Fokus-Artikel: Ver-irren ist menschlich

Montag, 23. März 2009 von Alzheimer Gesellschaft e.V.

Als ich vor vielen Jahren einen Ski-Urlaub in Schweden machte, wusste ich rein gar nichts über Demenz. Eines Abends – es dämmerte schon, als wir mit unseren Skiern aus dem Wald kamen – kam uns ein rüstiger älterer Herr in Strickjacke, mit Hausschuhen, ohne Mütze, forschen Schrittes auf der Loipe entgegen. Ich war so verdutzt, dass ich – wenn ich allein gewesen wäre – auf der abschüssigen Strecke wahrscheinlich weitergefahren wäre. Aber ein junger Mann aus unserer Gruppe reagierte blitzschnell. Er stoppte, schnallte die Skier ab, sprach mit dem Herrn und konnte ihn irgendwie dazu bewegen, wieder umzukehren und mit ihm zusammen in Richtung Dorf zu gehen – Bei den Temperaturen hätte der Mann die Nacht sicher nicht überlebt.

Einige Jahre später erkrankte meine Mutter an Demenz. Und ich war gezwungen, mich weiter mit diesem Krankheitsbild auseinanderzusetzen. Auch sie hatte einen starken Bewegungsdrang und war oft unruhig und getrieben. Dann war sie am liebsten draußen. Im Garten meiner Schwester gab es ein großes Blumenbeet, und um das Beet herum führte ein kleiner gepflasterter Weg, auf dem sie wohl unzählige Kilometer zurückgelegt hat. Sie konnte sich bei jeder Runde erneut an den Blumen erfreuen. Ihr ganzes Leben war immer irgendwie in festen Bahnen verlaufen, sie fand das so ganz in Ordnung. Wir hatten niemals Sorge, dass sie den kleinen Garten allein verlassen hätte.

Anders war es bei meiner Schwiegermutter. Ihr Leben war dadurch geprägt, dass sie schon immer eigene Wege gehen musste – zuerst als Flüchtling dann als junge Witwe. Diese Gewohnheit behielt sie auch bei, als ihr die räumlich Orientierung und das Bewusstsein für Gefahren verloren gegangen war. Es gehörte bei ihr zu den ersten Symptomen, dass sie den Weg zum Bäcker nicht mehr fand. Da sie allein lebte, sahen wir uns gezwungen, ein Heim für sie zu suchen. Wir hatten aber überhaupt keine Ahnung, worauf man dabei achten musste.

Die Atmosphäre erschien uns wichtig. Und das war sie auch. Da es sich um ein sehr gut geleitetes Heim handelte, merkten wir vier Jahre lang nicht, dass das Haus nicht wirklich für Demenzkranke geeignet war. Die Probleme traten erst auf, als die Demenz weiter fortschritt. Der Aufenthaltsraum für die Demenzkranken lag ein Stockwerk höher als ihr Zimmer, meine Schwiegermutter konnte ihn allein nicht mehr finden. Außerdem hatte er nur spärliches Tageslicht; es gab kein Fenster, sondern nur Oberlicht. Zudem hatte sich durch personelle Veränderungen die Atmosphäre drastisch verändert.

Ob es ein Weglaufen oder eher eine Suche war, z.B. nach „denen, die Bescheid wissen“, wie sie selbst sagte, ist schwer zu sagen – Es konnte auch rein zufällig passieren, dass sie an der Haupt-Eingangstür vorbeispazierte und – durch die Lichtschranke – plötzlich die Tür aufging. Das muss ihr wohl wie eine regelrechte Aufforderung erschienen sein, nach draußen zu gehen.

Wir wussten, dass man sie gelegentlich suchen musste. Wie ernst die Lage war, erfuhren wir aber eher nebenbei. Da hieß es, dass sie „schon wieder“ von der Polizei zurückgebracht worden sei. Misstrauisch geworden, riefen wir dort an und hörten, dass sie schon acht Mal registriert worden war. Wieviele Male sie vom Personal gesucht oder von Passanten wiedergebracht worden ist, entzieht sich unserem Wissen.

Wir hätten uns gewünscht, dass wir über diese Dinge besser informiert worden wären. Es wäre meiner Schwiegermutter vieles erspart geblieben, wenn wir frühzeitiger das Heim gewechselt hätten. Aber es fehlte an Beratung und an Hilfestellung bei der Heimplatzsuche. Letztendlich fehlte es auch an wirklich demenzgerechten Unterbringungsmöglichkeiten. Wir wechselten das Heim; nun konnte sie sich nicht mehr in gefährliche Umgebung verirren, sondern nur noch in eines der 50 Zimmer des Wohnbereiches. Den schönen Innenhof konnte sie ohne Unterstützung leider nicht mehr aufsuchen.

Die Heime müssen sich noch besser auf Demenzkranke und ihre besonderen Probleme einstellen. Normalität ist wichtig, überschaubare Wohn- und Lebensbereiche, freier Zugang zur Natur; d.h. ein geschützten Garten, und vor allem Menschen: „die Bescheid wissen“, müssen immer in der Nähe sein

Brunhilde Becker, Oldenburg

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