Dienstag, 16. Februar 2010 von Heidi
Je länger ich meine Mutter betreue, je mehr Zuwendung und Pflege sie braucht, desto kritischer sehe ich meine Umwelt und mich selbst. Und komme ins Kopfschütteln über unsere sogenannte zivilisierte Industrienation, auf die wir so stolz sind.
Mutter und ich haben am Wochenende eine Freundin besucht. Nach dem Mittagessen gingen wir zur Toilette. Windelwechsel war angesagt. Für mich seit langem ein völlig normaler Vorgang. Für meine Freundin nicht. „Toll, dass du das kannst. Dass du sowas auf dich nimmst. Ich könnte das nicht, ihr den Hintern abputzen und sowas“.
Ich war noch dabei, mich und Mutter wortreich erklärend zu verteidigen, die Sache ins Normale zu reden, als der Säugling schrie.
Meine Freundin eilte ins Kinderzimmer, holte das Baby und es war Windelwechsel angesagt. Ich musste (igitt) dabei zusehen und sie erzählte mir beiläufig, dass ihr Mann sich weigere auch mal Hand anzulegen. Er ekle sich so.
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Stichwörter: Alltag, Selbstverständnis, Umwelt
Dienstag, 2. Februar 2010 von Brigitte
Es begann im Jahr 2006, da fiel uns auf, daß Mutti Sachen anstellte, wie das nasse Handtuch in einen Cosmetikeimer zu stecken, ihre Brille nicht mehr zu finden. Was man ihr sagte kurze Zeit später vergessen hat, sie es immer wieder neu fragte, bis man selber am Durchdrehen war. Das sie einen anrief und immer wieder die gleichen Fragen stellten, die man ihr immer wieder beantwortet bis man nicht mehr ans Telefon gehen wollte. Dafür schäme ich mich heute. Das sie ihr Geld suchte und man es ihr weggenommen hat. Das sie ihre Brille suchte sie später in Papier eingewickelt in irgend einer Schublade. Leider lagen unsere Nerven blank und wir reagierten falsch und hatten keine Geduld. Wir wollten mit Mutti zum Arzt, aber sie verweigerte es. Sie wurde immer aggressiver und ging zum Teil auf uns los. Heute denke ich sie hatte Angst, weil wir sie nicht verstanden und sie immer berichtigten. Mein Vater stellte Antrag auf Pflegestufe, der medizinische Dienst lehnte dies zwei Mal ab. Wir wußten uns nicht mehr zu helfen.
Damals ahnten wir das sie an Alzheimer oder Demenz leidet. Ich erkundigte mich bei einer Beratungsstelle. Man sagte mir ,man müsse sich an das Amtsgericht wenden und den Fall schildern. Das wollte ich dann auch nicht, so tat es mein Vater. Vom Amtsgericht und anderen Stellen kamen Leute vorbei, die sich meine Mutter anschauten, mein Vater legte sich zu diesem Zeitpunkt ins Krankenhaus und überließ mir den Part. Sie war sauer auf mich, daß ich so etwas mit der eigenen Mutter mache . Ich war hilflos, am Ende entschied der Amtsrichter, daß meine Mutter eine Berufsbetreuerin zugewiesen bekommt das war im Mai 2007. Mein Vater nahm sich dann eine Putzfrau und meine Mutter sah rot, denn sie sah die Geliebte meines Vaters darin und griff diese Frau immer an. Als dies die Betreuerin mitbekam entschloss sie sich, daß meine Mutter ins Krankenhaus nach Friedberg gebracht werden sollte. Sie bestellte einen Krankenwagen und die Polizei und erklärte meiner Mutter, daß sie nun freiwillig mitgehen kann oder sie die Hilfe der Polizei nutzen muß. (Weiterlesen
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Dienstag, 2. Februar 2010 von Heidi
Zeit und Geduld sind unmodern geworden. Sie sind so unmodern wie Einmachgläser und selbstgenähte Kleidung. Wer eine e-mail oder eine SMS heute nicht sofort beantwortet, erhält kurz danach schon eine drängende Anfrage „hast Du meine mail nicht erhalten?“. Im modernen Industrieland möchte man sich am liebsten selbst überholen.
Demenzkranke sind deshalb unzeitgemäß. Sie wechseln in ihren Gedanken zwischen dem Heute und früheren Lebensabschnitten hin und her und brauchen immer länger für die einfachsten Verrichtungen. Wie wollen wir unseren Angehörigen verstehen, ihn in seiner Lebensphase unterstützen, ihn begleiten, wenn wir eigentlich nicht mehr dazu ausgerüstet sind? Wenn wir mit uns selber viel zu ungeduldig sind und stets in Hektik. Richtig viel Zeit zum Zuhören, zum Spazierengehen, Füttern usw. können wir uns heute eigentlich nicht mehr leisten, jede Minute wird vom Betreuungsdienst berechnet. Alles was Geduld erfordert, ist unbequem, stört.
Paradoxerweise nehmen wir uns Zeit und Geduld für unsere Kleinkinder – die größeren müssen schon selber sehen. Und für unsere Haustiere. Hier schmusen wir, gehen Gassi (bis das Geschäft getätigt ist, auch wenn es noch so lange dauert). Und für die Lieblingsserie im TV haben wir natürlich Zeit, denn da ruhen wir auf dem Sofa aus. Natürlich nicht Händchen haltend mit Oma oder Opa.
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Stichwörter: Bedürfnisse