Schulpflichtig oder nicht?
Frau F., eine 88-jährige Bewohnerin, befand sich einige Monate lang in einer Phase, in der sie ständig meinte, zur Schule gehen zu müssen. Das konnte ihr zu jeder Tages- und Nachtzeit einfallen. Sie zog sich dann komplett an, vergaß auch Schal und Mantel nicht und schaffte es sogar, sich ganz akkurat die Schnürsenkel zu binden. Glücklicherweise begenete sie meistens jemandem von uns, noch bevor sie das Haus verließ.
Wo immer wir sie auch trafen, mußten wir uns etwas einfallen lassen, um sie zum Bleiben zu überreden. Da sie ja der festen Überzeugung war, erst 14 Jahre alt zu sein und dringend zur Schule gehen zu müssen, hätte es wenig Sinn gehabt, sie auf ihr fortgeschrittenes Alter aufmerksam zu machen und darauf zu hoffen, dass ihr einfiele, dass es mit der Schulpflicht schon etwas länger her war. Im Gegenteil, sie hätte sich unverstanden gefühlt und sich erst recht auf den Weg gemacht.
Also hieß es: Heute ist gar keine Schule, es ist Sonntag; es sind gerade Schulferien; es ist glatt auf den Straßen, deshalb fällt die Schule aus, bis hin zum Ausflug der Lehrer, die sich auf einem Weihnachtsmarkt vergnügen wollten.
Bereitwillig gab sie sich jedesmal mit den Antworten zufrieden und sagte erleichtert: “Gott sei Dank, dann kann ich ja ganz in Ruhe einen Kaffee trinken und muß mich nicht so beeilen. Ich hatte schon Angst, dass ich zu spät komme.”
Nachdem wir sämtliche Ausreden mehrfach benutzt hatten und sie wieder einmal zum Bleiben überreden wollten, sagte sie ganz erstaunt: “Mein Gott, ich hab aber auch ein Glück in letzter Zeit! Immer, wenn ich verschlafe, ist es entweder am Wochenende oder in den Schulferien!”





