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Zeit und Geduld für Demenzkranke

Dienstag, 2. Februar 2010 von Heidi

Zeit und Geduld sind unmodern geworden. Sie sind so unmodern wie Einmachgläser und selbstgenähte Kleidung. Wer eine e-mail oder eine SMS heute nicht sofort beantwortet, erhält kurz danach schon eine drängende Anfrage „hast Du meine mail nicht erhalten?“. Im modernen Industrieland möchte man sich am liebsten selbst überholen.

Demenzkranke sind deshalb unzeitgemäß. Sie wechseln in ihren Gedanken zwischen dem Heute und früheren Lebensabschnitten hin und her und brauchen immer länger für die einfachsten Verrichtungen. Wie wollen wir unseren Angehörigen verstehen, ihn in seiner Lebensphase unterstützen, ihn begleiten, wenn wir eigentlich nicht mehr dazu ausgerüstet sind? Wenn wir mit uns selber viel zu ungeduldig sind und stets in Hektik. Richtig viel Zeit zum Zuhören, zum Spazierengehen, Füttern usw. können wir uns heute eigentlich nicht mehr leisten, jede Minute wird vom Betreuungsdienst berechnet. Alles was Geduld erfordert, ist unbequem, stört.

Paradoxerweise nehmen wir uns Zeit und Geduld für unsere Kleinkinder – die größeren müssen schon selber sehen. Und für unsere Haustiere. Hier schmusen wir, gehen Gassi (bis das Geschäft getätigt ist, auch wenn es noch so lange dauert). Und für die Lieblingsserie im TV haben wir natürlich Zeit, denn da ruhen wir auf dem Sofa aus. Natürlich nicht Händchen haltend mit Oma oder Opa.

Wir nehmen uns Zeit, ins Heim zu gehen, den Angehörigen dort zu besuchen. Eine genau abgemessene Zeit, für Einige eine Pflichtübung. Dort haben wir für einige Stunden Geduld.

Und wie sieht es mit der häuslichen Betreuung aus? Im vertrauten Umfeld überkommt uns wieder die Hetze, die Perfektion, das Unverständnis.

Sind wir wirklich so modern geworden, dass Zeit, Verständnis, Geduld für unseren wehrlosen Angehörigen mit einem anderen Maß gemessen werden?

Mag für ein Kind ein „eile dich, trödel nicht so, immer brauchst du so lange“ – meistens eine „ist mir doch egal“ Reaktion bewirken, kann diese Aussage von meine demenzkranke Mutter als Zurechtweisung, Beschuldigung und Abwertung aufgefasst werden. Also extrem verletzend. Genau das Gegenteil von dem, was ich im Demenz-Seminar gelernt habe.

Als mich im IKEA Restaurant unsere Tischnachbarn beim Weggehen lobten „Sie machen das ganz toll mit Ihrer Mutter“ – da war ich überhaupt nicht stolz auf mich. Im Gegenteil. Es war mir peinlich, denn eigentlich habe ich mich ganz normal verhalten. Oder etwa doch unzeitgemäß?

Stichwörter:

Themen: Allgemein, Erfahrungen von Angehörigen

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