vielleicht hätte ich sie nicht ansprechen sollen, dann wäre ihr das qualvolle Ende erspart geblieben.

Ich weiß es nicht. Eine Antwort will ich nicht. Sie konnte zum Schluß keine Nahrung zu sich nehmen. Verzweifelt war ich. Für sie habe ich alles menschenmögliche getan. Ihr ging es gut, gut trotz ihrer Krankheit. Sie ist unsere Mutter. Ein erfülltes Leben mit 90 Jahren liegt hinter ihr. Wir hätten uns die letzten gemeinsamen 10 Jahre voll genießen können, aber ihr Alzheimer prägte unser beider Leben. Es tut weh Abschied zu nehmen.

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Wie schlimm die Demenz seiner Uroma für meinen Sohn war, habe ich viel zu spät verstanden

Donnerstag, 11. Dezember 2008 von Susanna S.

Am 1. Advent ist meine Großmutter gestorben. Wir haben an diesem Tag ihren 97. Geburtstag mit ihr gefeiert. Vor mehr als 11 Jahren ist bei ihr eine Demenz – “Alzheimer mit untypischen Verlauf” – diagnostiziert worden und seit 5 1/2 Jahren hat sie in einem Heim gelebt.

Lange Zeit ging es meiner Großmutter im Heim relativ gut. Sie fühlte sich wohl und gut versorgt und die Demenz schritt so langsam voran, dass wir manchmal an der Dignose zweifelten. Erst in den letzten Monaten baute sie auch körperlich sehr ab und verbrachte die letzte Woche vor ihrem Geburtstag im Krankenhaus. Wir haben sie als ganze Familie dort besucht. Wie eine Antwort auf ihre ständig wiederkehrende Frage “Wen hab ich denn noch? Wer gehört denn noch zu mir?” haben sich an diesem Tag alle, die noch zu ihr gehörten, bei ihr versammelt. An ihrem letzten Tag war sie schon nicht mehr ganz in unserer Welt. Sie öffnete die Augen nicht mehr und konnte auch nicht mehr mit Worten auf unsere Zuwendung reagieren. Trotzdem merkten wir immer wieder, dass sie uns, die Gebete, die wir sprachen, und die Lieder, die wir sangen, wahrnahm. Der Anblick meiner Großmutter, die so dünn und schwach geworden war, rührte mich zu Tränen. Die heftige Reaktion meines 18jährigen Sohnes hat mich dennoch überrascht. Er brach in Tränen aus und war untröstlich. (Weiterlesen…)

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