Dienstag, 19. Januar 2010 von Wilfried Georgi
Dieser Tage fand ich beim Aufräumen einen Merkzettel, den meine Frau zu Beginn ihrer Krankheit noch in ihrer akkuraten Schrift notiert hatte.
Waltraud wusste wohl schon nicht mehr wie man die 2 schreibt und musste sich anders behelfen.
Sie schrieb:
Fra 8.11.62.
Friedchen 11.11.
Waltraud 11.11.
Wilfried 15.11.
Die richtigen Geburtstage sehen so aus:
Fra 8.2.61
Friedchen 11.2.
Waltraud 11.2.
Wilfried 15.2.
Zweimal die Eins geschrieben war in ihrer Welt eine Zwei!
Es hat mich tief berührt!
Stichwörter: Demenz verstehen, Zahlen
Montag, 18. Januar 2010 von helgajuttapetrauwe
frau k., eine meiner “lieblings-dementen” im heim meiner mutter hält sich zur zeit mit ihrem rollstuhl nur noch in ihrem zimmer auf, einem sehr gemütlichen eckzimmer, mit tv, sofa, und vielen erinnerungs-gegenständen. sie ist alleinstehend, hat keine verwandten; sie bekommt psychopharmaka, weil es ihr sonst gar nicht gut geht, sie bekommt dann wahnvorstellungen und ist auch für die anderen bewohnerinnen und das personal nur schwer zu ertragen.
jetzt ist sie sehr ruhig…zu ruhig…? es tut mir im herzen weh, sie so zu sehen, sie scheint dadurch einen teil ihrer persönlichkeit zu verlieren: den lebhaften eben. sonst hat sie so gern und witzig gelacht, hat von ihrer leipziger zeit erzählt und mit freude am mensch-ärger-dich-nicht-spiel teilgenommen, auch die tänze-im-sitzen mitgemacht.
als ich freitag nach dem tanzen zu ihr reinschaute, hörte ich sie jammern: pipimachen, pipimachen…! ihre ganze existenz schien sich in diesem ruf zu manifestieren, zwar nicht laut aber so ausschließlich, so konzentriert, so LEBENSWICHTIG.
sicher, in dem moment war es wichtig: sie kann es nicht allein, sie ist auf hilfe angewiesen - aber mir schien es weder ein vorher noch ein nachher zu geben…nichts weiter als pipimachen, pipimachen. so reduziert auf diese körperliche notwendigkeit.
das macht alzheimer manchmal so erschreckend: diese reduktion - aber schon nächste woche kann es ja sein, dass frau k. wieder lacht…
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Dienstag, 12. Januar 2010 von helgajuttapetrauwe
in der zeit, in der meine mutter im altersheim lebte, fing ich an, mit einigen der - mehr oder weniger dementen - damen einmal in der woche tänze-im-sitzen zu veranstalten, zur freude aller beteiligten und mit viel schwung und (etwas weniger…)sachkenntnis meinerseits. es kam zu kleinen aufführungen, erst zum sommerfest, dann auch zur weihnachtsfeier. personal und leitung des heimes freuten sich, machten mit und bedankten sich herzlich bei mir. für mich war es ein vergnügen und eine gute möglichkeit, mich im heim meiner mutter wohl zu fühlen und es als “unser zuhause” zu betrachten, quasi mit den freundinnen meiner mutter zusammen etwas zu unternehmen.
nun ist meine mutter anfang november gestorben.
ich war zum üben im dezember und auch zur weihnachtsfeier da und als letzte woche der ganze feiertagssrummel vorbei war, meldete ich mich bei der zuständigen schwester und habe jetzt wieder begonnen mit den tänzen-im-sitzen.
ich hatte kein beklommenes gefühl, wie befürchtet, als ich die wohlbekannten räume betrat, den platz meiner mutter ohne sie sah, ihr zimmer wieder belegt. ich spürte eine große vertrautheit mit dem haus, dem personal und vor allem auch mit vielen der bewohnerinnen, die mich freundlich begrüßten, mir zuwinkten, mich anlächelten, ein paar worte mit mir wechselten.
nach dem tanzen dann noch ein kurzer besuch bei einer mir besonders am herzen liegenden dame, die mich anstrahlte; auch sie dement. Sie hatte die letzten wochen in der psychiatrie verbracht, weil keiner mehr mit ihr fertig wurde. ich war heilfroh, dass sie mit mir sprach wie die wochen zuvor, mit mir ihr liebenswertes lachen teilte - und ich weiß: so bald werden die mich nicht los…
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