nichts bleibt, wie es ist…

Montag, 16. November 2009 von helgajuttapetrauwe

wieder ein schub – ohne vorwarnung kommt er und wir kinder müssen uns neu orientieren, unsere rolle, unsere aufgabe darin neu definieren, finden.

im tagesraum, in dem sich all die anderen dementen damen befinden und in dem es wohnzimmermäßig lebhaft ist, ist sie nicht mehr so oft zu finden. wenn ich komme. dann liegt sie in ihrem bett, meistens schläft sie ruhig und friedlich oder sie schaut einfach so vor sich hin. aber sie strahlt jeden an, der herein kommt und sie freundlich anspricht und sie scheint auch uns, ihre angehörigen zu erkennen. das strahlen ist lustig anzuschauen: sie mag ihre zähne morgens nicht mehr “anziehen” und dementsprechend fällt ihr kiefer nach innen und es sieht wirklich sehr, sehr lustig aus, wenn sie “breit grinst”.

wir planen wieder einmal eine umstellung zusammen mit dem personal: ein neuer rollstuhl soll her, mit lehne, damit sie, wenn sie müde wird, auch im tagesraum ein nickerchen machen kann, ohne dass ihr der kopf schmerzhaft in den nacken fällt. dann kann ich wieder mit ihr ausser haus, spazieren gehen und so wird sie den sozialen kontakt nicht verlieren. gute aussichten, scheint mir.

bis zu dem tag, an dem mein mann + ich in frankfurt sind, nur für zwei tage. am samstagmorgen um halb acht klingelt das handy…kein gutes zeichen.

wir fahren sofort zurück. und wieder ist alles anders: ein sauerstoffschlauch in ihrer nase zeugt von dem geschehen – ihr hausarzt war da, jetzt geht es wieder. aber wir finden nicht wirklich kontakt zu ihr, sie schläft vor allem, wirkt angespannt, die stirn gerunzelt, die nackenmuskulatur hart. sie schaut nicht , lächelt kaum, was wir nicht kennen! geschwister-versammlung am bett, verhalten optimistisch trotzdem. nur zögernd verlassen wir sie, man gewährt einander das alleinsein mit der mutter.

sonntagabend. alle fahren wieder zu ihren arbeitsorten zurück, eine unruhe in sich. es ist nicht mehr der alzheimer, der das auslöst.

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mit rollstuhl+rennrad-brille

Montag, 28. September 2009 von helgajuttapetrauwe

nachdem ich zu meinem leidwesen feststellen musste, dass meine mutter an frischer luft und sonne immer wieder die augen zukniff, weil sie tränten bis hin zum völligen zukneifen und wir den rückweg antreten mussten – egal ob vom fest auf dem bebelplatz oder vom weg zum supermarkt – ohne, dass sie in den genuss der gesellschaft bzw. ablenkung oder abwechslung vom heim-alltag kam, hab ich ihr heute zum einkaufen kurzerhand meine rennrad-sonnenbrille aufgesetzt: sie ist rot, schützt die augen sowohl vor sonne als auch vor wind und sieht total cool aus…! ging prima, sie konnte auf dem weg dahin schauen und mir dann beim einkaufen “helfen”, indem sie die waren in den auf dem angebrachten therapie-tisch abgestellten einkaufskorb einlegen sollte. am meisten hat sie sich über die wunderbaren roten tomaten gefreut…ein schöner nachmittag, für sie und für mich.

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wer tröstet wen?

Dienstag, 5. Mai 2009 von helgajuttapetrauwe

erst war ich etwas beunruhigt, als ich heute wie gewohnt meine mutter im heim besuchte: sie war so traurig und das ist an sich nicht ihre art – sie ist eher der sonnenschein des tagesraums mit ihrem strahlenden lächeln als antwort auf jede ansprache. aber heute war sie eben traurig. man sah es am mund, an den augen; man spürte es. und als ich sie fragte, warum – ihr alzheimer läßt ja eigentlich keine “vernünftige” antwort mehr zu – lächelte sie traurig und streichelte mir zärtlich die wange. SIE MIR! was für eine fantastische übertragung ihres kummers auf mich. und ICH fühlte mich tatsächlich getröstet…

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Zusammen im Hier und Jetzt

Dienstag, 5. Mai 2009 von Heidi

 

Jeden Morgen beim Waschen bringe ich stimulierende Elemente mit ein, versuche, Mutter einzubeziehen. Dazu gehört auch, ein Lied zu singen, damit die Sache zum angenehmen Erlebnis statt lästiger Pflicht für uns beide wird. Meistens summt sie nur mit oder lächelt still vor sich hin.

Heute war das Lied dran „Wasser ist zum Waschen da, Fallerie und Fallera. Auch zum Zähneputzen kann man es benutzen….“ Also : mit dem Waschlappen Körperteile rubbeln und singen. Dabei war ich innerlich ganz woanders und überlegte gerade mal wieder, wie sehr Mutter im Laufe der Zeit zu meinem Hauptberuf geworden ist. Diese Gedanken übertrugen sich unbewusst auf mein Lied. Statt „Wasser ist …“ erklang „Mütter sind zum Waschen da, Fallerie und Fallera, auch zum Zähneputzen kann man sie benutzen“. Eigentlich gemein, aber das merkt sie ja eh nicht.

Einen Moment später schüttelte sich meine Mutter und lachte so laut und herzlich auf und strahlte, dass ich mich richtig erschrak. Wann hatte ich sie je so amüsiert gesehen? Was war passiert? Wie ein Blitz wurde mir klar, was ich da gesungen habe. Und dass sie sehr wohl erkannt hat, was ich damit gemeint habe. Ebenso, dass sie genau weiß, sie kann sich alleine nicht mehr waschen, ihre Tochter macht das jetzt. Also musste auch ich lachen, wir amüsierten uns beide noch eine Weile köstlich darüber.

Dieses Erlebnis zeigt mir ganz deutlich, dass Demenzkranke definitiv mitbekommen, was um sie herum und mit ihnen geschieht. Sie verstehen (fühlen), durchaus was wir über sie sagen, erkennen die Tragweite unserer Entscheidungen für und über sie, können Rückschlüsse ziehen. Auch wenn sie sich dazu selten äußern. Ab sofort werde ich rücksichtsvoller und liebevoller mit Mutter umgehen!

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Wie spät ist es eigentlich?

Dienstag, 4. November 2008 von Heidi

Gong! Deutschland stellt um auf Winterzeit. Wir dürfen jetzt morgens eine Stunde länger im Bett bleiben und abends eine Stunde später ins solche steigen. Der Tag hat noch immer 24 Stunden für unabhängige Menschen.

Nicht für meine Mutter. Sie steht auch heute zu der Zeit auf, die ihr Körper schon immer vorgibt.  Darum habe ich meine eigene Schlafzimmeruhr nicht umgestellt. Schleiche mich um halb Sieben aus dem ungewohnt stillen Haus. Die Straßenuhr verweist höhnisch auf öffentliche halb Sechs. An der Bushaltestelle wartet niemand. Beim Bäcker bin ich die einzige Kundin.

Aber in der Küche meiner Mutter brennt das Licht. Sie erwartet mich zur gewohnten Zeit. Sobald ich ihren Morgenkaffee fertig habe, schwanke ich zwischen dem heimlichen Wunsch, noch eine halbe Stunde ins Gästebett zu kriechen und der Erleichterung, viel Zeit für ein gemeinsames Frühstück zu haben. Wir können sicherstellen, dass Mutter eine Tasse mehr Flüssigkeit zu sich nimmt, bevor ich zur Arbeit gehe.

Die Zeitumstellung wäre für uns beide wirklich lohnend, wenn ich nun auch zur üblichen Zeit am Abend bei ihr wieder erscheinen dürfte. Aber sie steht vergeblich an der Tür und wartet. Sie versteht nicht, weshalb ich nicht komme. Die Windel ist nass, der Magen knurrt. Was ist, wenn der Mensch, dem sie vertraut nie mehr kommt?

 

Die Uhrumstellung macht meiner demenzkranken Mutter Angst. Sie kann sich durch Nachdenken nicht beruhigen. Ich kann ihr mein Fernbleiben nicht erklären. Und ich kann sie nicht anrufen, denn sie weiß nicht mehr, wie was das Klingeln des Telefons bedeutet.

Wie viele Abende wird es brauchen, bis Mutter sich an die Winter-Zeit gewöhnt hat?

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Darf ich für dich denken?

Donnerstag, 30. Oktober 2008 von Wilfried Georgi

In der Küche arbeitend höre ich meine Waltraud im Wohnzimmer herzzerreißend weinen und schluchzen. Ich lasse die Arbeit ruhen, gehe zu ihr und frage: “Was hast du mein Schatz?”. Nach ein paar Atemzügen mit weinerlicher Stimme: “Ich weiß nicht wer ich bin – wer bist du? – wo sind wir hier? -  nach einer größeren Pause, in der ich ratlos daneben stehe die schrecklich Feststellung: “Ich kann gar nicht mehr richtig denken!”. -

Da kniee ich vor ihr, meinen Kopf in ihrem Schoß und weine bitterlich – solch schreckliche Feststellung!

“Du kannst nicht den Schwächling machen” schießt es mir durch den Kopf und schon sitze ich neben ihr, halte sie ganz fest, ziehe sie noch enger, ganz eng an mich und frage sie: “Kannst nicht mehr richtig denken?” – “Nein” kommt es mit weinerlicher Stimme von ihr zurück.

Da muss eine Hilfe her! – Ich: “Darf ICH dann für dich denken?” – “Ach bist du ein guter Mann, du bist der beste Mann der Welt!” kommt ihre Antwort mit großer Freude, unterstrichen wieder mit Tränen.

“Das stimmt, aber du brauchst einen guten Mann, du bist nämlich die beste Frau der Welt” – und schon liegen wir uns in den Armen und besiegeln diese schreckliche und doch wunderbare Zweisamkeit mit unendlich vielen Küssen und weinen vor Glück um die Wette.

Noch heute bin ich tief betroffen und lasse den Tränen feien Lauf. Welch wunderbare Erkenntnis! Ein guter Mann und die beste Frau der Welt! Ich musste nun nicht nur, ich konnte auch für sie denken, mich in sie hineinversetzen, ihre Gefühle selbst spüren – wir waren nach 48 Jahren völlig EINS geworden. Nach weiteren 4,5 Jahren, 2,5 Jahre nach der Goldenen Hochzeit, bei deren Fotos nur der geschulte Blick eine Alzheimerdemenz erkennt, durfte sie nach nur 2 Stunden Bettlägerigkeit im häuslichen Frieden ans andere Ufer wandern.

“Herr wie sind doch deine Werke so groß!” war mein erstes Dankgebet -ER hatte uns vor den gefürchteten schwierigsten Phasen dieser Scheißkrankheit bewahrt, von einer 7,5 Jahre langen Abschiedsreise erlöst, uns beide.

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Dran bleiben – nicht zurückziehen!

Freitag, 15. August 2008 von DAlzG

Hans Weber ist 58 Jahre alt, lebt in Berlin und ist von der Alzheimer-Krankheit betroffen.

Herr Weber, Sie sind jetzt im Ruhestand. Was haben Sie davor beruflich gemacht?

Hans Weber: Ich war über 30 Jahre Lehrer und in den letzten Jahren Rektor einer Gesamtschule. Ich war Lehrer mit Leib und Seele und habe mit den Schülerinnen und Schülern gerne Klassenfahrten gemacht, auch ins Ausland, z. B. in die Türkei.

Freter: Wie hat es mit Ihrer Erkrankung angefangen?

Hans Weber: 2004 war ich mit einer Klasse zu einem mehrtägigen Aufenthalt im Norden Berlins. Obwohl es nur wenige Tage waren, war es für mich ungewohnt anstrengend. Einige Zeit später wollte ich im Leistungskurs Mathematik etwas an der Tafel entwickeln und bin dabei gescheitert. Ich habe dann auf dem Flur gesessen und geheult und mir gesagt: „Du kriegst das nicht mehr hin.” Ich bin zum Hausarzt gegangen, der mich mehrmals krankgeschrieben hat. Dann musste ich zum Amtsarzt und wurde mit 54 in den vorzeitigen Ruhestand versetzt.

Freter: Mit der Diagnose Alzheimer?

Hans Weber: Nein, es gab keine klare Diagnose. Im Ruhestand ging es mir zunächst recht gut, da es die schulischen Belastungen nicht mehr gab. Als ich einige Zeit später mehrmals einen starken Druck im Kopf hatte, bin ich im März 2006 zu einem Neurologen gegangen. Dort wurden Gedächtnistests und weitere Untersuchungen gemacht. Schließlich sagte mir der Arzt: „Ihr Gehirn ist geschrumpft. Sie haben Alzheimer und Medikamente gibt es nicht”.

Freter: Keine weitere Aufklärung und Beratung?

Hans Weber: Nein, nichts, auch keine Hinweise auf die weitere Lebensweise und positive Aktivitäten. Natürlich gab es damals auch Medikamente.

Freter: Was haben Sie dann gemacht?

Hans Weber: Ich habe mich noch mal in der Gedächtnissprechstunde einer Universitätsklinik untersuchen lassen. Das Ergebnis war: „Alzheimer 100 Prozent.” Dort wurde ich beraten und mir wurde ein Antidementivum verschrieben, das ich bis heute nehme. Seit zwei Jahren lebe ich also mit der Diagnose Alzheimer. (Weiterlesen…)

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