… und um vier Uhr früh will sie die Pferde füttern!

Samstag, 16. August 2008 von Alzheimer-Telefon

Zur Bedeutung der Biografie im Umgang mit Demenzkranken

Frau A. bittet beim Alzheimer-Telefon um Rat:
„Schon seit einigen Jahren pflege ich meine Schwiegermutter. Sie leidet an Alzheimer-Demenz, ist 86 Jahre alt und lebt bei uns im Haus. Mein Mann hilft, wo er kann, aber die Hauptlast der Pflege liegt bei mir. Bisher ging eigentlich auch alles ganz gut.

Seit einigen Wochen taucht nun aber immer wieder dasselbe Problem auf: Meine Schwiegermutter schläft morgens, ganz entgegen ihrer bisherigen Gewohnheiten, nur noch bis um 4 Uhr, steht dann in der Schlafzimmertür und weckt meinen Mann und mich, meist mit den Worten: „Hast’ die Pferde schon gefüttert?” oder „Jetzt geht’s aber in die Kirch’!” Wenn ich sie zurück ins Bett bringen möchte – mein Mann muss meist früh raus – fängt sie an zu zittern, wird teilweise regelrecht wütend und aggressiv. An Schlaf ist dann für die ganze Familie nicht mehr zu denken, sogar unsere Kinder werden wach und sind unausgeschlafen und meine Geduld ist am Ende angelangt. Was kann ich nur tun?”

Zuerst ist es wichtig zu verstehen, warum sich Frau A.’s Schwiegermutter so verhält. Menschen mit Demenz ziehen sich häufig in die Vergangenheit zurück. Ein wichtiger Schlüssel zur Lebenswelt demenzkranker Menschen findet sich deshalb in deren Biografie und den damit verknüpften Erinnerungen. Das Wissen über ihre Vergangenheit kann uns helfen, schwierige Verhaltensweisen richtig einzuordnen bzw. die Gründe für ein bestimmtes Verhalten zu erkennen und darauf einzugehen. In der Regel ist davon auszugehen, dass Demenzkranke in ihrer eigenen Welt leben und sich entsprechend deren Logik „sinnvoll” verhalten.

Im Gespräch fallen Frau A. alte Fotos ein, die ihre Schwiegermutter als junges Mädchen vor einer Mühle und als Dienstmagd mit Pferden zeigen. Sie erinnert sich an Geschichten von früher, in denen die katholische Kirche große Bedeutung hatte und dass die Schwiegermutter lange an alten Bräuchen festhielt. Nun bekommen die morgendlichen scheinbar verworrenen Äußerungen plötzlich einen Sinn: die harte Arbeit auf dem Land, in der Mühle und mit den Pferden und die religiösen Bräuche sind der Hintergrund für ihr frühes Aufstehen. Die Arbeit muss in ihrer eigenen Wirklichkeit ja erledigt werden und es ist wichtig, jeden Morgen die Kirche zu besuchen. Wenn sie nun von ihrer Schwiegertochter daran gehindert wird, ist es verständlich, dass sie sich darüber aufregt und wütend wird.

Durch diese Informationen über die Vergangenheit kann Frau A. ihrer Schwiegermutter nicht nur wieder mehr Verständnis entgegenbringen, sondern auch mehr Respekt. Die Schwiegermutter kommt zwar teilweise immer noch vor 5 Uhr ins Schlafzimmer ihres Sohnes, lässt sich aber mit dem Hinweis, die Pferde seien bereits versorgt oder der Gottesdienst beginne sonntags doch immer erst um 9.00 Uhr, meist beruhigen. Die morgendlichen Streitereien sind weniger geworden und auch die Besuche der Schwiegermutter im Schlafzimmer ihres Sohnes werden immer seltener. Nicht immer ist es einfach, den Schlüssel für die Vergangenheit und damit den Schlüssel für irritierendes Verhalten zu finden: Auslöser können Gerüche sein oder die Mimik eines bestimmten Menschen, manchmal der Klang einer Stimme, ein Lied oder auch nur ein lautes Klopfen an der Türe. Doch lohnt sich meist die Suche.

Das gegenseitige Verständnis wächst und manchmal taucht sogar ein Teil der Familiengeschichte auf, der vielleicht noch im Dunkeln lag. Einen besonderen Stellenwert hat der biographische Blickwinkel bei Demenzkranken, die in jüngeren Jahren aus anderen Ländern und Regionen zugezogen sind. Häufig wissen wir nur wenig über fremde Kulturen, die dort üblichen Verhaltensweisen und Gewohnheiten. Deshalb kann die Suche nach den passenden „Schlüsseln” zum Verhalten dieser Menschen besonders schwierig aber auch besonders spannend sein.
Ute Hauser, Alzheimer-Telefon

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